Süddeutsche Zeitung

Klimawandel:Das Klima bricht im Alpenvorland alle Rekorde

2020 war das wärmste und sonnigste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Daten der ältesten Bergwetterstation auf dem Hohen Peißenberg zeigen: In der Region erwärmt sich das Klima besonders schnell.

Von Armin Greune, Starnberg

2020 war ein in vielerlei Hinsicht außergewöhnliches Jahr. Im Frühjahr herrschte in den Straßen und den Erholungsgebieten des Fünfseenlands gähnende Leere. Dafür war der Ansturm von Ausflüglern und Urlaubern im Hochsommer an sonnigen Tagen kaum mehr zu bewältigen. Und davon gab es so viele, wie nie zuvor registriert wurden. Das zurückliegende Jahr ist auch in klimatischer Hinsicht herausragend: Es nimmt den ersten Rang in der 240-jährigen Temperaturmessreihe des Meteorologischen Observatoriums auf dem Hohen Peißenberg ein.

Der alte Rekord hat nur zwei Jahre lang gehalten: 2020 hat mit einer Jahresmitteltemperatur von 9,0 Grad 2018 als bisher wärmstes Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen abgelöst. Bis 1781 reicht die Statistik der weltweit ältesten Bergwetterwarte zurück. Sie bestätigt eindrucksvoll, dass die Klimaerwärmung im Voralpenland besonders rasch voranschreitet.

2020 fielen am Observatorium beinahe alle Monate wärmer aus, als die langjährigen Mittelwerte erwarten ließen. Lediglich der Oktober blieb um 0,2 Grad darunter, auf der anderen Seite lagen Januar, Februar und April jeweils um mehr als vier Grad über der Statistik. Letztlich übertraf die Jahresdurchschnittstemperatur die von 2018 nur knapp: "Der Abstand zum bisherigen Spitzenreiter ist sehr gering", meldet Wetterbeobachter Siegmar Lorenz. In der agarmeteorologischen Station im Andechser Ortsteil Rothenfeld blieb die Mitteltemperatur des vergangenen Jahres mit 9,24 Grad hinter der von 2018 (9,6 Grad) zurück, für langjährige Mittelwerte besteht diese Messstelle noch nicht lange genug.

Deutschlandweit war 2020 das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, das Temperaturmessnetz besteht seit 1881. In der Statistik vom Hohen Peißenberg nimmt das vergangene Jahr noch einen weiteren Rekordwert ein: Mit insgesamt 2226 Stunden zeigte sich die Sonne um 22 Prozent länger als im langjährigen Mittel; es war das sonnigste Jahr seit 1937, als die Messgröße erstmals erfasst wurde. 406 "Überstunden" hat Wetterbeobachter Lorenz 2020 für die Sonne gezählt - die damit im Durchschnitt täglich um mehr als eine Stunde länger schien als gewöhnlich.

Im bundesweiten Messnetz wird die Sonnenscheindauer seit 1951 erfasst, in dieser Statistik nimmt 2020 nur den vierten Rang ein. In einer Hinsicht aber weichen die Klimabeobachtungen vom Hohen Peißenberg noch wesentlich deutlicher von denen der meisten anderen Regionen ab: Während insbesondere Nord- und Mitteldeutschland nun bereits seit drei Jahren vor allem im Frühjahr unter langen Dürreperioden leiden, bleibt die Niederschlagbilanz im Alpenvorland ausgeglichen. 2020 fielen 1263 Liter pro Quadratmeter (rechnerisch also Millimeter) Regen und Schnee am Observatorium, vier Prozent mehr als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Auch 2019 und 2017 wurden auf dem Hohen Peißenberg um sechs beziehungsweise 19 Prozent erhöhte Niederschlagsmengen registriert, 2018 erreichte mit 854 Millimetern hingegen nur 77 Prozent des langjährigen Mittels.

Über das Jahr verteilt ergeben sich freilich große Unterschiede: So fielen im Februar 2020 244 Prozent der monatsüblichen Niederschläge, auch Juni, August und Oktober lagen deutlich über dem Durchschnitt. Die trockensten Monate waren November (30%), Dezember (48%), Januar und April (jeweils 58%) sowie Mai (60%): Es ist eine klare Tendenz zu erkennen, dass im Alpenvorland Niederschlagsdefizite vor allem im Winter auftreten - wenn sie Pflanzenwachstum und Landwirtschaft kaum beeinträchtigen.

Die zehn wärmsten Jahre seit 1791 im Alpenvorland

1. 2020 - Mitteltemperatur 9,0°C

2. 2018 - 9,0°C

3. 2015 - 8,9°C

4. 2019 - 8,7°C

5./6. 2014, 2011 - 8,5°C

7.-10. 2003, 2000, 1994, 1810 - 8,2°C

Referenzgröße 1961-1990, "langjähriges Mittel": 6,5°C

Quelle: Deutscher Wetterdienst, Observatorium Hohenpeißenberg

Dass wir dennoch auf eine Klimakatastrophe zusteuern, steht für Lorenz außer Zweifel: Trotz des globalen Lockdowns seien heuer die Konzentrationen der Treibhausgase weiter angestiegen. Weil Kohlendioxid eine lange Verweilzeit in der Atmosphäre aufweise, müssten auch noch die nachfolgenden Generationen mit den Folgen der Erwärmung kämpfen.

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SZ vom 14.01.2021/van
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