Süddeutsche Zeitung

Kritik:Schonungslos

Antonín Dvořáks "Rusalka" erschüttert bei den Münchner Opernfestspielen.

Von Klaus Kalchschmid, München

Was war das für eine Sternstunde: Antonín Dvořáks "Rusalka" in der nach wie vor packenden Regie von Martin Kušej bei den Opernfestspielen mit der überwältigenden Kristine Opolais als geschundenes Missbrauchsopfer, das in "Freiheit" nur noch schlimmere Demütigung erfährt und am Ende in einem Frauenhaus wahnsinnig wird.

Schon bei der Premiere vor elf Jahren im Nationaltheater war Opolais ideal besetzt. Wieder singt und spielt sie mit einer schonungslosen Intensität, aber auch flammenden Schönheit, die unter die Haut geht. Erschütternd, wenn sie im knöcheltief unter Wasser stehenden Heizungskeller des "Wassermanns" eine hell weiß leuchtende, am Ende zerberstende Kugel als Mond besingt, mit roten Pumps den menschlichen Gang versucht oder sich am Hof des Prinzen in ein Aquarium legt, um endlich wieder Wasser um sich zu haben. Wie bei der Premiere verleiht Günther Grossböck dem Vergewaltiger, der im Keller Mädchen jeden Alters gefangen und mit billigen Geschenken bei Laune hält, furchterregend brutale Bassgewalt und doch menschliche Züge, nicht zuletzt wenn er in der Menschenwelt einem väterlichen Doppelgänger warme Töne leiht.

Dmytro Popov kennt die Inszenierung seit der ersten Wiederaufnahme und vermag den verliebten Prinzen genauso gut mit leicht metallisch angehauchtem tenoralem Schmelz zu verkörpern, wie er sich schnell von der vermeintlichen Kälte Rusalkas abgestoßen fühlt und mit einer "fremden Fürstin" tröstet, die in jeder Hinsicht sinnliche Fülle darstellt (Alisa Kolosova). Sein Wiedersehen mit Rusalka, das mit einem Kuss und hier seinem verzweifelten Suizid endet, ist in jeder Hinsicht der Höhepunkt eines denkwürdigen Abends. Erstmals dirigiert der 44-jährige Tscheche Robert Jindra das Staatsorchester und entlockt ihm mit traumwandlerischer Sicherheit einerseits herrlich weich schimmernde Lyrismen, andererseits scharf glänzende, machtvolle Opulenz in den großen Chor- und Tanzszenen, die hier ja erschütternde Alpträume Rusalkas sind.

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