Süddeutsche Zeitung

Neue Heimat:Die Münchner Flohmarktgänger sind ziemlich miese Händler

Lesezeit: 2 min

Dafür haben die meisten wohl noch ein gutes Gehör. In Uganda, der Heimat unserer Kolumnistin, geht es auf Trödelmärkten viel lauter und chaotischer zu.

Kolumne von Lillian Ikulumet

Flohmärkte sind wie das Leben: chaotisch, mystisch, aufregend. Jeder Stand ist eine potenzielle Diamantenmine, wo die Steine noch von Hand zu Hand gereicht werden. Wer nach einem Vintage-Stück oder einfach nach etwas Besonderem sucht, muss tief graben, verhandeln oder sich durch chaotische Mengen quetschen.

Wenn man schließlich etwas entdeckt, fühlt es sich an, als ob man das System geschlagen hat und über einen verbotenen Schatz gestolpert ist. Die denkwürdigsten Billig-Schnäppchen macht man nicht in Einkaufszentren, sondern auf Flohmärkten. Zumindest dachte ich das lange.

Als ich vor einigen Jahren von Uganda nach München gezogen bin, kam mir gar nicht in den Sinn, dass Flohmärkte auch hier existierten - und das bis in den Spätherbst hinein. Ich dachte immer, Flohmärkte seien für arme afrikanische oder asiatische Länder bestimmt. Warum sollten die Deutschen auch dort einkaufen, wenn fast alles zu tiefen Preisen in riesigen Shopping-Hallen angeboten wird?

Wenn ich Freunden in Uganda erzähle, dass ich hier auf einen Flohmarkt gehe, denken sie, dass ich spinne und dass ich ein armes Leben in Europa führe. Ich selbst habe nach ein paar Besuchen auf Märkten gesehen, dass die Käufer aus allen möglichen Gesellschaftsschichten kommen, dass dort reichere Menschen sind und solche, die knapp bei Kasse sind. Woran man das erkennt? An der Art der Autos zum Beispiel, die im Marktgebiet parken. Und es gibt Menschen mit ausgebeulten Hosen, die bei einem Zwei-Euro-T-Shirt verhandeln.

Wer am lautesten schreit, verkauft die meiste Ware

In Uganda geht es deutlich rustikaler zu. Da die Händler dort ernsthaft konkurrieren, wetteifern sie, wer lauter schreien oder singen kann. Für die Besucher der Flohmärkte ist das wichtig; sie haben kaum etwas und wollen den billigsten Preis. Weil viele in Uganda arm sind, wird alles zu Geld gemacht, jede Kleinigkeit.

Das ist auch der Grund, warum die großen Schnürpakete aus deutschen Kleidersammlungen oft nicht bei Bedürftigen landen, sondern bei Händlern, die sie dann auf dem Markt für Geld anbieten. Während in München jeder einen Tisch aufbauen darf, dürfen auf den meisten Flohmärkten in Ostafrika ausschließlich registrierte Händler etwas verkaufen.

Die sind sehr gewieft, und man braucht gute Verhandlungskünste, damit sie einen nicht über den Tisch ziehen. Die Münchner Flohmarktgänger sind dagegen ziemlich miese Händler, dafür haben sie aber noch ein gut funktionierendes Gehör. In Uganda verursacht all das Gebrülle nämlich einen so intensiven Lärmpegel, dass noch Stunden danach die Ohren betäubt sind.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3716300
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 20.10.2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.