Süddeutsche Zeitung

Rathausgalerie München:Vom Flügelschlag zur Explosion

Jess Walter vereint in seinen Bildern Wucht und Leichtigkeit. Eine Auswahl neuer Arbeiten ist in der Rathausgalerie zu sehen

Von Udo Watter

Dass aus etwas Kleinem Großes werden kann, gehört zu den elementaren biologischen Gesetzen, bestimmt aber auch geistige Phänomene wie die Chaostheorie - der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings, der einen Orkan auslöst. Wer das Atelier von Jess Walter betritt, dem springen zwischen dem angemessen kreativen Durcheinander aus Druckplatten, Eimern, Farbdosen, Pinseln, Wasserwaage oder Leiter großformatige Arbeiten entgegen, die an den Wänden hängen und eine expressionistische Anmutung haben.

Was steckt hinter der wilden Formensprache mit den merkwürdigen Spuren und Farbausschüttungen? Spontaner gesteigerter Ausdruck? Mal sind die Farben zarter, mal - so sagt es der Künstler selbst - "knallen sie richtig" rein. Gibt es ein strenges intellektuelles Konzept, entfalten diese Linien bedeutungsschwere Symbolik? Muss man das überhaupt so genau wissen? "Eine gute Arbeit zündet jenseits von Wissen", findet Jess Walter.

Der Künstler lebt seit vielen Jahren in Pullach, aber sein Atelier befindet sich in Obersendling, im Areal der Kistlerhofstraße 70 - dort wo das städtische Projekt Platform vielen Künstlern in einem großen blaugelben Gebäude Räume und Büros zur schöpferischen Entfaltung bietet. Oft radelt Walter, 1959 in Mittelfranken geboren, von der Isartalgemeinde dorthin, manchmal kommt er auch länger nicht, denn er arbeitet schubweise.

Die großformatigen Druckgrafiken, die bei dem Besuch noch im Atelier hingen, sind inzwischen in einer Ausstellung in der Münchner Rathausgalerie zu sehen, und obschon sie den Betrachter auch ohne Hintergrundwissen in den Bann ziehen, haben sie eine interessante Entstehungsgeschichte. Sie waren quasi mal klein und wurden groß - und sie sind auch nicht im wilden Rausch gepinselt worden. Am Anfang des künstlerischen Prozesses stehen bei Jess Walter nämlich kleine, schnelle Kritzelzeichnungen, er nennt sie "individuelle Gesten". Diese werden anschließend stark vergrößert in einen Linolschnitt übertragen. Die flüchtige Geste wird gleichsam verzögert verwandelt in der großen und festen Form des Hochdrucks. Es entstehen Verdichtungen und Verknotungen, Energiebündel und flüchtig anmutende Zeichen. Die intime Geste erscheint verwandelt und wird gleichzeitig durch unterschiedliche Spuren im Druck- und Malprozess in ein neues Bildgefüge integriert. "Die Bilder sehen auf den ersten Blick unmittelbar und spontan aus, sind aber doch Ergebnisse von distanzierten Arbeitsprozessen, von Spuren und Abdrucken", erklärt Walter. Da wird die Linolplatte auf die am Boden liegende Leinwand geworfen und in einem schnellen Akt gedruckt. Walter lässt Farbdosen auslaufen, die Spuren entstehen von oben und unten. Es geht um Offenheit statt Perfektion. Oder: "Gleichzeitig Wucht und Leichtigkeit", so formuliert es Jess Walter. Manchmal schießt er allerdings übers Ziel hinaus und will zuviel, dann wird die Leinwand eingerollt und weggeschmissen.

Das Interessante ist in der Tat die Distanz, die sich darin zeigt - zwischen der unmittelbaren Handschrift und dem Ergebnis, das "als Spur einer offengelegten Handlung zu sehen ist". Obwohl Walter, der auch mit kunstpädagogischer Arbeit und Workshops sein Geld verdient, sich anschaulich auszudrücken weiß, ist er keiner, der seine Kunst in ein strenges intellektuelles Konzept kleidet. Das Spiel mit dem Zufall gehört bei ihm dazu. Dass er im kreativen Prozess Intuition, Gedanke und Unbewusstes vermählt, passt gut - Jess Walter ist nicht zuletzt inspiriert von Sigmund Freud und der Psychoanalyse.

Der weißhaarige und schlanke Franke, der mit 20 zum Studieren nach München kam, hat eine lange künstlerische Karriere hinter sich. Vor etlichen Jahren hatte er ein weitläufiges Ateliergebäude in Dorfen, seit neun Jahren wohnt er in Pullach. Ihm ist wichtig: "Trägt das Bild oder nicht?" Nun zeigt er in der Rathausgalerie eine Auswahl seiner neuen Bilder, alle im Format 200 mal 150 Zentimeter, und alle 2020 entstanden. Eine gleichsam intime Beziehung hat er zu jeder dieser Arbeiten, die sich von Tag zu Tag ändern und verschieben kann, wie er sagt, und auch abhängig ist von den Räumen, in denen sie hängen, und damit verbunden ihrer Perspektivenaura.

Neben ihm zeigen in der Ausstellung "Cut" die Künstler Boban Andjelkovic und Thomas Kilpper sowie die Künstlerin Alix Stadtbäumer ihre Druckgrafiken. Außer Kilpper, der für kritisch-gesellschaftliche und politische Interventionen bekannt ist und in Berlin wohnt, leben und arbeiten alle anderen im Raum München. Die von Walter und Johannes Muggenthaler kuratierte Schau konzentriert sich auf ein klassisches Medium und nimmt für sich in Anspruch, die Bandbreite großformatiger Grafiken zu präsentieren: traditionelle Techniken, die aktuell erscheinen, Bildwelten mit kunstgeschichtlichen Referenzen, politisch engagierte Themen. Und das ein oder andere Werk, das auf den Betrachter im besten Fall wuchtig und leicht zugleich wirkt.

Die Schau in der Rathausgalerie am Marienplatz 8 dauert bis zum 20. September. Die Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 13 bis 19 Uhr. Am Samstag, 22. August, Samstag, 5. September, und Sonntag, 13. September, finden jeweils von 15 bis 17 Uhr Kurzführungen mit den Künstlern statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5006133
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 22.08.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.