Süddeutsche Zeitung

SPD:Georg Kronawitter: Robin Hood im Münchner Rathaus

  • Der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Georg Kronawitter ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Er hat die bayerische Landeshauptstadt insgesamt 15 Jahre lang regiert.
  • Sein Wahlsieg gegen den CSU-Oberbürgermeister Erich Kiesl im Jahr 1984 war einer der spektakulärsten Erfolge in der Geschichte der Münchner SPD.
  • Kronawitter warnte immer vor einem überbordenden Wachstum in München und wurde dafür von seinen politischen Gegnern als bieder und provinziell belächelt.
  • Mit einem Bürgerentscheid erzwang er, dass in München nur Hochhäuser gebaut werden dürfen, die maximal 99 Meter hoch sind.

Oft verraten die kleinen Szenen mehr über einen Politiker als seine öffentlichen Auftritte. Wer zum Beispiel wissen will, wie Georg Kronawitter es geschafft hat, einen Draht zu den Leuten herzustellen, kommt an der Geschichte mit den Moosröschen nicht vorbei. Sie spielt Anfang 1984. In München regiert zum ersten Mal seit dem Krieg die CSU und ihr zur Großspurigkeit neigender Oberbürgermeister Erich Kiesl ist sich ganz sicher, dass er auch weiterhin im Rathaus das Sagen haben würde.

Derweil steht unentwegt ein schmaler Mann einsam in der Münchner Fußgängerzone und verteilt im Schneeregen Moosröschen an die Passanten. Immer wieder ergibt sich eine Unterhaltung, mal kürzer, mal länger. Ein paar Wochen später ist Georg Kronawitter Münchner Oberbürgermeister. Er zwingt Kiesl bei der Kommunalwahl im März erst in eine Stichwahl und siegt dort dann haushoch.

Kronawitter kommt in der Riege der Münchner SPD-Oberbürgermeister immer etwas stiefmütterlich weg. Der eher unscheinbare Mann mit dem Lausbubenlächeln war nicht so volkstümlich wie Thomas Wimmer, nicht so brillant wie Hans-Jochen Vogel und nicht so weltläufig-urban wie Christian Ude. "Kronawichtl" nannten ihn seine Gegner, von denen nicht wenige in der eigenen Partei saßen.

Von der eigenen Partei in die Wüste geschickt

Dabei brauchte sich Kronawitter, der München insgesamt 15 Jahre lang regiert hat, mit seinen Wahlerfolgen keineswegs verstecken. Im Gegenteil, der Sieg gegen Erich Kiesl im Jahr 1984 war nicht nur einer der spektakulärsten Erfolge in der Geschichte der Münchner SPD. Denn einen amtierenden OB kann man normalerweise nur schwer aus dem Rathaus vertreiben. Es war auch das wohl spektakulärste Comeback, das ein deutscher Politiker je gefeiert hat.

Denn Kronawitter war von seiner eigenen Partei in den Wirren der Münchner SPD-Grabenkämpfe der Siebzigerjahre nach einer Amtsperiode in die Wüste geschickt worden. Er galt der Parteilinken als nicht mehr vermittelbar. Prompt geriet die Kommunalwahl 1978 für die SPD zum Desaster, plötzlich regierte die CSU mit absoluter Mehrheit. Kronawitter war plötzlich mit 50 Jahren Frührentner.

Schon dass Kronawitter, der arme Bauernsohn aus Oberthann bei Pfaffenhofen, überhaupt OB in München werden konnte, hat viel mit den Flügelkämpfen der SPD zu tun, die den glanzvollen Amtsinhaber Hans-Jochen Vogel so entnervt hatten, dass er 1972 nicht für eine weitere Amtszeit zur Verfügung stehen wollte. Kronawitter, damals Agrarexperte der SPD-Landtagsfraktion, hatte sich durch eine heftige Fehde mit dem Großgrundbesitzer August von Finck senior einen Namen gemacht. Vogel konnte ihn deshalb auch dem linken Flügel als OB-Kandidaten schmackhaft machen, der sich in jenen Jahren in wilder Kapitalismuskritik erging.

Beharrlicher Kampf zurück an die Spitze

Ein linker Theoretiker war Kronawitter natürlich mitnichten. So war das Zerwürfnis zwischen ihm und der streitsüchtigen Partei eigentlich nur ein Frage der Zeit. Doch wie sich Kronawitter zurück an die Spitze kämpfte, ist ein einzigartiges Lehrstück darüber, was sich mit politischer Graswurzelarbeit erreichen lässt, wenn man nur genügend Geduld hat. Kronawitter hat das mehr als einmal selber beschrieben, zuletzt in seinem Buch "Mein eigener Weg".

Kronawitter schildert darin, wie er nach der Wahlschlappe von 1978 als politisch Verfemter die erste Versammlung seines Ortsvereines besuchte und dort die linke Mehrheit so lange provozierte, bis ihm das Wort entzogen wurde. Hinterher haben ihm dann einige Genossen für den Mut gedankt, den sie selber nicht aufbrachten und Kronawitter notierte sich jede Telefonnummer.

Versammlung um Versammlung wuchs die Zahl seiner Unterstützer, bis erst im Ortsverein und dann im Kreisverband die Mehrheit kippte. Und schon 1982, zwei Jahre vor der nächsten Wahl, suchte Kronawitter den damaligen Mieteranwalt Christian Ude auf und eröffnete ihm, er, Kronawitter, werde wieder OB-Kandidat und die Wahl gegen Kiesl gewinnen und Ude solle später sein Nachfolger werden.

