Süddeutsche Zeitung

Münchner Hochausdebatte:Modernes kann man sich trauen - aber soll man das?

Architektonische Einfallslosigkeit, Denkmäler des Profits oder mutiges Vorhaben? An den Planungen für neue Hochhäuser am Beispiel der Zwillingstürme auf dem Gelände der Paketposthalle scheiden sich die Geister

"Allemal besser als gstumperte Hochhäuser" vom 26. März:

Zur Skyline reicht's noch nicht

Eine schöne Animation - aus den unterschiedlichen Perspektiven! Schade, dass das Architekturbüro (Herzog & de Meuron; d. Red.) diese super Werbung für das Projekt nicht wollte. Durch die Biegungen wirken die Türme sicher noch eleganter. Sie stören nicht - aber sie tragen auch nichts zum Stadtbild bei. Erinnert mich sofort an die Tour Montparnasse in Paris (ein moderner, 210 Meter hoher Büroturm; d. Red.). Auch so ein Klotz, der in einer Großstadt nicht stört - aber eine neue Skyline wird es halt erst mit zehn Stück davon.

Werner Ströhlein, Bamberg

Üble Öko-Bilanz

Ein eitler Streit um "Schönheit". Über die CO₂-Bilanz bei Bau und Betrieb kein Wort. Die Türme, ein Symbol für die Rückständigkeit, die immer noch die Macht hat, Vorgestriges als visionär zu verkaufen. München 2035 klimaneutral - wenn diese Türme genehmigt werden: ein Witz.

Klaus Siersch, München

Ein Denkmal des Profits

Wie viel architektonische Einfallslosigkeit spricht aus dem Schlagwort "Stumpen" für Hochhäuser unterhalb von 100 Metern Höhe - im Zusammenhang mit dem Bebauungskonzept für das Paketpostareal in München Neuhausen gerne verwendet. Sehr enttäuschend, wenn ein Stararchitekt (Projekte wie Allianzarena) sich hier vom Investor zu der Aussage motivieren lässt, dass die vorgestellten 155-Meter-Doppeltürme an dieser Stelle von der Höhe her alternativlos seien. Alternativlos sicher, wenn dies auf die maximale Profitorientierung abzielt - was ja vielleicht auch so gemeint ist. Denkt man an die Beeinträchtigungen, die zukünftige Anwohner/-innen der bis zu 25 Meter an die 155-Meter-Gebäude herankonzipierten Wohnblöcke in Kauf nehmen müssten (leider lässt sich in München ja zurzeit noch alles vermieten), sollten akzeptable Alternativen dringend bedacht werden. Wie innovative Architektur von Gebäuden unter 100 Metern in Korrespondenz mit denkmalgeschützer "historischer" Architektur funktionieren kann, lässt sich meines Erachtens anschaulich an den Entwürfen des US-amerikanischen Stararchitekten Daniel Libeskind für das Bremer Areal der denkmalgeschützten Sparkasse am Brill verdeutlichen. Entstehen sollen hier vier Hochhäuser, teils deutlich unter 100 Metern. Wer bei dieser Architektur von "Stumpen" spricht, hat sich wohl doch eher der Gigantomanie verschrieben.

Warum ein Denkmal des Profits bauen lassen, in dem nur die Zahlungskräftigsten aus dem In- und Ausland die Möglichkeit bekämen, über München zu thronen - wer sonst kann sich die oberen Etagen solcher Gebäude leisten? Verglichen mit dem Projekt "Bremer Sparkasse am Brill" - welche spannenden Resultate hätte man in diesem Sinne bei einem Architekturwettbewerb für das Paketpostareal erzielen können. Und vielleicht hätte man dabei auch die einfallslosen, zur Friedenheimer Brücke hin benachbarten "Hochpunkte" - genannt "Kap West" - in ihrer öden Wirkung etwas abmildern, sprich architektonisch einbinden können. Bei diesen erscheint mir dem Architekten tatsächlich das Urbild von "Stumpen" gelungen zu sein.

Volker Winter, München

Leidet die Stadtsilhouette?

