Süddeutsche Zeitung

Wirtshaus Eder:Ein Wirtshaus im besten Sinne

Im Ederwirt im Westend geht es nicht darum, Wirtshausklassiker abzufeiern. Das Lokal überzeugt mit frischer, regionaler und hausgemachter Küche ohne Sperenzchen - und mit einer ausgefallenen Bierkarte.

Müsste man das Wirtshaus Eder mit einem Wort beschreiben, wäre es dieses: unaufgeregt. Eigentlich geht das nicht, denn unaufgeregt ist eines dieser Modewörter, sozusagen die kleine Schwester von entspannt, die immer dann verteilt werden, wenn in einem Lokal die Luzie abgeht, dem Großstädter es aber zu platt ist, es so zu nennen. Beim Ederwirt allerdings ist es wirklich unaufgeregt. Das fängt schon damit an, dass es in jenem Teil des Westends zu finden ist, dem jenseits der Trappentreustraße, wo mehr gewohnt wird als gefeiert und Szenebar ein Fremdwort ist.

Ein paar Meter die Straße runter ist ein Seniorenheim, links und rechts und gegenüber sind genossenschaftliche Altbaublöcke. Der lang gezogene Gastraum des alten Ridlerwirts wurde vor etwas mehr als zwei Jahren renoviert, die Vertäfelung in Grüntönen gestrichen und schlichtes Wirtshausmobiliar aufgestellt. Es gibt weder bajuwarischen Schnickschnack noch irgendwelche Hip-Zutaten, was ja passieren kann, wenn ein junger Wirt ein traditionelles Gasthaus übernimmt. Durch die hohen Decken und die schlichte Einrichtung hallt es bei vollem Haus dafür sehr, darum wählt derjenige, der ruhiger sitzen will, einen der drei Hochtische gegenüber der Theke.

Das Wirtshaus ist ein echtes Wirtshaus, also ein Haus mit einem Wirt, der sehr präsent ist. Johann Eder war vorher Küchenchef im Klinglwirt in der Balanstraße, nun hat er seinen eigenen Laden, in dem ein anderer in der Küche steht, damit er jeden Gast selber freundlich begrüßen kann.

Robust und reduziert wie das Interieur ist die Karte. Als Vorspeisen gibt es Rinderkraftbrühen, Brot, herzhafte Salate und Essigknödel. Wir hatten die Rinderkraftbrühe mit Pfannkuchenstreifen (4,50 Euro), mit der wir wechselnde Erfahrungen gemacht haben. Einmal, als es zu kalt war, um draußen vor dem Lokal zu sitzen, war sie wie eine warme Umarmung, fein abgeschmeckt mit kräftiger Rindsknochennote und Streifen vom Pfannkuchen, ein anderes Mal war sie leicht versalzen.

Es gibt elf Hauptspeisen, drei davon vegetarisch, keines davon Schnitzel, was zeigt, dass es hier nicht darum geht, Wirtshausklassiker abzufeiern. Es wird immer frisch, regional und hausgemacht gekocht, was die Karte automatisch kleiner macht. Geordert haben wir den Schweinsbraten mit Semmelknödel und Krautsalat (12,90). Krachig-karamellig die Kruste, zart wie nie das Fleisch und würzig die Biersoße dazu, die keine gebundene Dreingabe ist, sondern der robust abgeschmeckte Bratensaft. Die Fischpflanzerl (13,70) schmeckten uns dagegen etwas fad, für unseren Geschmack war zu viel Brot drin, der Kartoffel-Petersilienstampf und das Tomaten-Gemüseragout dazu zeigten aber geschmackliche Breitseite, was uns gefiel.

Gefreut hatten wir uns auf den ganzen Saibling aus dem Starnberger See mit Zitronen-Kartoffel-Püree (24,90), was berechtigt war, aber nicht ganz. Uns war er, auch für einen Seesaibling, zu fest im Fleisch, was einen leicht trockenen Eindruck hinterließ. Interessant war wieder das Spiel mit der Kartoffel, hie Zitrone und da Petersilie, die für geschmacklichen Wuppdich sorgten.

Großartig fanden wir die vegetarischen Posten. Etwa den Tomatenknödel gefüllt mit Blauschimmelkäse (13,90). Vom buttrig-schmelzigen Knödel haben wir uns ins würzige Innere vorgearbeitet, alles immer in die feine Nussbutter getaucht und dabei versucht, die karamellisierten Walnüsse aufzupicken. Die Spinat-Käsespätzle mit abgeschmolzenen Zwiebeln (11,90) waren im Geschmack alles andere als Standard, wieder ein Gericht mit Superschmelz. Zum Dessert gibt es eine Joghurt-Mascarpone-Creme (4,70), bei uns mit einem Kompott aus Erdbeeren und Rhabarber, und es hatte nichts von der üblichen Schwere des fetthaltigen Frischkäses, sondern wurde durch die Säure von Joghurt und Frucht zum leichten Sommerdessert.

Unaufgeregt etwas Gescheites essen

Eine Besonderheit ist die Bierkarte. Das Wirtshaus Eder ist unabhängig von einer Brauerei, was im Münchner Einerlei sehr wohltuend ist und eigene Gäste in den Ederwirt zieht. Ausgeschenkt wird vom Fass Schönramer Hell (3,80), zudem Tilmans Hell und Dunkel (4,20) sowie Crew Republic Indian Pale Ale (4,50). Die Tafel an der Theke kündigt weitere wechselnde Spezialitäten an. Aus der Flasche gibt es unter anderem Augustiner, Maxlrainer und Hopf.

Wenn Zugereiste zuhause mit leuchtenden Augen erzählen, dass in München alle demokratisch am selben Tisch sitzen, mag sich das gut anhören und sicher für Biergärten gelten, aber in den meisten Wirtshäusern sitzen selten fremde Menschen an Vierertischen. Beim Eder schon. Wenn kein Tisch mehr frei ist, setzt der Chef Neuankömmlinge freundlich aber bestimmt zu anderen Gästen dazu. Zweiertische gibt es eh nicht. Das muss man mögen, und Problemgespräche sollte man verschieben, man sitzt sich schon recht nah. Andererseits belebt dieses Platz-Tetris ungemein.

Ein Vater in Elternzeit macht Halt mit seinem Baby, er müsse dringend einen Schweinsbraten essen, nicht immer Nudeln. Danach kommen zwei Architektinnen aus dem Viertel. Natürlich wird erörtert, warum es keinen besseren Ort in München gibt. Und dass es gut ist, dass man um die Ecke so unaufgeregt etwas Gescheites essen kann.

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SZ vom 22.08.2019/amm
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