Süddeutsche Zeitung

Gastronomie:"Achselschwang ist wie eine große Familie"

Franziska und Renato Jost haben mehr als 35 Jahre die beliebte Gaststätte in dem Weiler geführt - jetzt suchen sie Nachfolger. Im Staatsgut wohnen wollen sie aber weiterhin mit Sohn und Enkelkindern.

Von Armin Greune, Utting

Der letzte Schnitzeltag und das letzte Ausflugs-Wochenende sind geschafft. Nun herrscht erst einmal Ruhe in der Gaststätte von Gut Achselschwang, aber neue Pächter werden händeringend gesucht. Die bisherigen Wirte, Franziska und Renato Jost, könnten für das Fünfseenland einen neuen Rekord an Lebensarbeitszeit aufgestellt haben: 35 Jahre und zwei Monate lang haben sie ihre Gäste bewirtet. Vier Wochentage waren sie je zwölf Stunden am Tresen und in der Küche beschäftigt, am Wochenende war ihr Lokal durchgehend von zehn Uhr morgens bis ein Uhr nachts geöffnet. Seit September 1988 also 78 Stunden wöchentlich - für jeden. Und "nebenher" haben sie auch noch zwei Kinder großgezogen.

So gesehen ist es mehr als verständlich, dass sich das Paar nun in den Ruhestand verabschiedet. Franziska, die für den Service zuständig war, ist 61, Koch Renato 68 Jahre alt. Gesundheitlich fühlen sie sich zwar immer noch fit, aber sie wollen "vom Leben noch etwas haben", sagt der Chef. Dennoch fällt ihnen der Rückzug schwer: Die vielen Stammgäste und die Wirtschaft sind ihnen ans Herz gewachsen. "Es ist halt wichtig, was aus dem Haus wird", sagt Franziska; die Pächter sind um die Zukunft der Gaststätte besorgt, weil keine Nachfolger in Sicht sind. Das Lokal ist ihr Lebenswerk: Zur Jahrtausendwende haben sie bei der umfangreichen Renovierung des denkmalgeschützten Gebäudes mitgewirkt. Schon acht Jahre zuvor hatten die Josts den Umbau der Innenräume und die Heizungsinstallation eigenhändig bewerkstelligt.

Natürlich haben sich in all den Jahren an den Wänden eine unübersehbare Menge an Erinnerungsstücken angesammelt. Da finden sich unter anderem: mehrere Schützenscheiben, zwei Wolpertinger, Felle, Fotografien, Malereien von Kindern und Sinnsprüche auf Holztafeln. Außer der eigentlichen Gaststube mit Tresen gehören zum Wirtshaus ein "Reiterstüberl" für bis zu 20 Gäste, ein Saal mit 90 Plätzen und ein kleiner Biergarten. Dort fanden sich an sonnigen Wochenenden bis zu 60 weitere Besucher ein. Regelmäßig war das auch zum "Schnitzeltag" der Fall, Gäste ohne Reservierung hatten dann keine Chance. 8,50 Euro verlangten die Josts zuletzt für eine Portion mit Pommes, bis zu 230 Teller gingen dienstags über den Tresen.

Ihren Erfolg verdankten die Schnitzel nicht nur allein dem Preis - sie fielen schließlich in Renatos kulinarische Kernkompetenz als Österreicher. Wie seine Frau stammt er aus dem Pinzgau, wo er nach einer Gastronomielehre bereits 16 Jahre als Kellner und Koch gearbeitet hatte, bis er Achselschwang entdeckte. "Ich bin zufällig hierher geraten", erzählt Renato. "Ich war bei meiner Schwester in Entraching zu Besuch und half bei einem Reitturnier im Gut mit". Dabei lernte er das historische Wirtshaus zunächst als Gast kennen.

Es ist als einziges Gutsgebäude als "zweigeschossiger Satteldachbau mit zweiflügeligem, in klassizistischen Formen verziertem Portal" in der Denkmalliste aufgeführt. Der Kern stammt aus dem Jahr 1809, doch schon um 1600 stand an der Stelle ein Wirtshaus. Es brannte jedoch im Dreißigjährigen Krieg fast völlig aus: Die "Schweden" steckten bei der Plünderung auch das Gut in Brand, das seit dem Spätmittelalter zum Kloster Dießen gehörte. Nach der Säkularisation wurde Achselschwang zum Militärfohlenhof und beherbergte bis 1952 das königliche Stammgestüt. Seitdem hat der Freistaat dort vom Pferd aufs Rind umgesattelt; Reitplätze, -hallen und -ställe sind seit 20 Jahren verpachtet und in privater Hand. Die Gutsgastronomie hat der Staat an eine Münchener Großbrauerei vergeben, die sie wiederum an Wirte verpachtet.