Wenn ich mich recht erinnere, war eines der Argumente damals gegen die Türme an der Domagkstraße und am Georg-Brauchle-Ring, dass die Frauenkirche als beherrschender Teil der Silhouette Schaden nehmen würde (ja, die Frauenkirche als Referenzpunkt hat in der Vergangenheit, vor allem rund um den Bürgerentscheid von 2004, eine große Rolle gespielt in der Hochhaus-Debatte in München; d. Red.). Das wäre ein relevantes Argument gegen die neuen Türme, weil sie noch näher bei der Frauenkirche stehen würden. Sie haben eine ganze Reihe von Perspektivrichtungen dargestellt, aber keine zeigt die Frauenkirche mit den Türmen. Bei dem einzigen Bild mit Frauenkirche werden die Türme seltsamerweise ausgerechnet durch eine Baumgruppe verdeckt. Bei einem so großen Aufwand für die Simulationen der verschiedenen Perspektiven (übrigens technisch sehr gelungen) könnte der Verdacht aufkommen, dass diese fehlende Perspektive bewusst nicht in den Artikel aufgenommen wurde. (Das Interview geht auf die Sichtbeziehung zur Frauenkirche ein, eine solche Ansicht befand sich aber nicht unter den aufwendig erstellten Simulationen; d. Red.)

Wolfgang W. Werres, Eichenau

Ein Luxusproblem

Für die Stadt München wäre es eine Bereicherung. Angesichts der Tatsache, dass immer mehr Flächen in Bayern verbraucht werden und zubetoniert werden, ist es doch gut, wenn Platz im Stadtgebiet gut genutzt wird. Also, nur Mut und weiter in die Höhe bauen. Und ein Anhaltspunkt in der Orientierung wäre es auch. Also für mich ist das ein Luxusproblem, ob so gebaut werden darf oder nicht.

Manfred Reith, Kemnath

Wenn schon, dann mutige Dominanten setzen - wie damals, bei den Olympischen Spielen in München

Vielen Dank für diesen Artikel. Als im Jahr 1965 geborener Münchner bin ich vom Geist der Entwicklung im Rahmen der Olympischen Spiele geprägt. Ich liebe die Entwicklung von München zu einer modernen Stadt. Und das steht in keinem Widerspruch zum Erhalt der Strukturen in der Altstadt. Ich habe zehn Jahre im Hypo-Hochhaus gearbeitet und finde den Arabellapark richtig hip.

Schiefgegangen ist dann die Entwicklung an der neuen Messe. Sechsstöckiges Hotel. Bei der guten Verkehrsanbindung hätten da auch höhere Häuser gepasst. Zumal sie die Messehallen verschattet hätten. Und das Ensemble um den O₂- Tower ist doch auch perfekt - an diesem Standort mit den dazugehörigen Gebäuden.

Als ich dann die Fotomontage der Denkmalschützer sah, habe ich mich auch gefragt, was man vom Schloss aus denn nun wirklich sieht? Gut, Hochhäuser hinter dem Schloss wären vielleicht nicht optimal. Aber wenn ich vor dem Schloss stehe, was sehe ich: unzählige farbige Autos. Die stören doch eigentlich. Schöner wären hier Wege ohne Autos. Da gibt es Argumente, die stark an die Trambahn durch den Englischen Garten erinnern. Objektivität ist nicht gefragt. Also: Als gebürtiger Münchner (West-Schwabing, Landshuter Allee und jetzt Rosenheimer Platz) würden mir die Hochhäuser an dieser Stelle sehr gut gefallen. Gerne auch höher. Und das Bild von der Donnersberger Brücke kenne ich von meinem täglichen Weg zur Arbeit (vor der Zeit im Home-Office). Da würden die Hochhäuser das Ambiente sicher aufwerten. Vielen Dank auch an Christoph Lintl für seine Simulationen. Interessieren würde mich mal, ob die Haltung dazu vom Alter der Münchner abhängt. Was meint die Jugend dazu? Ich bin sehr gespannt, wie es ausgeht.

Andreas Bettingen, München

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SZ vom 12.04.2021
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