Süddeutsche Zeitung

Wirtschaft im Landkreis Starnberg:Mit Elektro-Motoren steil nach oben

Die Firma Torqeedo verlegt ihre Produktion in einen Neubau auf dem Flughafengelände bei Oberpfaffenhofen. Zur Einweihung kommt auch Staatskanzlei-Chef Florian Herrmann.

Von Patrizia Steipe

In den Häfen der bayerischen Seen sind die orangefarbenen Propeller an den Außenbordern mittlerweile oft zu sehen. Sie sind das Markenzeichen der Weßlinger Firma "Torqeedo". Nach eigenen Angaben ist das Unternehmen "Marktführer für elektrische Mobilität auf dem Wasser", quasi der "Tesla" der E-Schiffsmotoren und seit fünf Jahren Teil der Deutz-Gruppe, Hersteller von Motoren und Antriebssystemen. In den 17 Jahren seit der Gründung in Starnberg hat das Unternehmen einen Steilflug vollbracht. Der aktuelle Höhepunkt ist die Einweihung des neuen Firmensitzes auf dem Oberpfaffenhofener Flughafengelände.

In dem 8300 Quadratmeter großen Gebäude sind die vorher auf mehrere Standorte verteilten Unternehmensbereiche wie Verwaltung, Produktion und Entwicklung sowie Logistik nun unter einem Dach untergebracht. Bei der Einweihung dabei war auch Florian Herrmann, Chef der Bayerischen Staatskanzlei, ein öfter gesehener Gast auf dem Flughafengelände mit seinen vielen Start-Ups. "Im Halbjahresrhythmus kommt jemand aus der Staatskanzlei vorbei, um wieder ein neues Gebäude zu eröffnen", erklärte er.

Bei der Grundsteinlegung vor einem Jahr durfte die damalige Verkehrsministerin Kerstin Schreyer einen Propeller drehen lassen. Bei der Einweihung war es Staatsminister Herrmann, der in der Werkshalle mit dem Propeller eines E-Schiffsmotors das Wasser im Testbecken aufwirbelte. "Future is now", hatte es in einem Firmenfilm am Anfang der Veranstaltung geheißen. Das ergänzte Herrmann mit den Worten "at home in Bavaria, successful in the world". Immerhin werden die Torqeedo-Antriebe mittlerweile in mehr als 100 Ländern vertrieben. Auch das britische Königshaus gehört zu den Kunden. "Auf der Themse fährt die Prunkbarkasse mit Torqeedo", wusste Herrmann.

Bis zu 85 000 Euro kosten die Hightech-Motoren

In der 1500 Quadratmeter großen Produktionshalle stapelt sich das Lager mit den Bauteilen, den Schrauben und Werkzeugen bis unter die Decke. Ein Gabelstapler fuhr durch die Gänge und holte Nachschub für die Monteure, Arbeiter schraubten die orangefarbenen Propeller an Schiffsmotoren. Dafür waren die Antriebe an Schienen montiert, so dass man sie einfach zum nächsten Arbeitsschritt weiter schieben konnte. In der neuen Halle gibt es neun Produktionslinien, sowohl im Nieder- als auch im Hochvolt-Bereich. Die Mechaniker fertigen hier die kleinen Flautenschieber "Travel" für ein Segelboot auf dem Starnberger See, bei denen es sogar Modelle gibt, die an Bord mit Solarenergie aufgeladen werden können, aber auch die leistungsstarken "Deep Blue"-Außenborder. Von 1000 bis 85000 Euro kosten die Hightech-Motoren. Dank der effizienteren Arbeitsschritte konnte eine 50-prozentige Steigerung in der Fertigung erzielt werden, wurden die Gäste bei der Führung informiert.

Geschäftsführer Fabian Bez berichtete, dass die Firma mittlerweile 250 Patente angemeldet habe. "Wir bauen bereits den 200000. Motor", sagte er. Vor allem die E-Motoren für die privaten Boote auf den Bayerischen Seen fänden reißenden Absatz. Von den beliebten "Ultralight"-Modellen würden etwa 600 in der Woche produziert, sagte er. Torqeedo möchte aber auch den "recht unerschlossenen" Markt für gewerbliche Schiffe erobern. Trotz des derzeitigen Wiedererstarkens von Rohstoffen wie Kohle und Öl ist Bez der Ansicht, "das Ende des fossilen Zeitalters ist eingeläutet". Die Zukunft gehöre nachhaltigen Antriebsformen, sagte der Firmenchef.

E-Mobilität auf dem Wasser bedeute leisere und umweltfreundlichere Schiffsmotoren, die kein Gewässer mehr verschmutzen, lobte Herrmann. Das passe gut in die Klimaoffensive der Staatsregierung, die Bayern bis 2040 klimaneutral machen möchte. Dafür würden 22 Milliarden Euro für 100 Projekte ausgegeben.

"Bayern soll Elektro- und Wasserstoffstandort auf der Straße, Wasser, in der Luft und Schiene werden", betonte der Staatsminister. Dem Wunsch nach lokal erzeugter günstiger Energie, die laut Bez zu einem Standortvorteil für Unternehmen werden könnte, entgegnete Herrmann mit dem Versprechen, einen "Turbo" beim Ausbau von Wasserkraft, Biowärme und Fotovoltaik einzulegen, denn hier müsse man "endlich in die Puschen kommen".

Ganz ungetrübt war die Freude an diesem Tag aber nicht. Fabian Bez blickt sorgenvoll in die Zukunft. "Die hohen Stromkosten gefährden die Fortschritte", sagte er, "Nachhaltigkeit muss auch bezahlbar sein". Die Hoffnung, dass sich die Strompreise über kurz oder lang wieder auf das Niveau wie vor dem Krieg in der Ukraine einpendeln würden, hat auch Herrmann nicht. Trotzdem sei die Einweihung des Firmengebäudes für ihn ein "Signal der Zuversicht in dieser schwierigen Zeit". Durch Innovationen und "tolle Ideen" könne die Krise gemeistert werden.

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