Süddeutsche Zeitung

Silencer am Gärtnerplatz:Feiert ruhig!

München ist im Sommer am Gärtnerplatz - zum Leidwesen der Anwohner, die der Lärm stört. Nun schickt die Stadt Sozialarbeiter als Silencer, die am Platz für Frieden sorgen sollen.

Von Thomas Anlauf

Es ist nur ein kleiner Fingerzeig. Die Frau hält den Zeigerfinger an die Lippen, lächelt. Traudl Baumgartner hat gewonnen. Die Leute verstummen und hören ihr zu. "Pssst!" Frau Baumgartner steht ganz ruhig in einem Pulk Menschen. Sie ist da, um für Ruhe zu sorgen in der Nacht, ein bisschen wenigstens. Die Frau mit der roten Weste ist eine von zehn Silencern der Stadt - Sozialarbeitern, die sensibilisieren sollen. Sie erklären den jungen Menschen, die in der Hitze der Nacht feiern, dass andere schlafen wollen. Keine einfache Aufgabe in diesen ersten Sommernächten: München fiebert. Und der Puls der Stadt pocht in der Nacht am Gärtnerplatz.

Sie ist ein riesiges Amphitheater, diese Rotunde in Rosa. Am Straßenrand sitzen um 23 Uhr fast 200 Menschen vor den Lokalen, nur mit Glück bekommt man hier einen Platz. Es ist der erste Abend, an denen die Münchner Wirte bis Mitternacht die Stühle draußen haben dürfen. Die Stadt hat sich für das Nachtleben entschieden, auf Probe. Sollte es zu viel Ärger mit den Anwohnern geben, ist das dreimonatige Experiment gescheitert. Auch hier am Gärtnerplatz wird sich in den kommenden Wochen entscheiden, ob München Weltstadt oder Schlafstadt sein soll.

"In Düsseldorf, da ist die Hölle los", sagt ein junger Rheinländer, der auf der grünen Insel des Gärtnerplatzes steht. "Dass man hier überhaupt ein Thema daraus macht, verstehe ich nicht. Und das um diese Uhrzeit!" Es ist noch eine halbe Stunde bis Mitternacht. 350 Menschen stehen, sitzen, liegen auf dem mit roten Blumen bepflanzten Rondell. Sie plaudern, lachen, Gläser klingen. "Möchten Sie was trinken?", fragt José charmant und hält Traudl Baumgartner, der Silencerin, einen Plastikbecher mit Wein hin.

Der 27-jährige Spanier ist Lehrer in München, seit zweieinhalb Jahren lebt er schon in der Stadt und spricht akzentfrei deutsch. "Ich bin fast schon Münchner", sagt er und es klingt ein wenig stolz. "Aber hier war ich noch nie." In dieser Nacht ist er mit etwa 20 Freunden da. José ist fasziniert von dem friedlichen Trubel auf dem Platz. Er kennt so etwas nur aus seiner Heimat Extremadura: feiern, bis der Morgen dämmert, mitten in der Stadt.

"Das sind ganz normale junge Leute"

Brigitte Meier muss lächeln. "Das sind ganz normale junge Leute", sagt die Münchner Sozialreferentin, "hier ist keine Streetworker-Klientel." Meier macht sich in dieser ersten Sommernacht ein Bild davon, wie die Arbeit der Silencer funktioniert und wie sich die Menschen auf dem Platz benehmen. Und sie wirkt zufrieden. "Der öffentliche Raum als Aufenthaltsort gewinnt doch immer mehr an Attraktivität", sagt sie und blickt zu den vielen Menschen, die auf den Platz drängen. "Auf so was muss man reagieren."

Seit vier Wochen sind die Silencer am Gärtnerplatz unterwegs, immer zu zweit. Sie reden mit den Leuten auf dem Platz, verteilen Visitenkarten an die Anwohner, falls die sich wegen des nächtlichen Stimmengesumms beschweren wollen. Die Silencer sind ein weiterer Versuch der Stadt, Ruhe an den Gärtnerplatz zu bekommen. Seit Jahren gibt es Beschwerden von einigen Anwohnern, denen es im Sommer nachts zu laut ist. Es gab eine Mediation, die Wirte wurden zu Gesprächen eingeladen, das Ensemble des Gärtnerplatztheaters eingebunden. Alle haben nach einer Lösung gesucht. Nun sind es also die Silencer, die Frieden an den Platz bringen sollen.

