Süddeutsche Zeitung

Kunst:Die Schönheit des Mülls

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Danielle Vochims faltet Bilderrahmen aus Tierfutter-Verpackungen und gestaltet Mandalas aus gepressten Kaffeekapseln. Die Upcycling-Kunst der Tutzingerin ist im In- und Ausland gefragt.

Von Katja Sebald

Mit dem heiligen Georg fing alles an. Er entstand beinahe zufällig und mit leichter Hand auf einem Blatt, das neben dem eigentlichen Bild auf dem Tisch lag. Die Malerin war selbst überrascht von diesem roten Reiter und beschloss, ihm einen prächtigen Rahmen zu geben: Sie faltete und klebte ihn aus den goldfarbenen Katzenfutterverpackungen, die sie in ihrer Küche fand. Das war vor rund zehn Jahren. Heute ist Danielle Vochims bekannt für ihre Upcycling-Kunst. Unter dem Titel "From Waste to Art" stellte sie Anfang Juni auf der Ifat in München aus, einer Fachmesse für Umwelttechnologien. Ende August wird sie ihre Arbeiten auf der Achema in Frankfurt, der internationalen Leitmesse für die Prozessindustrie, zeigen.

In ihrem Tutzinger Atelier präsentiert sie neben Malerei auf Leinwand und hinter Glas eine ganze Reihe ihrer Materialbilder, die sie aus Glasresten, Kaffeekapseln, Joghurtdeckeln und anderen Verpackungsmaterialien fertigt. Freunde in Holland und Frankreich sammeln für sie, was sonst im Müll landen würde. "In Deutschland sind nur die Verpackungen für Tierfutter goldfarben, alles andere ist silbern", erzählt sie. Während die verschiedenfarbigen gepressten Kaffeekapseln zu großen Mandalas geklebt werden, bilden die Aluminiumverpackungen meist nur die reliefartige Struktur eines Bildes, sie werden in verschiedenen Tönen übermalt. Auch das auf dem prächtigen Gold aufgedruckte Haltbarkeitsdatum wird mit Goldlack abgedeckt.

Danielle Vochims ist empfänglich für das Schöne. Auch in den verwendeten Wegwerf-Materialien sieht sie in erster Linie die ihnen innewohnende Schönheit. Sie möchte mit ihrer Kunst dafür werben, die Dinge mit mehr Bewusstsein zu betrachten. Der französische Philosoph Jean-Philippe Pierron, der sich mit Fragen zu Umwelt und Ethik beschäftigt, schrieb ihr für die Ausstellung in München einen Text: "Wenn die Umweltindustrie in den Abfällen von gestern Ressourcen von heute entdeckt, erforschen Ingenieure zweifelsohne das, was Künstler auf ihre Art suchen. Weit davon entfernt, einander gegenüberzustehen, sprechen beide die Sprache über die traumhaften Eigenschaften von Materie. Nur nicht auf die gleiche Art und Weise."

Das Ausprobieren von Neuem, das Experimentieren mit unterschiedlichen Materialien und Techniken stand von Anfang an über der Kunst von Danielle Vochims. In Paris mit einer deutschen Mutter und einem Vater mit russischen Wurzeln geboren, absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Grundschullehrerin, lernte mehrere Sprachen, arbeitete in Teheran und in Casablanca, bevor sie 1987 nach Deutschland kam, um ihr Deutsch zu verbessern. In München arbeitete sie schließlich viele Jahre im Europäischen Patentamt und verfolgte parallel ihre künstlerische Ausbildung in Salzburg, Bad Reichenhall und Paris. Seit 2008 sind ihre Arbeiten regelmäßig in Gruppen- und Einzelausstellungen in Frankreich und Deutschland zu sehen.

Im vergangenen Jahr schließlich eröffnete Danielle Vochims, die seit langem zwischen München und Paris pendelt, ihr "Atelier du Lac" in der historischen Kustermann-Villa in Tutzing. Der lichte Raum mit den vielen Fenstern zum See und dem knarzenden Dielenboden hat die lässige Eleganz eines französischen Landhauses. Hier breitet die Künstlerin auf großen Tischen ihre Arbeitsmaterialien aus, sie schneidet Glasplatten und färbt Glassplitter ein. In Regalen und Schachteln hortet sie ihre Schätze. Sogar die gepolsterten Hüllen, in denen Mangos transportiert werden, verwendet sie als Ausgangsmaterial für ihre Reliefbilder.

Ursprünglich aber kommt sie von der Malerei. "Ich habe seit meiner Kindheit immer gemalt", sagt sie. Später besuchte sie unter anderem Kurse bei Markus Lüppertz. An der Akademie in Bad Reichenhall habe sie jedoch nicht das machen wollen, was alle anderen machten, deshalb habe sie einen eigenen Weg gesucht. "Aber natürlich ist man mit einem Gedanken nie alleine auf der Welt", sagt sie mit Blick auf den Künstler El Anantsui aus Ghana, der mit seinen Kunstwerken aus Abfallmaterialien international Furore machte. Fragt man Danielle Vochims jedoch nach ihren künstlerischen Vorbildern, dann nennt sie die Maler des "Blauen Reiters" und der "Brücke". Und so erinnert die heftige schwarze Kontur ihres heiligen Georgs wohl nicht zufällig an traditionelle Hinterglasmalerei, wie sie auch die Expressionisten zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts beeinflusste.

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