Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: München erschwinglich:Wo man kostenlos Kunst genießen kann

In zahlreichen Sammlungen, Galerien und Museen lässt sich erleben, dass es keineswegs vom Eintrittspreis abhängt, ob eine Ausstellung tiefe Eindrücke hinterlässt.

Von Dominik Hutter

Der Weg zur Kunst führt an Pferdekoppeln vorbei. Eine kleine Sackgasse im südlichen Solln, nur noch vereinzelt stehen Häuser hinter den Bäumen. Am hölzernen Gartenzaun muss man klingeln, Franziska Straubinger macht auf. Die stellvertretende Leiterin des Archivs Geiger empfängt Besucher an der Tür - es geht persönlich zu im früheren Atelier des bekannten Münchner Künstlers Rupprecht Geiger. Bis zu seinem Tod 2009 hat er in der Muttenthalerstraße gewohnt und gearbeitet, im "Pigmentraum" im Keller ist immer noch alles voll roter Farbe, auf den Dielenböden prangen bunte Kleckse. Künstleratelier eben.

Neben dem Waschbecken am Fuß der Treppe stehen Pinsel und ein Pürierstab bereit. Bilder, teils auch sehr großformatige, stehen eingepackt oder auch offen da. Hingucken und nachfragen erwünscht. "Wir sind ein lebendiges Archiv", sagt Straubinger. Bilder werden für Ausstellungen verliehen oder können vor Ort besichtigt werden, die Räume dienen gleichzeitig als Galerie, Museum und Bibliothek.

Geiger, vielfach ausgezeichnet und mehrfacher "Documenta"-Teilnehmer, ist in München auch an anderen Stellen vertreten. Bekannt ist die im Volksmund "Nivea-Dose" genannte Skulptur "Gerundetes Blau" vor dem Kulturzentrum Gasteig. In der Königinstraße steht ein weiteres Oval, die Objekte an den Wänden des U-Bahnhofs Machtlfinger Straße stammen von Geiger. Und dann gibt es noch das derzeit eingelagerte Plattenmosaik, das einst die Glasfassade des inzwischen abgebrochenen Hauptbahnhofs zierte und nach Fertigstellung des Neubaus wieder montiert werden soll.

Im Archiv Geiger dominiert eindeutig der Farbton Rot, der für den Künstler ein eigenes Motiv darstellte. Ziel sei es gewesen, ein "Porträt der Farbe zu schaffen", sagt Straubinger - Geiger war nach den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs überzeugt, dass gegenständliches Malen nicht mehr infrage kommt.

Das Archiv Geiger wirkt nicht nur, als käme man mal eben bei Künstlers zu Besuch. Es ist auch kostenlos zu besichtigen. Wie gar nicht so wenige Museums- und Galerieräume in München, das ja bei Bewohnern wie Besuchern in erster Linie für seine bedeutenden großen Sammlungen wie die Pinakotheken oder das Bayerische Nationalmuseum berühmt ist. Viele davon kosten am Sonntag nur einen Euro Eintritt, das Haus der Kunst bietet einmal im Monat Gratis-Donnerstagabende. Sonst aber sind deutlich höhere Tarife fällig. Das kann dann schon einmal zehn bis 14 Euro kosten, je nachdem.

In der Altstadt sind ausgedehnte Kunst- und Bildungs-Touren ohne Stopp beim Geldautomaten möglich

Das Archiv Geiger und viele andere kleinere Institutionen treten den Beweis an, dass kostenlos nicht gleich wertlos ist. Dass es nicht vom Eintrittspreis abhängt, ob eine Ausstellung einen Billig-Eindruck oder aber tiefe Impressionen hinterlässt. Und die Besucher müssen nicht wie bei den Pinakotheken-Highlights Schlange stehen. Viele der kleineren Institutionen liegen dezentral, sind von eher überschaubarer Größe und vielen Münchnern gar nicht bekannt. Was den großen Vorteil hat, dass man Zeit und Raum zum Genießen hat. Und nicht im Regen vor der Alten Pinakothek in der Schlange ausharren muss.

In der Altstadt sind ausgedehnte Kunst- und Bildungs-Touren ohne Stopp beim Geldautomaten möglich, von einer Einrichtung in die nächste. Start gleich in der Nähe des Marienplatzes: In der Sparkassenstraße, man muss schon genauer hinsehen, befindet sich der Eingang zu den Kunstarkaden. Dahinter zu sehen: Transportkarren, mit deren Rädern in langen Bahnen Klopapier auf dem Boden verteilt wurde - man muss hüpfen oder zumindest große, wohlüberlegte Schritte tun. An den Wänden der Souterrain-Räume hängen Fotografien auf Beton, in einer Art Kellerabteil samt eingelagerten Reifen flimmern die Bildschirme. Das ungewöhnliche Ensemble ist eine gemeinsame Präsentation mehrerer Münchner Künstler - die Größe der städtischen Galerie erlaubt durchaus auch einen spannenden Kurzbesuch in der Mittagspause. Die Kunstarkaden mit ihren Wechselausstellungen, nicht weit vom städtischen Kulturreferat entfernt, sehen sich als Laboratorium zeitgenössischer Kunst. Und sie kosten keinen Eintritt.