Gerne erinnern sich die Josts an die Zeit, als ihr Lokal den Titel "Gestütsgaststätte" noch zurecht trug und sie die Bewirtung für Reitturniere von Studentenwettbewerben bis hin zu den Military-Europameisterschaften 1993 übernahmen. Zu ihren Gästen zählten damals Adelshäuser wie Thurn und Taxis oder Mark Phillips, der bis zur Scheidung 1992 mit der britischen Prinzessin Anne verheiratet war. Der Goldmedaillengewinner im Team-Vielseitigkeitsreiten bei den Olympischen Spielen baute den Achselschwanger Parcours mit auf. "Ein sehr netter, ganz legerer Mann", sagt Franziska Jost. Sie erinnert sich, wie sie ihm einmal die Milch zum Kaffee servieren musste - in Ermangelung von Alternativen in einem Spirituosengläschen: "Das ist also der neue Bavaria-Schnaps", habe Phillips augenzwinkernd angemerkt.

Auch noch viele Jahre später hätten immer wieder Military-Reiter bei ihnen vorbeigeschaut, sagen die Josts. Eine der Schützenscheiben hat ihnen ein Förster vermacht, der "eine Woche lang nur von der Wirtschaft aufs Pferd und umgekehrt gesprungen ist", erzählt Renato und lacht. Neben der handbemalten Holzscheibe hängt ein Wimpel, den russische Sportreiter hinterlassen haben. Die Wolpertinger wiederum stammen von Stammtischen, von denen sich bislang ein knappes Dutzend in Achselschwang traf.

Jahr für Jahr seien stets auch dieselben Urlaubsgäste vom Ammersee bei ihnen eingekehrt, manche davon schon in zweiter Generation, sagt Franziska Jost. Aber entscheidend für den Betrieb sei die Pflege der Stammkundschaft aus den Nachbarorten: "Mit denen musst' dich halt verstehen." Zum Service der Wirtsleute gehörte auch ein kostenloser Fahrdienst bei Geburtstagsfesten oder Silvesterfeiern im Saal, den Renato selbst übernahm: "Zu uns muss ja sonst jeder mit dem Auto herkommen." Mit Ausnahme der Achselschwanger: Wenn die Küche des Versuchs- und Bildungszentrums in Ferien ging, speisten Personal und Mitarbeiter in der Gaststätte.

"Wir sind halt eine ganz normale Bauernwirtschaft."

Die jugendlichen Teilnehmer der Melkkurse hingegen schätzten eher das abendliche Getränkeangebot. Sie waren im Lokal genauso willkommen, wie die Hautevolee zu Gestütszeiten. "Wir sind halt eine ganz normale Bauernwirtschaft, wie man früher gesagt hat", fasst Renato Jost zusammen. Ein paar potenzielle Nachfolger hätten sich mit ganz anderen Vorstellungen gemeldet: Ausbaupläne zum Luxusgourmet-Tempel etwa, die schon an der Statik scheitern müssten. "Zu diesem Haus passt nix Überkandideltes", findet Franziska Jost.

"Lieber Gott, ich geh zur Ruh' / decke meinen Bierbauch zu. Bitte lass' den Kater mein / morgen nicht zu furchtbar sein" steht im Gastraum unter einer Uhr. Sie ist auf einem Fassboden montiert, ein Geschenk von Stammtischgästen. Zum Inventar zählen auch zwei Katzen, die müssen die Nachfolger aber nicht übernehmen. Dem Ehepaar Jost steht zumindest vorerst noch im obersten Geschoss des Gasthauses eine 130 Quadratmeter große Wohnung zur Verfügung. Selbst wenn die von den nachfolgenden Pächtern in Anspruch genommen werden würde, hoffen sie, anderswo im Staatsgut unterzukommen. Dort sind ihre beiden Kinder aufgewachsen, auch der Sohn wohnt mit vier Enkelkindern im Staatsgut. Die Eltern fühlen sich ebenso im "Kuhdorf" heimisch: "Achselschwang ist wie eine große Familie", sagt Franziska.

Sie freut sich darauf, künftig mehr Zeit für die zwei Gärten zu haben, die sie pflegt. Und wie ihr Mann will sie sich mehr den Enkelkindern widmen: Die eigenen seien in den langen Arbeitsjahren manchmal zu kurz gekommen, bedauert Renato. Aber steht nicht nach einem halben Leben im 24-Haushalte-Weiler eine Weltreise, eine Kreuzfahrt oder wenigstens ein Städtetrip an? Renato winkt ab, allein die Hektik sei ihm zuwider. "Mir wird's schon zu viel, wenn ich nach Landsberg fahren muss", sagt Franziska. "Wir sind halt schon immer Landmenschen."

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