Süddeutsche Zeitung

Olympia in Südkorea - München unterliegt:Gold für den Kommerz

Es war eine Entscheidung zwischen zwei Extremen. Am Ende hat der Kommerz über die Tradition gesiegt. Die Olympischen Winterspiele 2018 trägt das südkoreanische Pyeongchang aus - München unterliegt. Doch die Wahl in Durban war mehr, als die über einen Austragungsort. Das Komitee hat darüber entschieden, wie die Zukunft der olympischen Bewegung aussieht.

Ulrich Schäfer

Es war eine Entscheidung zwischen der großen Tradition, die sich mit Olympia verbindet - und dem großen Geschäft, das Olympia inzwischen ist. Es war eine Entscheidung zwischen der alten und der neuen Welt des Sports, zwischen zwei Städten, die gegensätzlicher kaum sein können. Hier München mit seiner 853-jährigen Geschichte, dem Oktoberfest, dem Viktualienmarkt, den prachtvollen Schlössern im Umland.

Und dort ein asiatischer Skiort aus der Retorte, dessen Straßen so heimelig sind wie ein mittelprächtiges Einkaufszentrum; ein Ort, dessen Pisten für Olympia aus dem Boden gestampft wurden, weil im Umkreis von zwei Flugstunden angeblich eine Milliarde Menschen darauf warten, das tun zu können, was die Europäer seit Jahrzehnten machen: Ski fahren.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat sich für das Geschäft entschieden, für die vielen Milliarden, die in Asien, diesem noch nicht ganz so reifen Wintersport-Markt, zu verdienen sind. Und das ist enttäuschend: für München, aber auch für die Idee der olympischen Bewegung. Ihr ging es einst um mehr als Kommerz, nämlich eben auch darum, der Welt ein wenig Halt zu geben. Und Tradition bietet Halt.

München hätte der olympischen Tradition entsprochen, München hätte Halt geboten. Pyeongchang 2018 dagegen ist der Aufbruch ins Neue, ins Ungewisse, ins Unsichere. Und es ist das endgültige Eingeständnis, dass der olympische Gedanke, der Beste möge gewinnen, zumindest bei der Vergabe der Spiele nichts mehr zählt. München hat das grünste, das nachhaltigste Konzept: mit vielen Sportstätten, die es bereits seit Jahrzehnten gibt; mit einem Olympiapark als Zentrum, der schon 1972 Zentrum der Sommerwettbewerbe war. Doch beim IOC gewinnt am Ende offenbar derjenige, der am meisten zahlt; oder am meisten Druck aufbaut; oder über die besten persönlichen Beziehungen verfügt.

Das IOC hat eine Chance vertan

Deshalb wurden vor vier Jahren, beeinflusst durch den damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin, die Winterspiele 2014 an Sotschi vergeben, an einen Badeort am Schwarzen Meer, mit Skipisten, die es kurz zuvor nicht gab. Und nun erhält auch die Spiele 2018 ein Wintersportort, der auf dem Reißbrett entstanden ist, dessen Wettkampfstätten zum Teil ebenfalls am Meer liegen - und der alles besitzt, nur keine Tradition.

Die Mitglieder des IOC haben eine Chance vertan. Sie hätten zum ersten Mal in der Geschichte einer Stadt nicht nur Sommer-, sondern auch Winterspiele übertragen können. Sie hätten München fast vier Jahrzehnte nach 1972, diesen fröhlichen Spielen, die durch das schreckliche Attentat jäh getroffen wurden und dennoch weitergingen, erneut den Zuschlag geben können.

Das wäre eine wahrhaft historische Entscheidung gewesen. Stattdessen haben sie Südkorea nach den Sommerspielen 1988 nun erneut mit Spielen bedacht. Von 1972 hat man noch die Leichtigkeit der ersten elf Tage in Erinnerung, dieses besondere Flair. Von Seoul 1988 weiß man dagegen noch, dass Ben Johnson einen Fabelweltrekord über 100 Meter lief, ehe er des Dopings überführt wurde. Und dass die Spiele den Charme einer kühlen, asiatischen Massenveranstaltung hatten.

Für München ist die Niederlage bitter, denn die Stadt hatte eine gute Bewerbung hingelegt: eine Bewerbung, die sich anfangs an widerspenstigen Bauern abarbeitete, die von Finanzproblemen begleitet war und die mittendrin ein neues Gesicht und damit neuen Schwung bekam: Kati Witt, die ostdeutsche Eislauf-Heldin, übernahm von Willy Bogner, dem glücklosen Filme- und Modemacher und einstigen Skirennläufer.

Wenn München etwas richtig machte, war es die Entscheidung für Witt. Dass ausgerechnet eine sächselnde Frau aus dem Osten (die aber - anders als der Bundespräsident - fließend Englisch spricht) für Olympia in Oberbayern werben durfte, ist vielleicht der größtmögliche Beweis für bayerische Weltoffenheit.

München hätte der Zuschlag gutgetan - und dem etwas angestaubten Skiort Garmisch-Partenkirchen ebenfalls. Das große Dorf an der Isar ist durch Olympia 1972, die Fußball-WM 1974 und die vielen internationalen Bands, die in den siebziger Jahren hier ihre Schallplatten aufnahmen, beinahe zur Weltstadt aufgestiegen. Doch in den vergangenen Jahren wirkte München zu selbstgefällig, zu zufrieden mit sich. Olympia hätte manches aufgebrochen, nicht nur den Untergrund der Innenstadt, durch den bis 2018 ein zweiter Tunnel für die S-Bahn getrieben werden sollte.

Auch sonst hätte die Aussicht, dass die Jugend der Welt in sieben Jahren nach München kommen wird, manches bewegen können: in der nicht gerade einfallsreichen Architektur ebenso wie in der Kultur, wo selbst Städte wie Wuppertal oder Freiburg den Münchnern zuletzt Konzertauftritte von Weltrang streitig gemacht haben. Und nun? Lässt der Elan, Neues zu schaffen, wieder nach?

Die Münchner Olympia-Bewerber werden sich in den nächsten Wochen fragen: Was haben wir falsch gemacht? Waren wir zu fair? Am Ende könnte der Entschluss stehen, sich nochmals zu bewerben, für 2022. Und zu zeigen, dass die olympische Idee nicht bloß dem Geld verpflichtet ist, sondern auch der Tradition.

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SZ vom 07.07.2011/bica
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