Süddeutsche Zeitung

Wörthsee:Bis an die Urfesten

Der Kirchenwirt in Steinebach soll wieder in altem Glanz erstrahlen. Er prägt den Ort seit 120 Jahren - auch mit Schlagzeilen und Legenden

Von Christine Setzwein, Wörthsee

Noch braucht es viel Fantasie für die Vorstellung, dass zwischen diesen kahlen Ziegelmauern eines Tages wieder Gäste sitzen. Aber die Gemeinde Wörthsee gibt viel Geld aus, damit aus dem historischen Kirchenwirt in Steinebach wieder ein Schmuckstück wird. Bei einer Baustellenbesichtigung am Mittwoch stellten Bürgermeisterin Christel Muggenthal und die Architekten Laura Lübenoff vom Büro Hirner und Riehl sowie Boris Kauba und Grischa Heyer das Projekt vor.

Die Entkernung der Traditionsgaststätte ist abgeschlossen. Nur die rohen Fußböden, Decken, Wände und Stützbalken sind stehen geblieben von dem Gebäude, das 1891 gebaut wurde und seitdem das Ortsbild Steinebachs prägt. So soll es bleiben und der Kirchenwirt, wie das frühere "Raabes Wirtshaus" heute heißt, wieder zum Treffpunkt der Wörthseer werden.

Eine große Ziegelwand soll nicht verputzt werden, "weil wir von den Urfesten von 1891 etwas zeigen wollen", sagt Bauamtsleiterin Ute Bigale. Grüne Fensterläden sollen es werden, der Balkon mit dem alten schmiedeisernen Geländer soll von der Seite nach vorne versetzt werden. An der Wand entlang ist eine umlaufende Bank geplant, unter der sich eine Radiatorenheizung befindet. Der Gastraum ist für 36 Personen ausgelegt plus acht an der Bar, im abzutrennenden Stüberl finden 41 Gäste Platz. Dort könnten dann auch Familienfeiern stattfinden, meint Muggenthal. Wie Wirtshaus und Küche letztendlich eingerichtet werden, wird der neue Pächter entscheiden, sagt die Bürgermeisterin. Noch gibt es keinen, am Text der Ausschreibung wird noch gefeilt, auch über die Höhe der Pacht muss sich der Gemeinderat noch einigen. Das Stellenangebot wird dann auch auf der Homepage der Gemeinde veröffentlicht.

Das markante Wirtshaus mit Biergarten muss erhalten bleiben, darüber war sich der Gemeinderat Wörthsee 2017 einig, als das Areal zum Verkauf stand. Statt es Investoren zu überlassen, griff die Gemeinde zu mit der Absicht, nicht nur den Kirchenwirt zu sanieren, sondern das Quartier zu einer lebendigen Ortsmitte zu entwickeln mit bezahlbaren Wohnungen, kleinen Gewerbeflächen, Veranstaltungssaal und Spielplatz. Im Biergarten sollen wieder Kastanien gepflanzt werden.

2,3 Millionen Euro hat das Grundstück mit Gaststätte und Nebengebäuden gekostet. Insgesamt investiert die Gemeinde laut Muggenthal 18,5 Millionen in das Dorfzentrum. Das Grundstück sei bezahlt und mittlerweile 3,2 Millionen Euro wert, so die Bürgermeisterin. "Außerdem rechnen wir mit einer guten Unterstützung durch Fördergelder." Damit der Gemeindehaushalt durch diese Summen nicht belastet wird, wurde schon 2017 der Eigenbetrieb "Gemeindewerke Wörthsee" gegründet.

Der Kirchenwirt in Steinebach hat eine bewegte Geschichte. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts war die Gaststätte über dem Wörthsee ein beliebtes Ausflugsziel. Scharen von Wallfahrern erholten sich hier, Franz Beckenbauer wohnte eine Zeitlang in Wörthsee und war ein gern gesehener Gast. Schlagzeilen machte 1971 ein großes Sängerfest mit 400 Besuchern, als es zu einer Rauferei und Messerstecherei im Biergarten kam, nachdem ein Gastarbeiter die 17-jährige Tochter eines Einheimischen angesprochen hatte. 1977 übernachtete sogar das gesuchte RAF-Mitglied Günter Sonnenberg beim Raabe.

Am berühmtesten gemacht hat das große Haus freilich Wilhelm Raabe, besser bekannt als "Tiger Willi". Seine Großeltern hatten 1911 das Wirtshaus gekauft, seine Eltern führten es mit der dazugehörigen Metzgerei weiter. "Helmi" wurde 1947 in Steinebach geboren, musste zunächst eine Metzgerlehre machen und sollte das Wirtshaus übernehmen. Aber Metzgern war nicht seine Sache. Lieber spielte er Gitarre und las Goethe, Schopenhauer und Adorno. Mit 27 holte er das Abitur nach und studierte Geschichte, Kunstgeschichte, Philosophie und dann auch noch Sozialpädagogik. Bis zur Rente 2012 arbeitete Wilhelm Raabe in Stockdorf im Wohnheim des Bayerischen Bauindustrie-Zentrums, wo er junge Handwerker betreute.

Im Kirchenwirt traten die Großen der Kabarettszene auf: Von 1998 bis 2011 holte Moni Rother sie auf ihr "Brettl" im ersten Stock. Sigi Zimmerschied, Ottfried Fischer, Jörg Maurer, Eisi Gulp waren da. Und natürlich der Tiger Willi in seiner Tiger-Weste und dem Tiger-Käppi auf dem Kopf. Bis die Kontrolleure des Landratsamts einschritten und den Saal wegen unzureichenden Brandschutzes sperrten. Aus war es mit der Kleinkunst in Steinebach. Wilhelm Raabe, der schillernde Songpoet, starb 2018 im Alter von 70 Jahren.

Mit der Eröffnung des generalsanierten Kirchenwirts und mit dem Bezug der Wohnungen rechnet die Gemeinde spätestens im Frühjahr 2023.

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SZ vom 11.06.2021
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