Süddeutsche Zeitung

IAA_Protest auf zwei Rädern:"Ich bin ein Auto weniger"

Tausende Radfahrer setzen mit der Sternfahrt zur Theresienwiese ein Zeichen: Sie wollen mehr Platz auf den Straßen - am Rand der Strecke passt das nicht jedem.

Von Thomas Anlauf

Am Anfang ist das Blaulicht. Augsburger Polizisten mit ihren Motorrädern und mehrere Einsatzwagen aus Ingolstadt machen den Weg frei für diejenigen, die mit dem Rad schon von weit her gekommen sind. Etwa dreihundert Radler sollen es in Augsburg gewesen sein, die bereits am Samstagfrüh gestartet sind. Sie wollen nach München zur Theresienwiese. Es geht über kleine Landstraßen, schließlich kommt der immer größer werdende Pulk in Germering an. Seltsame Gefährte stehen dort herum, bunte raketenförmige Velomobile parken neben Familien, die sich hier getroffen haben oder schon von Augsburg aus losgefahren sind. Knapp 74 Kilometer sind es von dort bis zur Theresienwiese. Und jeden Kilometer werden es mehr Menschen, die sich an der Radsternfahrt beteiligen. Trotz eines Platzregens treffen sich bei der Großkundgebung am Samstagnachmittag viele tausend Menschen, um für eine Verkehrswende zu demonstrieren.

Markus Reize ist einer von ihnen. Er ist in Fürstenfeldbruck aufs Rad gestiegen und lässt sich unterwegs auch nicht von einem heftigen Regenschauer von seiner Fahrt abschrecken. Reize ist kein radikaler Systemkritiker, schließlich ist er Stadt- und Verkehrsplaner in der Kreisstadt. Er ist an diesem Wochenende natürlich privat bei der Sternfahrt dabei. Aber er ist schon der Meinung, dass die Verkehrswende dringend umgesetzt werden muss. "Ich habe ja nichts gegen SUV, aber dann müssen die Eigentümer einfach deutlich mehr bezahlen als andere", sagt er. Der Grafrather fährt aus Überzeugung mit bei der Sternfahrt, bei der laut Veranstalter 20 000 Menschen auf den Einfahrtsstraßen Münchens unterwegs sind, die Polizei spricht naturgemäß von deutlich weniger Teilnehmern, nämlich von 10 000. Und all die Radler stoßen kein CO₂ aus, im Gegensatz zu den Hunderttausenden Pendlern, die täglich mit dem Auto nach München und wieder zurück fahren.

Auf dem Weg in die Innenstadt klingelt der Verkehrsplaner immer wieder freundlich, egal, ob Autofahrer im Gegenverkehr kurzfristig im Stau stehen und hupen oder ob Menschen von Balkonen winken oder den Fahrradtross vom Gehweg in der Landsberger Straße filmen. Es ist auch mittlerweile ein imposantes Bild, das sich da bietet. