Süddeutsche Zeitung

Konzert:Die Komik roter Bohnen

"Les Haricots Rouges" begeistern das Publikum in der Seeresidenz Seeshaupt

Als Sommerfestival ist Seejazz nicht nur um gute Musik, sondern auch um gute Laune bemüht. Gerade in den verregneten Tagen wurde dieses Angebot denn auch gerne angenommen. Das Konzert in der Seeresidenz Alte Post in Seeshaupt war gewiss nicht zuletzt deshalb ausverkauft, aber auch zum großen Teil wohl auch dem Umstand geschuldet, dass die Band in ihrem früheren Auftritt in diesem Hause offenbar einen hervorragenden Eindruck hinterlassen hatte. Hieße die Band "Die roten Bohnen", kämen vielleicht nicht gar so viele. Aber französisch klingt das irgendwie besser: Les Haricots Rouges. Der Name hat Musik und Witz zugleich, was auch Programm ist. Gegründet wurde die Combo 1963 und ist nunmehr als französische Legende bis heute dem New Orleans Jazz, Chanson und kreolischer Musik treu geblieben, trotz mehrerer Neubesetzungen. Aber auch die satirischen Einlagen gehören weiterhin zu den Auftritten, in denen sich die Gags wohl allmählich immer mehr Platz eroberten. Heute kann man das Sextett durchaus als eine musikkabarettistische Truppe bezeichnen. Was aber nicht bedeuten soll, dass die Musik darunter leidet. Keinesfalls, denn die sechs Multitalente beherrschen ihr Handwerk großartig. Das muss auch von Anfang an so gewesen sein, wären die damaligen Studenten sonst wohl kaum als Vorgruppe für die Beatles, Rolling Stones, für Jacques Brel und andere musikalische Größen im legendären Pariser Olympia gewählt worden.

Im musikalischen Fokus steht Dixieland, was ja schon per se gute Laune verbreitet, selbst wenn es auch mal ein Stück in Moll ist. Es ist der Schwung und die Farbigkeit dieser traditionellen Jazz-Variante, die mitreißt. Das hängt natürlich auch mit der klangfarbigen instrumentalen Besetzung zusammen, innerhalb der immer wieder neue Konstellationen fesselnde Abwechslung versprechen. Trompeter Pierre Jean gehörte zur Gründungsbesetzung. Dass er auch singt und zudem ein großartiger Pianist ist, eröffnete weitere Möglichkeiten im Repertoire. Wenn er zur eigenen Boogie-Basslinie am E-Piano mit der rechten Hand die Trompete spielte, wuchs die Band gar zum Septett an. Bandleader ist heute Norbert Congrega, klanglich ein wichtiger Mann, denn New Orleans ist nichts ohne Banjo. Congréga griff aber auch schon mal zur Gitarre oder sang. Genauso wenig kann in einer Dixie-Combo die Klarinette fehlen, die Jacques Montébruno virtuos in Szene setzte, aber auch wunderbar warm und plastisch sangliche Melodien zu formen vermochte. Am Kontrabass Alain Huguet verstand es - wie es sich im Dixie gehört - in allen möglichen Positionen locker und lässig an den Saiten zu reißen. Eine schmissige Spielweise, die der Beschwingtheit zugutekam. Posaune ist ein Instrument, das den Hörern das Blech um die Ohren hauen, andererseits Balladen mit plastischer Wärme aussingen kann. Christophe Deret hatte das Einfühlungsvermögen, neben diesen Ausprägungen noch unzählige Nuancen aufzuspüren. Dann konnte es schon lasziv werden, wenn er den Stripper markierte und oben ohne mit Hüftschwung eine intime Melodie hauchte. Schlagzeuger können sich indes im Dixie so richtig austoben, was Michel Sénamaud auch sichtlich genoss und sich schon mal mit lärmendem Trommelhagel Gehör verschaffte.

Die Gags der Haricots Rouges sind vielleicht nicht jedermanns Sache. Der französische Humor ist jedoch leicht und unbeschwert, ja Slapstick artig, lebte hier auch vom natürlichen Humor der so unterschiedlichen Typen. Jeder der fünf Musiker verkörpert eine eigentümliche Komikerfigur. der eine abgeklärt überlegen, der andere ein pfiffiges Schlitzohr oder die Eitelkeit in Person. Der Humor der sechs Musiker steckte, am Ende gab es frenetischen Applaus.

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SZ vom 19.08.2019
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