Da taucht Horst Lappe auf. Der Generalsekretär des Münchener Rennvereins betrachtet die Szene, als Traudl Baumgartner und ihre junge Kollegin Franziska Liegl freundlich, aber bestimmt mit einer Gruppe junger Leute redet, die ein bisschen zu laut gelacht hat. "Furchtbar" findet Lappe es, "wenn alles so steril wird." Der Manager der Galopprennbahn in Riem wohnt gleich um die Ecke und liebt die Sommernächte und das Leben am Gärtnerplatz. "Das ist einer der letzten Flecken, wo man sich wirklich wohlfühlen kann", sagt er. "Die Leute ziehen in die Großstadt, und dann beschweren sie sich."

Es ist 23.58 Uhr, vor dem "Cotidiano" stapeln sich schon die Stühle, überpünktlich aufgeräumt. Auf einer Parkbank vor dem Lokal sitzt Sami mit seinen Freunden. Der 37-Jährige feiert Geburtstag, natürlich hier. Der Gärtnerplatz sei "im Sommer ein Muss", sagt das Münchner Model. "Am Gärtner trifft man einfach Leute." Neben ihm steht Natalie Nguyen-Ton. Die Innenarchitektin und Fernsehmoderatorin lebt seit zehn Jahren im Viertel. "Das ist eben der Gärtnerplatz, das ist normal", sagt sie. Gerade hat sie in der Kaiserstraße das "Cochinchina" aufgemacht, aber "mein Herz ist nach wie vor hier". Man kann sogar täglich sehen, wie sehr sie mit dem Gärtnerplatz verbunden ist. Im Schaufenster des Modeladens "Slips" hängt ein riesiges Porträt von ihr.

Natalie Nguyen-Ton mag die schöne Seite des Gärtnerplatzes verkörpern, es gibt aber auch die dunklen Seiten. Es geht schon auf ein Uhr zu, der Platz ist zum Bersten voll. Neben einem Ghettoblaster, der halbwegs leise aufgedreht ist, steht ein junger Typ, pinkelt in die niedrige Hecke. Seine weiblichen Bekannten finden das sogar witzig. Ein paar Schritte weiter liegen Dutzende Plastikbecher, Tüten, Weinflaschen im Gras. Die großen Mülleimer quellen schon über. Trotzdem ist alles friedlich hier. Keiner der Feiernden käme auf die Idee, sich mitten ins Blumenbeet zu setzen. Es ist eine große Party mit vielen Unbekannten - Münchner Nachtleben.

Und die beiden Sozialarbeiterinnen sind mittendrin. "Die jungen Leute kommen wirklich zu uns", sagt Traudl Baumgartner. Es ist halb vier Uhr früh, sie ist eigentlich zufrieden mit der Bilanz der ersten Sommernacht am Gärtnerplatz. Die jungen Leute seien neugierig gewesen auf die zwei Konfliktmanagerinnen der Stadt, die die ganze Nacht auf dem Platz präsent waren. Jetzt sind noch immer 25 Leute da, viel kann man da nicht mehr machen. "Es sind jetzt alkoholisierte Gruppen, die erreicht man nicht mehr", sagt Baumgartner. Erik grölt "1. FC Fußball" und solchen Quatsch. Trotzdem: Sie und ihre Kollegin Franziska Liegl mussten kein einziges Mal die Polizei rufen. "Das tun wir nur, wenn Gefahr droht", sagt Liegl. Und es gab keine Beschwerde, zumindest nicht bei den beiden. "Einmal hat kurz das Handy geklingelt, aber der wollte wohl nur wissen, ob es uns wirklich gibt."

Um vier Uhr sind auch die beiden Damen gegangen. Wenig später ist der Platz menschenleer. Auch Erik, der junge Rosenheimer, verzieht sich mit seinem Fußball in Richtung Viktualienmarkt. "Pass", ruft er sich selbst zu, und schießt den Ball in den leeren Raum. Der Brunnen rauscht, man kann ihn deutlich hören, zum ersten Mal in dieser Sommernacht. Über den Dächern des Amphitheaters krächzt ein Rabe. Das Karussell der Nacht steht kurz still. Hinter der Klenzestraße schwebt eine rosa Wolke. Die Kehrmaschinen können kommen.

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Quelle:
SZ vom 10.6.2014/afis
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