Weiter geht die Tour, an der Mariensäule vorbei: Im Prunkhof des Rathauses wartet die ebenfalls kostenlose Rathaus-Galerie auf Besucher: ein stilvoller säulengeschmückter Saal mit Oberlicht und markantem Brunnen. Auch dies ist ein städtischer Raum für Wechselausstellungen. Aktuell wird dort das komplett Abstrakte gefeiert: Die Künstler, Menschen mit einer kognitiven Einschränkung, arbeiten losgelöst von Modeerscheinungen in der Kunst, sie schaffen ganz direkt Abstraktes. Außenseiterkunst. Das sieht dann manchmal so aus wie bei Cy Twombly, andere Bilder sind extrem kleinteilig, knallbunt oder täuschen Dreidimensionales auf plattem Papier vor. Aber immer abstrakt, die lohnende Gratis-Ausstellung nennt sich "Roots Of Abstract".

Ein paar hundert Meter gen Südosten: Nicht nur anschauen, sondern vor allem auch ausleihen und mit nach Hause nehmen lassen sich die modernen Werke von Münchner Künstlern, die in den Arkaden des Stadtmuseums am Rosental untergebracht ist. In der Artothek. Die Bilder sind entweder im Ausstellungsraum aufgehängt oder lehnen einfach an der Wand - dann muss man "blättern", um möglichst viele zu Gesicht zu bekommen. Auch die Artothek wird von der Stadt betrieben, besichtigen ist kostenlos, fürs Ausleihen wird ein überschaubarer Mitgliedsbeitrag fällig.

Ausstellungen, die keinen Eintritt kosten

Archiv Geiger, Muttenthalerstr. 26, Tel. 72779653. Geöffnet montags 10 bis 14, dienstags 17 bis 20 Uhr und nach Vereinbarung.

Kunstarkaden, Sparkassenstr. 3, Tel. 233-23784. Geöffnet Dienstag bis Samstag, 13 bis 19 Uhr. An Feiertagen geschlossen. Aktuelle Ausstellung "Carriers" bis 31. Oktober.

Rathaus-Galerie, Marienplatz 8, Tel. 233-28408. Geöffnet Dienstag bis Freitag, 13 bis 19 Uhr, Samstag/Sonntag 11 bis 19 Uhr. "Roots Of Abstract" bis 21. November.

Münchner Kaiserburg, Alter Hof 1, Tel. 21014050. Geöffnet täglich außer Sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Artothek, Rosental 16, Tel. 23269635. Geöffnet Mi. und Fr., 14 bis 18, Do., 13 bis 19, und Sa., 9.30 bis 13 Uhr. "Inhabit" von Annabelle Mehrain bis 31. Oktober.

Galerie Wolfgang Jahn, Reichenbachstr. 47-49 (Rückgebäude). Tel. 297969. Geöffnet Di. bis Fr., 13 bis 18 Uhr, Samstag, 12 bis 16 Uhr. Rainer Fetting bis 30. Oktober.

Lothringer 13, Lothringer Str. 13, Tel. 66607333. Geöffnet täglich außer Montag von 11 bis 20 Uhr. Aktuelle Ausstellung bis 31. Januar.

BMW-Welt, Am Olympiapark 1, Tel. 125016001. Geöffnet täglich 7.30 bis 24 Uhr, Sonntags erst ab 9 Uhr.

Amerikahaus, Karolinenplatz 3, Tel. 5525370. Geöffnet Montag bis Freitag, 16 bis 20 Uhr, sonntags von 10 bis 16 Uhr. Jens Schwarz bis 31. Januar.

Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke, Katharina-von-Bora-Str. 10, Tel. 28927-690. Geöffnet Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr.

NS-Dokumentationszentrum, Max-Mannheimer-Platz 1, Tel. 233-67000. Geöffnet außer Montag von 10 bis 19 Uhr (an Feiertagen auch montags geöffnet).

