Süddeutsche Zeitung

Schwabing:Ein Forum für die Seidlvilla

Nach dem Vorbild des Wedekindplatzes laufen nun erste Überlegungen an, auch dem vernachlässigten Nikolaiplatz ein neues, schöneres Gesicht zu verpassen. Ein Architektenentwurf schlägt einen einheitlichen Pflasterbelag vor - und viel größere Freiflächen

Von Stefan Mühleisen, Schwabing

Lange war der Wedekindplatz in Altschwabing ein öder Unort, kaum einer kam auf die Idee, sich dort zum Verweilen niederzulassen. Doch aus dem hässlichen Entlein ist nach der Umgestaltung ein umschwärmter Schwan geworden, ein neuer, von Massen Amüsierwilliger belagerter Hotspot in Altschwabing. Wer von dort aus die gut 400 Meter durch die Siegesstraße in Richtung Süden geht, erlebt ein Kontrastprogramm am Nikolaiplatz, einem Platz mit seltsam unbelebtem Flair, quasi wie früher auch der Wedekindplatz.

Doch was mit dem Wedekindplatz nach vielen Jahren des Appellierens, Schimpfens und Drängens geschah, das dürfte nun bald der Bezirksausschuss (BA) Schwabing-Freimann auch für diesen vernachlässigten Stadtraum erreichen: Es laufen Vorbereitungen an, dem Nikolaiplatz ein völlig neues Gesicht zu verpassen. "Ich habe fast Angst, dass der Platz dann einen ähnlich starken Sog entwickelt wie der Wedekindplatz", sagte Martin Blankemeyer (Grüne) scherzhaft in der Bezirksausschusssitzung.

Dass dieser Platz östlich der Leopoldstraße, zwischen Nikolaistraße und Maria-Josepha-Straße gelegen, über Jahrzehnte nicht auf dem Radar der Stadtplaner war, ist eigentlich erstaunlich, denn an der Ostseite steht ein malerisches, schlossartiges Bauwerk mit Jugendstilelementen und Ecktürmchen, eingebettet in einen kleinen, verwunschenen Park: das Kulturzentrum der Schwabinger, die Seidlvilla. Der Bezirksausschuss hat nun die Gunst der Stunde genutzt, um den angrenzenden Platz auf den Schirm des Baureferats zu bugsieren.

Die Behörde hatte einen Planentwurf für die Umgestaltung der ebenfalls völlig überdimensionierten Maria-Josepha-Straße vorgelegt - und ließ sich vom BA überzeugen: Wenn schon umgebaut wird, dann gleich richtig, sprich: Der Nikolaiplatz, am Westende dieser Tangente zum Englischen Garten gelegen, soll bitteschön gleich mit ins Auge gefasst werden.

Allein, es ist seit langer Zeit nicht die Art der Schwabinger und Freimanner Politiker, die Hände in den Schoß zu legen und auf das Baureferat zu warten. Sie präsentieren selbst eine Planungsidee, in diesem Fall erstellt von Stadtplaner und Architekt Christian Vogel, zugleich Vorsitzender des Vereins Urbanes Wohnen, der sich für eine Verbesserung des Wohnumfelds in München einsetzt. Er hat zuletzt für das Gremium Entwürfe für die ebenfalls seit Ewigkeiten angemahnte Überplanung der Münchner Freiheit erarbeitet. So bekamen die Lokalpolitiker jetzt in der Sitzung - finanziert durch das Förderprogramm "Bürgerinnen und Bürger gestalten ihre Stadt" - seine Vision eines komplett verwandelten Nikolaiplatzes zu sehen.

"Der Platz besteht derzeit zu einem großen Teil aus asphaltierten Straßen; er ist weniger ein Platz als eine Verkehrsdrehscheibe", bemerkte Vogel. Um das zu ändern, hat er zwei Varianten vorgelegt, eine große und eine kleine Lösung gewissermaßen. Die reduzierte Ideenskizze sieht folgendermaßen aus: Um dem Ensemble zunächst einen Platzcharakter zu geben, wird "von Hauskante zu Hauskante" ein einheitlicher Plattenbelag verlegt, das gesamte Ensemble mit der grünen Insel gestalterisch zudem auf die Seidlvilla hin ausgerichtet. Anders als beim Wedekindplatz entfallen in Vogels Plänen aber die Gehsteigkanten, was die Anmutung als einheitlichen Quartiersplatz betonen und verstärken soll. Die Mittelinsel wird nach Vogels Vorstellung sodann nach Norden und Osten, zur Seidlvilla hin, ausgedehnt, indem die an die Inseln angrenzenden Parkplätze entfallen. Der gewonnene Raum wird zum Vorplatz des Kulturzentrums, etwa mit einer Freifläche für Tische und Stühle; an der Südseite soll ein Teich angelegt werden.

An der Verkehrsführung müsste sich bei dieser Variante nichts ändern, anders als bei der ambitionierteren, von Vogel selbst und den BA-Politikern favorisierten Konzeptidee: Dabei würde die Fahrbahn entlang der Seidlvilla komplett entfallen, also ein wesentlich größerer, zumal durchgehender Fußgängerbereich entstehen. Um den Durchgangsverkehr zu ermöglich, müsste dann die Einbahnstraße an der Westseite zweispurig und Zweirichtungsverkehr eingeführt werden, wobei auch hier eine Park-Spur entfallen könnte. Für beide Lösungen kann Vogel eine nahezu ausgeglichene Stellplatzbilanz vorweisen, wobei er die Planungen des Baureferats für die Maria-Josepha-Straße mit einbezieht. Die sieht vor, die Straße zu verschmälern sowie den Schräg- und Längsparkbereich neu zu ordnen. Architekt Vogel betrachtet das Nikolaiplatz-Projekt auch im Hinblick auf die Parkplätze als "Gesamtmaßnahme". Demnach existieren nach seiner Rechnung im Planungsumgriff 112 Parkplätze; mit der "kleinen Lösung" würde die Zahl sogar auf 124 Stellplätze steigen, in der großen Ausbauvariante 110 Parkbuchten übrig bleiben.

Die Mitglieder des Bezirksausschusses waren sehr angetan von der "wunderbaren Öffnung zur Seidlvilla (Lars Mentrup, SPD). Vogel zeigte sich erfreut über die positive Resonanz - und zuversichtlich, dass der Erfolg des Wedekindplatzes als Blaupause für den Nikolaiplatz dienen kann, wobei der Wedekindplatz "fast schon zu perfekt gelungen" sei, wie er sagte.

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SZ vom 25.09.2020
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