Gauweiler lässt die Hosenträger schnalzen

Kronawitter war wohl der härteste und ausgebuffteste Wahlkämpfer, den die SPD je hatte. Mit treuherzigem Lächeln konnte er die schärfsten Attacken gegen seine politischen Gegner reiten, die er ständig wiederholte, bis sie sich in den Köpfen festgesetzt hatten. Gerhard Schröder hatte dazu eine Anekdote parat, die er gerne erzählte. Schröder, zu der Zeit noch nicht Kanzler, sondern niedersächsischer Ministerpräsident, hatte Kronawitter für einen Wahlkampfauftritt gewonnen.

Die Regierung Kohl hatte gerade eine Nullrunde für die Rentner beschlossen und Kronawitter zog ein Blatt Papier aus der Sakkotasche und las den herzzerreißenden Brief einer Münchner Kleinrentnerin vor. Schröder, der direkt neben Kronawitter stand, erzählte mit sichtlich professionellem Respekt, der Münchner OB habe ein leeres Blatt herausgezogen. Kronawitter hat diese Episode stets dementiert, aber zuzutrauen wäre ihm so ein Trick allemal gewesen.

So viel Chuzpe und taktische Wendigkeit er im politischen Geschäft auch an den Tag legte, so unbeirrt verfolgte Kronawitter seine politischen Grundsätze. Sie lassen sich auf jene zwei Worte reduzieren, mit denen sein Vorbild Waldemar von Knoeringen 1962 in den bayerischen Landtagswahlkampf gezogen war: mehr Gerechtigkeit. Kronawitter war ein Kleine-Leute Sozi, wie es ihn heute in der Partei kaum noch gibt. Unentwegt predigte er, dass die fetten Hammel endlich kräftiger geschoren werden müssten, damit nicht die armen Lämmer alle Lasten tragen müssten. Immer wieder machte sich Kronawitter für die Wiedereinführung der Vermögenssteuer stark. Doch mit seinen Appellen, die SPD müsse die soziale Gerechtigkeit endlich wieder in den Mittelpunkt ihrer Arbeit rücken, fand er auf Bundesebene nur wenig Gehör.

Rachsucht war Kronawitter nicht fremd

In seiner zweiten Amtszeit von 1984 an musste Kronawitter all seine Raffinesse aufbieten, um sich zu behaupten. Denn durch zwei Überläufer hatte die SPD 1987 ihre Mehrheit verloren und Kronawitter wurde vom gewieften CSU-Fraktionschef Walter Zöller und dessen sogenannter "Gestaltungsmehrheit" immer wieder vorgeführt. Außerdem musste er es hinnehmen, dass sich bei der Neuwahl eines Großteils der städtischen Referenten 1988 plötzlich CSU und Grüne verbündeten und die SPD-Kandidaten auf der Strecke blieben.

Doch Kronawitter selber behauptete sich, gewann die OB-Wahl im Jahr 1990 haushoch und zeigte danach, dass ihm Rachsucht durchaus nicht fremd war. Weil er sich darüber ärgerte, dass der CSU-Chef Peter Gauweiler bei den Gesprächen über eine Zusammenarbeit von SPD und CSU allzu machtbewusst die Hosenträger schnalzen ließ, schmiedete er zur Verblüffung auch seiner eigenen Genossen ein rot-grünes Rathausbündnis, das dann 24 Jahre gehalten hat.

Politisch ist Kronawitter mit seinen Warnungen vor einem überbordenden Wachstum, für das er gerne das Bild vom Dampfkessel München gebrauchte, gerne als bieder und provinziell belächelt worden. Kritiker höhnten, der Oberbürgermeister wolle aus der prosperierenden bayerischen Metropole eine grünes Ritzenbiotop machen. Heute wirken angesichts horrender Mieten und ungelöster Verkehrsprobleme Kronawitters damalige Warnungen vor den Schattenseiten des Booms überraschend aktuell.

Der Rücktritt kam völlig unerwartet

1993 trat Kronawitter - wieder eines seiner politischen Manöver - völlig unerwartet zurück und hängte anschließend noch eine Periode als einfacher Landtagsabgeordneter dran. Danach ist es zunehmend ruhiger um ihn geworden. Auch bedingt durch gesundheitliche Probleme zeigte er sich immer seltener in der Öffentlichkeit.

Aus der Münchner Tagespolitik hielt er sich heraus - mit zwei Ausnahmen. 2004 zeigte er, dass er von seiner Fähigkeit zur politischen Zuspitzung nichts verloren hatte und erzwang mit einem Bürgerentscheid, dass in München nur Hochhäuser gebaut werden dürfen, die maximal 99 Meter hoch sind - so hoch wie die Türme der Frauenkirche. Sein Nachfolger Christian Ude, der für höhere Bauten gekämpft hatte, war über diese Niederlage so verbittert, dass er kurzfristig darüber nachdachte, alles hinzuwerfen.

Und für seine Partei stieg er im Mai 2014 ein letztes Mal in die Bütt. Auf einem turbulenten Parteitag, der sich bis spät in die Nacht hinzog, rang die SPD damit, ob sie sich nach dem Verlust der Mehrheit für Rot-Grün auf ein Bündnis mit der CSU einlassen sollte. Am Schluss behielten die Befürworter knapp die Oberhand und Kronawitter trug mit dazu bei. Er beschwor seine Genossen mit brüchiger Stimme, immer daran zu denken, dass man die eigenen politischen Vorstellungen nur durchsetzen könne, wenn man auch eine Mehrheit habe.

Georg Kronawitter starb am 28. April 2016 im Alter von 88 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2259300
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/bica
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.