Süddeutsche Zeitung

Münchner Momente:Immobilienfirma im Glück

Ein Geschäftsmann aus Baltimore hat ein äußerst erfolgreiches Jahr hinter sich und investiert zehn Millionen Dollar - als Geschenk in seine eigenen Mitarbeiter. Wäre das nicht ein gutes Vorbild für Münchner Unternehmer?

Es ist ein schrecklich rührendes Video, das kürzlich von Baltimore aus um die Welt ging. Ein Mann steht auf einer Bühne, er nuschelt etwas Unverständliches ins Mikrofon. Dann, sehr deutlich und mit Betonung auf jeder einzelnen Silbe: "Ten. Million. Dollars." Einsatz glockenläutende Weihnachtsmusik, Schwenk auf die Menschen vor der Bühne. Sie öffnen rote Umschläge, reißen die Augen auf, Frauen pressen sich ungläubig Hände mit falschen Fingernägeln vor den Mund. Manche haben Tränen in den Augen. Wem bei dieser Szene nicht warm ums Herz wird, der hat ein Herz aus Stein.

Was war passiert? St. John Properties heißt die Immobilienfirma, deren Weihnachtsfeier auf dem Video zu sehen ist. Ihr Gründer verkündete bei der Gelegenheit die Ausschüttung eines Jahresendbonus' und stellte das PR-technisch so clever an, dass Medien rund um den Globus das Thema völlig ergriffen aufgriffen und über die Wohltätigkeitsaktion berichteten. Zehn Millionen Dollar, aufgeteilt auf 198 Mitarbeiter je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit - macht im Durchschnitt 50 000 Dollar pro Kopf. Grund für die Großzügigkeit war, dass das Unternehmen im Jahr 2019 einen Meilenstein erreicht hatte: ein Immobilienportfolio, das sagenhafte 3,7 Millionen Quadratmeter umfasst.

Der Geschäftsmann aus Baltimore sollte auch Münchner Immobilienunternehmern ein Vorbild sein. Während manche sich hierzulande zum Jahresende in Spendenmarathons für Bedürftige überbieten, hat der amerikanische Unternehmer erkannt, was wirklich wichtig ist und wo die milden Gaben besser aufgehoben sind: bei den eigenen Mitarbeitern. In sie muss investiert werden, damit sie auch im nächsten Jahr motiviert genug sind, weiter an seinem Imperium zu arbeiten (und vielleicht auch, damit sie sich ihre eigenen Mieten noch leisten können). Einem Fernsehsender berichtete der Firmenchef hinterher von den Reaktionen auf den Geldsegen: "Das war einer der großartigsten Momente, die ich in meinem Leben erlebt habe. Alle waren von Emotionen überwältigt. Sie schrien, weinten, lachten, umarmten sich." Immobilienmenschen im Glück.

Man darf nun gespannt sein, wann St. John Properties expandiert auf einen der heißesten Märkte der Welt; wann die Firma anfängt, in München Mietshäuser aufzukaufen. Vielleicht sind es dann eines Tages Münchner Mieter, die Umschläge aufmachen und ungläubig die Augen aufreißen. Nur werden dann eher keine Boni drinstecken. Sondern Abfindungen.

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Quelle:
SZ vom 27.12.2019
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