Wer nun einen Themenwechsel braucht: Eine Art Mini-Stadtmuseum bietet die Dauerausstellung Münchner Kaiserburg im Alten Hof. Dort geht es, ohne Eintritt zu zahlen, in die Gewölbe hinunter, wo Tafeln und Filme die Münchner Stadtgeschichte darstellen. Gewidmet ist die Schau freilich vor allem dem Gebäude des Alten Hofes, der ersten Residenz der Wittelsbacher, und dem Repräsentanten, der den Komplex im 13. und 14. Jahrhundert zum deutschen Kaisersitz machte: Ludwig IV., der im Dauerkonflikt mit dem Papst in Rom lag, und die Insignien des von ihm beherrschten Heiligen Römischen Reiches an seinem Hauptwohnsitz in München aufbewahren ließ. Das alles wirkt zwar nicht so pompös wie etwa die Kaiserpfalz zu Goslar.

Dafür bietet die kleine, aber durchaus fein gemachte Ausstellung einen Überblick über das kaiserliche Geschehen auch in München, das ansonsten ja nicht gerade zu den bedeutendsten Ansiedelungen des mittelalterlichen Deutschland gehört hat. Die Bauten des Alten Hofs, die allerdings nur teilweise erhalten sind, lassen sich bequem und zu jeder Uhrzeit auch von außen besichtigen. Was ja ohnehin eine der preisgünstigsten und gleichzeitig schönsten Besichtigungsvarianten darstellt: einfach durch die Stadt gehen und Häuser anschauen.

Ebenfalls gratis, aber nur unter Überwindung einer gewissen Schwellenangst nutzbar, ist das künstlerische Sortiment der privaten Galerien. Die sind über die ganze Stadt verteilt. Wolfgang Jahn in der Reichenbachstraße etwa, vielen Münchnern bekannt unter dem früheren Namen Karl Pfefferle. Dort sind aktuell, am Eingang muss man klingeln, neue Arbeiten des gebürtigen Wilhelmshavener Rainer Fetting zu sehen. Bewusst grobstrichige, aber noch gegenständliche Malereien: Surfer, Strandszenen, aber auch Porträts sind zu sehen. Eigentlich dienst eine solche Galerie ja auch als Verkaufsstelle, Besichtigen ist aber natürlich trotzdem erlaubt. Ohne Eintrittspreis.

Einmal über die Isar, gen Haidhausen, muss man gehen, um die stimmungsvollen Hinterhof-Atelierräume der städtischen Galerie "Lothringer 13" zu sehen. Dort sind derzeit Arbeiten von Künstlern zu sehen, die sich mit den Räumen in Haidhausen selbst beschäftigen. "Over 13 - Reflections On An Art Space". Für Fotoausstellungen ist das in sein angestammtes Domizil am Karolinenplatz zurückgezogene Amerikahaus bekannt. Bis 31. Januar zeigt der Münchner Fotograf Jens Schwarz Einblicke in US-amerikanische Wählermilieus.

Und wer etwas ganz anderes haben will, das allerdings spezielles Interesse für Autos eines bekannten bayerischen Herstellers voraussetzt, kann auch die architektonisch interessante BMW-Welt am Olympiapark besuchen. Sie ist ebenfalls kostenlos. Wer mehr als nur eine große Baureihen-Show will, kann den Besuch des benachbarten BMW-Museums miteinplanen. Das kostet dann allerdings zehn Euro.

Im früheren Parteibau am Königsplatz ist das ebenfalls ohne Eintrittspreis zugängliche Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke. Das klingt sehr speziell, setzt aber weder Graecum noch Latinum voraus - es schafft vielmehr Einblicke in eine interessante und hilfreiche Kunsttechnik. Das Prinzip ermöglicht Rekonstruktionen, neue Eindrücke bekannter Objekte wie der (im Louvre beheimateten) Nike von Samothrake oder einen Blick in die Vergangenheit zwischenzeitlich veränderter Original-Kunstwerke. Was in der Ausstellung ausführlich erläutert wird.

Kostenlos ist auch das nahegelegene NS-Dokumentationszentrum, das über den Aufstieg der Nazis in München informiert. Diese Ausstellung, die auch für historisch Interessierte zahlreiche neue Details eröffnet, erfordert jedoch einen ausgiebigen Besuch. Das einst kostenpflichtige Dokuzentrum wurde bewusst auf freien Eintritt umgestellt - wegen seiner Bedeutung für die politische Prägung.

Derzeit geschlossen sind die Gratis-Angebote Münchner Kartoffelmuseum und die Sammlung Goetz in Oberföhring, deren beeindruckende Bestände modernen Kunst (vor allem auch Videoinstallationen) man aber in regelmäßigen Abständen an anderen Orten in München bewundern kann. Im Luftschutzbunker des Hauses der Kunst etwa sind regelmäßig Räume für die Video-Werke reserviert. Das ist dann aber nur einmal im Monat kostenlos: wenn das Haus der Kunst seine Donnerstags-Gratis-Öffnung hat.

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Quelle:
SZ vom 17.10.2020/lfr
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