Süddeutsche Zeitung

Nachruf:Belgischer Bajuware

Guido Vael war Vordenker der Münchner Schwulen- und Aids-Hilfe-Bewegung. Jetzt ist er im Alter von 72 Jahren gestorben

Guido Vael hat in München viel bewegt. Er war eine der prägenden Gestalten der Schwulenbewegung der Stadt: ein engagierter Aktivist, ein Kämpfer für die Sache, ein Mensch, der andere begeistern und mitziehen konnte.

Aufgewachsen ist Vael im belgischen Flandern. Er studierte Radiochemie in der Nähe von Antwerpen, bevor er sich aus beruflichen Gründen entschied, nach Deutschland zu gehen. Geplant hatte er ursprünglich nur eine kurze Zeit, geblieben ist er weit über die Hälfte seines Lebens. 1977 kam Vael nach München. Hier lebte er bis zuletzt, insgesamt 42 Jahre, an der Seite seiner großen Liebe Willi Giess, ohne dessen Unterstützung Vaels ehren- und hauptamtliches Engagement nicht möglich gewesen wäre.

Als bekennend schwuler Mann trat Vael schon Anfang der Achtzigerjahre für Offenheit und Gleichstellung ein. 1984 hat er die Münchner Aids-Hilfe mitgegründet und arbeitete bis 1989 fünf Jahre aktiv im Vorstand mit. Seine Expertise aus den Münchner Anfangsjahren brachte er im Anschluss von 1989 bis 1999 als Vorstandsmitglied der Deutschen Aidshilfe ein.

Unvergessen für alle, die damals mit auf der Straße waren, bleibt Vael als treibende Kraft bei der Organisation der Anti-Gauweiler-Demonstration im Jahr 1987. Sogar US-Zeitungen schickten Reporter nach München, ein Foto zeigt Vael. "German gay leader" steht dabei, deutscher Schwulenanführer. Gauweiler, der damals Staatssekretär im Bayerischen Innenministerium war, hatte einen umstrittenen Maßnahmenkatalog zur Bekämpfung von Aids vorgelegt. Vael, dem stets viel an Aufklärung und Prävention gelegen ist, rebellierte gegen die geplanten restriktiven Vorschläge Gauweilers, etwa obligatorische Aidstests.

Vael wurde als Gründungsmitglied der Rosa Liste München auch stadtpolitisch aktiv. 1990 und 1994 war er als Stadtratskandidat aufgestellt. 1995 übernahm Vael das "Projekt Prävention" im Sub-Zentrum und war dort bis 2012 für Aktionen und Projekte verantwortlich. Schwule Gesundheit und schwules Selbstbewusstsein lagen ihm besonders am Herzen. Als er für sein Engagement 2009 vom damaligen Oberbürgermeister Christian Ude mit der Medaille "München leuchtet" in Silber geehrte wurde, wollte er, dass die Auszeichnung auch für seine Mitstreiter gelte.

Vael wurde einmal als preußischer belgischer Bajuware bezeichnet, weil er so "pflichtbewusst und pragmatisch" war und so direkt sein konnte. Diese Eigenschaften setzte er ein als Vordenker der Schwulen- und Aids-Hilfe-Bewegung. Vael ist einer ihrer prägendsten Männer, sagt Thomas Niederbühl, Stadtrat und Geschäftsführer der Aids-Hilfe. "Er ist einer unserer Helden. Wir werden ihn in ehrender Erinnerung behalten." Vael wurde 72 Jahre alt.

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SZ vom 16.01.2020
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