Süddeutsche Zeitung

Jugendkultur:"Kultur darf nicht kostenlos sein"

Bei einer Gesprächsrunde auf dem Sammersee-Festival in Schondorf nehmen die Diskutanten vor allem die Belange der Jugend unter die Lupe und stellen fest: Ohne Förderung geht kaum noch etwas.

Von Renate Greil, Schondorf

Wenn das erste Lied gespielt wird, dann setzt die Freude ein. Die Freude darüber, dass nach vielen Gesprächen, unzähligen ausgefüllten Formularen und Anträgen, viel Arbeit und schlaflosen Nächten nun das Festival beginnt. Das diesjährige Sammersee startet hingegen mit einem offenen Gespräch. Darin berichtet Projektleiterin Leonie Schaffhauser darüber, wie es ist, ein großes Benefiz-Musikfestival zu organisieren. Am Samstagnachmittag sitzen deshalb neben Schaffhauser noch weitere Diskutanten auf der Bühne in den Seeanlagen Schondorf: Maria Mayer, die zweite Vorsitzende des Vereins "Freie Kunstanstalt" aus Dießen und Franz Hartmann, Vorstand der Landsberger Initiative "Kunst hält Wache". Gemeinsam mit Moderator David Boos debattieren sie über die Zukunft der Kultur in der Region - und nehmen dabei insbesondere die Bedürfnisse junger Menschen in den Fokus.

Schnell wird klar: Ohne Förderung ist es schwierig, etwas auf die Beine zu stellen. Auch die diesjährige Miniausgabe des Sammersee-Festivals mit Künstlern wie Devado, Koko Head Park sowie Ferge X Fisherman & Nujakasha hat Schaffhauser innerhalb von drei Wochen organisiert - nachdem eine Förderzusage kam. Das normale zweitägige Festival fiel in diesem Jahr aus. Warum, das wird im Laufe der Diskussion deutlich. Denn inzwischen haben die Produktionskosten die Marke von 100 000 Euro überschritten. Und bei grober Fahrlässigkeit haften die Vorstände des Vereins.

Gerade bei einer Open Air-Veranstaltung ist das Risiko groß. Im Vorstand gab es Wechsel und anders als in den beiden Jahren davor gab es keine große Förderungszusage. Für Kulturveranstaltungen sind Förderungen ein großes Thema: Mayer berichtet, dass es eine große Förderung des Bezirks Oberbayern für die Freie Kunstanstalt gibt. Der Verein ist noch im Aufbau, aber Mayer glaubt, dass es auch eine Grenze bei der ehrenamtlichen Arbeit der Kulturschaffenden gibt. Zumindest perspektivisch soll es möglich sein, faire Gagen und Honorare auszuzahlen. "Kultur darf nicht kostenlos sein", erklärt Mayer.

Künstler für Ausstellungen und Konzerte anständig zu bezahlen, ist auch ein Wunsch von Franz Hartmann. Sein Verein setzt sich dafür ein, in Landsberg Räume für die Kunst zur Verfügung zu stellen. Das Ziel ist ein Kreativzentrum in der Alten Wache. "Selbst wir haben den Bedarf unterschätzt", sagte er. Eine Dependance, das Lech-Atelier, auf dem 7000 Quadratmeter großen Gelände des ehemaligen Ateliers des Landsberger Malers Fritz Paulus, das Hartmann erworben hat, unterhält der Verein seit ein paar Monaten. Am Schluss waren an die 150 junge Leute kreativ beteiligt, erzählt Hartmann. Er hält die Bereitstellung von Plätzen für die Sub-Kultur auch für einen wichtigen Teil der Infrastruktur. Bezeichnend war für ihn der Satz eines jungen Kulturschaffenden, der mal erleichtert feststellte: "Jetzt muss ich nicht nach Berlin ziehen".

Mitarbeitende und Sponsoren können alle drei Vereine gut gebrauchen

Hartmann sieht seine Rolle darin, die Spielwiese zur Verfügung zu stellen und bei den ersten Förderanträgen zu helfen. Es gibt einiges an Fördermitteln - aber mindestens ebenso viele bürokratische Hürden. 160 Stunden Arbeit kommen da schnell zusammen, erzählt Hartmann und stellt fest, dass es manchmal besser sei, ohne Förderungen zu arbeiten. Schaffhauser wünscht sich mehr Wertschätzung, auch finanziell. Kulturförderung von Gemeinden und Landkreisen, hält sie für notwendig. Immer wieder von Neuem muss sie bei den Verwaltungen viel erklären und Überzeugungsarbeit leisten.

In Kontakt mit den Jugendlichen bleibt sie über die Schulen und dem Jugendzentrum, während sich bei dem Lech-Atelier eher die Mitzwanziger tummeln. Bei der Freien Kunstanstalt wird auf kostenfreie Plätze, um allen den Besuch der Workshops zu ermöglichen, geachtet. Einig sind sich die drei in einem: Mitarbeitende und Sponsoren können sie alle gut gebrauchen.

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