Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Mein kleines Museum - Sammler und ihre Schätze:"Nikoläusisch begeistert"

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Evi Hartwig besitzt Hunderte Rotmützen, die sich jeweils in der Weihnachtszeit in ihrer Wohnung in Hechendorf ausbreiten dürfen. "Da wird jeder verzaubert", verspricht die 74-Jährige.

Von Michael Berzl, Seefeld

So weit kann die Liebe zum Nikolaus gehen: In einem Laden in den USA hat Evi Hartwig eine Weihnachtsmann-Figur entdeckt, die sie unbedingt haben wollte. Das Geschäft aber war zu dem Zeitpunkt geschlossen, und am nächsten Tag ging es mit dem Flieger zurück von Albuquerque nach Deutschland. Doch die Gelegenheit wollte die Sammlerin nicht verpassen: Also ging sie am nächsten Morgen gleich wieder hin, und machte der Verkäuferin klar, dass es pressiert: "Packen Sie den flugsicher ein. Wir müssen jetzt gleich zum Flughafen." Es hat geklappt, sie sind rechtzeitig angekommen. Und bis heute bekommt diese Figur immer einen besonderen Platz, wenn die 74-Jährige ihre Wohnung in Hechendorf in eine Nikolaus-Ausstellung verwandelt.

Der Spontankauf in New Mexico ist nur eines von vielen Erlebnissen, von dem die begeisterte Sammlerin erzählen kann. Im Lauf vieler Jahre ist eine umfangreiche Sammlung mit fast 400 Exemplaren in verschiedenen Größen und Formen zusammen gekommen.

Der kleinste Weihnachtsmann ist etwa einen Zentimeter groß und passt auf ein Pfennig-Stück, der größte aus massivem Holz ist etwa einen Meter hoch und richtig schwer. Viele Zuwanderer aus Amerika sind dabei. Überhaupt Amerika: "Da haben die Christmas-Shops das ganze Jahr über geöffnet. Das ist ja so toll", schwärmt Evi Hartwig.

Von Mitte November an erobern die kleinen Weihnachtsmänner ihre Wohnung. Sie besiedeln Küche, Badezimmer, Gang, Wohnzimmer und Regale - intuitiv platziert von ihrer Besitzerin, die sich selbst als "nikoläusisch begeistert" bezeichnet und ins Schwärmen kommt, wenn sie nur an die Adventszeit nur denkt. "Wenn Sie dann zu mir kommen, duftet es nach Zimt und Punsch, es ist herrlich", sagt die 74-Jährige.

Und es klingt, als würde sie sich schon auf die nächste Weihnachtszeit freuen. Auch ihren beiden Söhnen, die nun schon 44 und 46 Jahre alt sind, gefalle das immer wieder. "Mama, das passt zu dir", berichtet Evi Hartwig, für die das Sammeln weitaus mehr als ein schrulliges Hobby ist. "Der Nikolaus ist etwas Gemütliches, Warmes, Herzliches, was einen runterkommen lässt, Kind sein lässt. Da wird jeder verzaubert, der bei mir ist".

Vor mehr als 40 Jahren entwickelte sich bei ihr das Faible für die Rotmützen. Damals war die gebürtige Gautingerin nach ihrem Grafikstudium mit ihrem Mann für sechs Jahre nach Frankfurt gezogen. Auch da gab es schon "stimmige, lustige Nikolausabende", erinnert sie sich. Nach der Rückkehr nach Bayern 1980 in ein Haus am Weßlinger See ging es richtig los: "Da entpuppte sich dann schon ein Sammlertrieb."

Von diversen Reisen hat sie einige Exemplare mitgebracht, aus Santa Fe, Los Angeles oder Florida. Auf Flohmärkten hat sie interessante Funde gemacht, im Kaufhaus Ludwig Beck am Münchner Marienplatz oder beim Feinkost Käfer, wo sie sich eigentlich wegen eines Jobs vorstellen wollte. Und wenn sich so etwas herumspricht, steuern auch Freunde gerne das ein oder andere Stück zur Sammlung bei, wenn sie im Urlaub etwas Passendes entdecken.

Und so gibt es auch im Nikolaus-Lagerraum in einer angemieteten Garage einiges zu entdecken: Zahllose Kartons mit Flohmarktware sind dort gestapelt, die Surfbretter der Hechendorferin - und mittendrin ein Tisch, auf dem Hartwig die schönsten Nikolaus-Exemplare auf einem Tisch aufgebaut hat. Da gibt es einen, der mit dem Handy telefoniert, einen Nikolaus in einer Schneekugel. Ein weiterer sitzt auf einem Schlitten, aus Österreich kommt ein Skifahrer-Weihnachtsmann.

Alle möglichen Materialien sind hier vertreten: Porzellan und Pappmachè, Glas und Blech, Holz, Metall, Stoff. Die Bärtigen zieren Kaffeetassen, Wäscheklammern, Streichholzschachteln, Servietten und sogar Klopapierrollen. Es gibt sie als Kreisel oder Kühlschrankmagnet. Zur Sammlung gehört auch ein Goldenes Gästebuch, in dem sich die Besucher der alljährlichen Treffen in der Adventszeit verewigt haben. Mehr als 20 Jahre liegt der erste Eintrag zurück.

"Schöner Kitsch": So bezeichnet Evi Hartwig ihre Weihnachtsmänner. Ob sie auch etwas für Gartenzwerge übrig hat? "Nein", kommt prompt die Antwort. "Ich habe auch noch nie einen schönen gesehen". Plötzlich nimmt die quirlige Rentnerin, die im Sommer gerne auf dem Gardasee surft oder mit ihrem Mountainbike unterwegs ist, einen Plastik-Nikolaus zum Aufziehen, setzt ihn auf den Boden und lässt ihn lossausen. "Wir haben einen solchen Spaß gehabt mit denen", sagt sie, "Wettrennen gemacht und angefeuert". Und so gibt es zu den meisten ihrer Weihnachtsmänner eine Geschichte. Wie die von dem fast verpassten Flug.

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