Süddeutsche Zeitung

Fünfseenland:Hüterin der Natur

Seit Kurzem gibt es im Landkreis Starnberg Nature Guides. Liv Nelson ist eine von ihnen. Sie will bei den Besuchern des Leutstettener Mooses das Bewusstsein für einen umsichtigen Umgang mit dem Schutzgebiet schärfen.

Von Sylvia Böhm-Haimerl

Schon von weitem ist ein lautes Rattern zu hören. Der Lärm mitten im streng geschützten Naturschutzgebiet Leutstettener Moos kündigt Biker an, die mit hoher Geschwindigkeit über die Holzstege fahren. Höflich bittet Liv Nelson die Radler, ihre Geschwindigkeit zu reduzieren. Durch zu schnelles Fahren lockere sich die Verankerung der Holzbretter, und das sei gefährlich, erklärt sie. Die 36-Jährige gehört zu den ersten acht Nature Guides, die im Landkreis seit dem vergangenen Wochenende in den "Hotspots" der Region, wie im FFH-Gebiet Leutstetten, im Ampermoos und an den Ufern des Starnberger Sees, Ammersees oder Wörthsees im Einsatz sind, um bei den Besuchern das Bewusstsein für einen umsichtigen und rücksichtsvollen Umgang mit der Natur zu schärfen. Nelson ist leicht als offizielle Mitarbeiterin zu erkennen. Auf ihrer Schirmmütze, dem blauen Poloshirt und dem Rucksack steht in großer Schrift "Nature Guide". Zudem hat sie einen Dienstausweis.

Der neue Job macht ihr Spaß, und sie wird für ihre Einsatzstunden bezahlt. Die Schweizerin ist sehr naturverbunden. Bis zum vergangenen Jahr hat sie Ultra-Trail-Running betrieben und ist täglich 15 bis 20 Kilometer gelaufen. Weil ihr Freund in Gauting wohnt, ist sie häufig im Leutstettener Moos unterwegs. "Ich kenne das Gebiet sehr gut", sagt Nelson, die gerade ihre Doktorarbeit im Bereich Wirtschaftswissenschaften schreibt. Als Extremsportlerin ist sie nicht mehr aktiv. "Jetzt habe ich mehr Zeit für die Natur."

Ein Gassi-Geher hat seinen Hund nicht angeleint. Sie macht ihn darauf aufmerksam, dass Hunde im Schutzgebiet nicht frei laufen dürfen. Drei Frauen aus München haben Kräuter gesammelt. Naturschutzwächter Paul Wiecha, der das Guide-Projekt unterstützt, erklärt ihnen, dass die Menge zu groß sei. Weil die Frauen glaubhaft versichern, dass sie Kräuterbuschen binden wollen für ein Altenheim, lässt Wiecha Gnade vor Recht ergehen. Man könne schließlich nicht genau sagen, wo sie die Kräuter gesammelt hätten, meint er vor dem Hintergrund, dass der Eingangsweg zum Leutstettener Moos eine Grenze bildet zwischen Landschaftsschutz- und Naturschutzgebiet. Rechts darf man Kräuter, Beeren und Pilze sammeln, links nicht. "Wir wollen es den Leuten einfach machen", erklärt Nelson. Man müsse kompromissbereit sein. Die meisten Menschen seien verständnisvoll, wenn man mit ihnen rede und ihnen den neuen Flyer "Rücksichtsvoll unterwegs" mit Verhaltensregeln in die Hand gebe.

Wie der stellvertretende Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung (GWT), Klaus Götzl, betont, sollen die Nature Guides keinesfalls als Polizeiersatz fungieren. "Es ist nicht unser Ansinnen, die Leute zu vertreiben." Immerhin bringen die Tagesausflügler im Landkreis laut Götzl einen Jahresumsatz von 200 Millionen Euro. Vorbild für die Nature Guide Initiative sei das Tegernseer Tal gewesen. Dort habe man versucht, mit Hilfe von Rangern Schäden zu verhindern, die extremer Ausflugstourismus verursache. Ausflügler seien gern gesehen, aber es müsse ein rücksichtsvoller Umgang untereinander herrschen, so dass alle miteinander auskommen. Nach den Erfahrungen Götzls radeln Biker immer wieder querfeldein über Stock und Stein. Sie ziehen Spurrinnen, die das Gebiet zerschneiden und den Wildtieren die Rückzugsmöglichkeiten nehmen. Oft würden diese Trails in den Apps als Fahrradwege angezeigt.

Ausflugsticker

Um die Tourismusströme in geordnete Bahnen zu lenken, hat die GWT einen Ausflugsticker eingeführt, wonach mit Hilfe eines QR-Codes freie Parkplätze abgerufen werden können. Noch gibt es das System nur für den Parkplatz Percha-Beach am Starnberger See. Dort meldet der Parkwächter freie Plätze nach dem Ampelsystem. Grün und Gelb zeigen freie Plätze an. Rot heißt, es ist voll. Der Ausflugsticker soll bald für die Parkplätze im Paradies und an den anderen Seen im Landkreis umgesetzt werden. Informationen unter www.starnbergammersee.de. sbh

Die vorgegebenen Wege zu verlassen, das geht laut Wiecha gar nicht. Denn es gebe hier viele Bodenbrüter. Normalerweise werden die Nester mit rot-weißen Bändern abgesperrt. Das habe sich bewährt. Neben einem Absperrband steht ein Info-Schild, das über die hier lebenden Vögel und ihre Brutzeiten informiert. Das hält Wiecha für irreführend. Er schlägt vor, die Angaben über die Brutzeiten zu streichen und den Bereich ganzjährig zu sperren. Daneben sind Äste aufgeschichtet. Damit soll ein Trampelpfad abgesperrt werden, der gerne von Bikern und Wanderern benutzt werde. Das sei hochgefährlich, sagt Nelson. Hier im Moor sei überall seichtes Wasser. Man könne versinken und komme nicht mehr weiter. "Die Leute machen das nicht, weil sie etwas zerstören wollen", glaubt sie. Es sei Unwissenheit. Laut Wiecha ist das Moor von Entwässerungsgräben durchzogen, die in früheren Zeiten angelegt wurden und nun überwuchert sind. "Dort sinkt man ein." Wenn er eine Familie abseits der Wege antrifft, spricht Wiecha die Kinder an. Damit erreiche man nach seiner Ansicht mehr.

Auf dem Rückweg sammelt Nelson den Müll ein und Hunde-Kotbeutel, die am Wegrand abgelegt worden sind. Falls sie die Leute trifft, bittet sie sie, den Müll wieder mitzunehmen. Dabei werde ihr manchmal sogar ein voller Kotbeutel in die Hand gedrückt, sagt sie. Solche Begebenheiten, aber auch Verbesserungsvorschläge, trägt Nelson in den Feedback-Bogen ein, den sie wöchentlich an Götzl weiterleitet. So muss etwa ein von Ästen überwuchertes Schild freigeschnitten werden. Wiecha schlägt ein neues Besucherkonzept vor. Die bestehenden Wege seien für Kinder zu langweilig, meint er. Landrat Stefan Frey will darüber mit der Stadt Starnberg sprechen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5382992
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 16.08.2021
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.