Süddeutsche Zeitung

Polizei in München:"Brücken baut man von beiden Seiten"

In einem gemeinsamen Projekt tauschen sich Beamte und Geflüchtete aus. Dadurch sollen Vorurteile abgebaut und das Verständnis füreinander gestärkt werden.

Von Julian Hans

Eine Frage ist Barbara Steinhart an diesem Nachmittag besonders wichtig. Über Stunden haben gut zwei Dutzend Geflüchtete und Polizisten per Videokonferenz darüber diskutiert, wie Barrieren ab- und Vertrauen aufgebaut werden können zwischen beiden Gruppen. Es wurden Ideen gesammelt für gemeinsame Unternehmungen, für eine bessere Kommunikation, damit Kontrollsituationen nicht eskalieren. Jetzt möchte Steinhart von den Zuwanderern wissen: "Spüren Sie, dass das für die Polizei ein Herzensprojekt ist?".

Die Polizeioberrätin leitet das Präsidialbüro in der Ettstraße. Schon seit einigen Jahren macht man sich hier Gedanken, welche Rolle die Polizei bei der Integration von Zuwanderern spielen kann. Wenn die Menschen die Rolle der Polizei im Staat verstehen und ihre Aufgaben kennen, dann haben sie weniger Angst, Kontrollen schaukeln sich nicht so schnell zu Konflikten auf und die Menschen rufen auch von sich aus die Polizei zu Hilfe anstatt Streit unter sich auszutragen. Vertrauensbildung ist also durchaus im Sinne der Sicherheit.

Einzelne gemeinsame Unternehmungen hat es schon gegeben: Ein Fußballspiel zwischen Streifenbeamten und Geflüchteten im Bellevue di Monaco. Beamte des Unterstützungskommandos USK haben mit Geflüchteten Berge bestiegen. Das kam bei allen Teilnehmern gut an, aber der Wunsch war, etwas Nachhaltiges aufzubauen, den Kontakt zu verstetigen.

Zusammen mit dem gemeinnützigen Unternehmen Brückenbauen hat das Polizeipräsidium seit 2019 ein Programm aus drei Modulen entwickelt: Im ersten bekamen 22 Menschen mit Fluchtgeschichte an vier Wochenenden einen vertieften Einblick in die Arbeit der Polizei. Im zweiten Modul wurden etwa ebenso viele Polizistinnen und Polizisten in interkultureller Kompetenz geschult. Das konnte alles noch als Präsenzveranstaltung vor dem Lockdown stattfinden. An diesem Wochenende nun diskutieren beide Gruppen in einem "virtuellen World Café" gemeinsam Ideen für die Zusammenarbeit in der Zukunft.

Von den Frauen und Männern, die aus Büros, Küchen und Wohnzimmern zugeschaltet sind, zweifelt niemand daran, dass die Polizei es ernst meint mit diesem Projekt. Viele Flüchtlinge würden sich wünschen, in ihren Heimatländern gäbe es so eine Polizei wie in Deutschland, sagt Habib Abdullah, der in München als Pädagoge arbeitet und als Dolmetscher für Persisch und Arabisch. "Meistens kommen die Flüchtlinge ja aus Diktaturen. Deshalb haben die Angst vor Polizei."

"Es sollte mehr Begegnungen mit der Polizei geben, nicht nur in Krisensituationen"

Umgekehrt brächten aber auch Kollegen überwiegend negative Erfahrungen mit Geflüchteten mit, räumt Klaus Redl ein. "Das Problem bei uns als Polizei ist immer, dass wir reagieren. Wir kommen nur, wenn was passiert ist." Als Jugendbeamter in Planegg kennt er die Jugendlichen eben nicht nur im Einsatz, sondern auch aus Alltagssituationen. Das sei wichtig, um den richtigen Zugang zu finden, bei Menschen aus anderen Kulturen nicht minder. "Ja", stimmt Habib Abdullah zu, "es sollte mehr Begegnungen mit der Polizei geben, nicht nur in Krisensituationen".

Das Potenzial von Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, werde noch viel zu wenig genutzt, findet Julia Halm von BrückenBauen. Oft würden sie nur als Sprachmittler eingesetzt. "Sie haben aber auch viel über die deutsche Kultur gelernt und über Gesetze und Regeln in Deutschland. Sie können Multiplikatoren sein nicht nur für andere Geflüchtete, sondern auch für die deutsche Bevölkerung".

Einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dem Projekt mit der Münchner Polizei sind erst seit einigen Jahren in Deutschland, andere bereits seit Jahrzehnten. Ihre eigene Fluchterfahrung und die Verwurzelung in den Kulturen ihrer Herkunftsländer macht sie für neu Angekommene glaubwürdig, so die Idee. Und gleichzeitig kennen Sie Deutschland und eben auch die Polizei inzwischen so gut, dass sie das vermitteln können.

Etwa 50 solcher Kulturmoderatoren hat BrückenBauen seit 2017 ausgebildet. Bisher waren das in der Regel Frauen und Männer mit Migrationshintergrund. "Jetzt haben wir zum ersten Mal Kulturmoderatoren mit Polizeihintergrund ausgebildet", freut sich Halm. Integration sei keine Einbahnstraße, betont sie. "Brücken baut man von beiden Seiten."

Ein Projekt, das dazu dienen soll, Distanz abzubauen, als kontaktlosen Video-Workshop zu organisieren, das ist natürlich ein Widerspruch in sich, darüber sind sich alle im Klaren und so war das natürlich ursprünglich nicht geplant, als vor drei Jahren die ersten Ideen entwickelt wurden. Aber wegen der Pandemie alles hinschmeißen, dafür war es allen Beteiligten dann doch zu wichtig.

"Integration funktioniert nur durch Mitwirkung aller", sagt Innen- und Integrationsminister Herrmann

Katrin Ostermeier und Marcus Rübbe von der Coaching-Agentur Kaos aus der Isarvorstadt ist es gelungen, so viel Team-Atmosphäre herzustellen, wie eben möglich per Zoom. Mit Treffen in Kleingruppen, gemeinsamen Pausen und einer abschließenden Präsentation der Ergebnisse, zu der sich Polizeipräsident Thomas Hampel und Bayerns Innenminister und Integrationsminister Joachim Herrmann zuschalten.

"Für die Sicherheit in unserem Land ist es von zentraler Bedeutung, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Religion respektvoll und friedlich zusammenleben", sagt Herrmann. Auch nicht jeder Polizeibeamte sei von vornherein positiv gegenüber Geflüchteten eingestellt. Das Projekt solle in beide Richtungen wirken: "Integration funktioniert nur durch Mitwirkung aller."

Barbara Steinhart, die Leiterin des Präsidialbüros hat eine ganze Reihe von Erkenntnissen aus dem Wochenende mitgenommen: "Wir müssen als Polizei unsere Maßnahmen transparenter machen", sagt sie. "Und wir brauchen mehr Zeit für das Gute." Hinter jeder Flucht steckt ein Drama und hinter jeder Uniform ein Mensch. Ein ähnliches Fazit zieht Osama Kezzo aus Syrien: "Dieses Projekt habe ich gemacht, weil ich an Menschen glaube. Und Polizeibeamte sind auch Menschen."

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