Süddeutsche Zeitung

Herrsching:Kulturrausch allerorten

Die achte Auflage der 2020 abgesagten Ausstellung findet am Wochenende im Kurparkschlösschen, in 16 Ateliers und 30 Schaufenstern in Herrsching statt

Von Armin Greune, Herrsching

18 Monate lang haben Kunstschaffende kaum Gelegenheit gefunden, ihre Werke auszustellen. Viele nutzten den Lockdown dazu, ihre kreative Arbeit voranzutreiben, so manches Atelier ist bis zum Bersten angefüllt. Vor allem aber fehlt den Künstlern der Austausch untereinander und der Kontakt mit dem Publikum. Entsprechend groß ist das Interesse, sich am 8. Herrschinger "Kunstrausch" zu beteiligen, den der örtliche Kulturverein an diesem Wochenende veranstaltet. Allein im Kurparkschlösschen präsentieren 28 Künstler ihre Werke; zudem können 16 offene Ateliers in Herrsching, Breitbrunn, Erling und Drößling besucht werden.

Wie nahezu alle Veranstaltungen musste der als Biennale konzipierte Kunstrausch 2020 coronabedingt abgesagt werden. Auch aus diesem Grund habe sich der Kulturverein entschlossen, heuer die Ausstellung vom historischen Anwesen des Malers Ludwig Scheuermann auf die gesamte Gemeinde und darüber hinaus auszudehnen, sagt Catharina Geiselhart. Die studierte Kunsthistorikerin hat sich im Vereinsvorstand seit März der bildenden Kunst angenommen. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass der Kunstrausch nicht nur im Kurpark an der Seepromenade tobt, sondern sich zur regelrechten Kunstmeile weiterentwickelt. Die Kuratorin hat bei Herrschinger Gewerbetreibenden angefragt, ob die ihre Schaufenster das Wochenende über für die örtlichen Kunstschaffenden zur Verfügung stellen. Das Echo war überwältigend: 30 Läden, Firmen und Organisationen haben jeweils ein Fenster für eine Mini-Galerie freigeräumt. Kein einziger Geschäftsinhaber habe ihr Anliegen abgelehnt, sagt Geiselhart: "Offenbar besteht gerade überall ein Grundbedürfnis zum gemeinsamen Erleben von Kultur."

Sie selbst bietet am Samstagnachmittag einen geführten Kunst-Schaufensterbummel durch Herrsching an: Start ist um 15 Uhr am Kurparkschlösschen, der Rundgang über Bahnhof-, Mühlfelder und Seestraße sollte eine gute Stunde dauern. Ursprünglich hatte der Kulturverein dieses Konzept entwickelt, um eventuell auch bei strengeren Distanzregeln Kunst präsentieren zu können. Nun sind einige Künstler sowohl in einer Auslage an der Straße wie auch im Schlösschen vertreten. Dort können coronabedingt immer noch keine Führungen stattfinden, es gelten die 3-G-Regeln samt Maskenpflicht.

Die Sammelausstellung erstreckt sich über die beiden Hauptetagen des Schlösschens: "Da ist alles drin", sagt Geiselhart: "Druck, Malerei und Skulptur, Collagen und Assemblagen". Das Kienbachzimmer nehmen die massive Doppelvogel-Holzskulptur von Jürn Ehlers und Gabriele Fellingers Collage aus buntem Seidenpapier ein. Weiter sind im Erdgeschoss monumentale Kalligrafien von Kathrin Balling und Malerei von Susanne Hauenstein zu sehen, dazu ein Stillleben von Richard Bierl und eine Farblandschaft von Dietrich Zorn. Ela Bauer bietet dem Publikum QR-Codes fürs Handy an, um ihre Gedichte als Audio-Installation erlebbar zu machen. Bemerkenswert auch Nikolai Holzachs Gemälde "Das Mädchen mit der Tellerlippe", das im Treppenaufgang auf den ersten Blick so wirkt, als gehörte es zur Erstausstattung des 1888 errichteten Gebäudes.

Im Kaminzimmer dient Martin Piehlers "Grüne Frau" als Empfangsdame, ihr leistet Mana Grubers mystische "Raketenfrau" Gesellschaft. Im Obergeschoss gibt es noch viel mehr zu entdecken, schon die Titel wecken Neugier: Sadhya Sudhau entführt in ein "Traumland", Katharina Ulkes Ölmalerei verspricht "Klare Sicht". Eva Ehlers' "Pflanzenschwung" erzählt vom Werden und Vergehen einer Blüte. Die Tierwelt ist etwa mit Frauke Maizets "Wolpertinger in der Insekten-Variante" und Thomas Sebenings Miniaturkupferstich "Das Nashorn" vertreten. Einem ganz anderen Thema widmet sich Dietmar Oehler in seiner Assemblage "Schuldenbremse ohne Rettungsschirm".

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SZ vom 17.09.2021
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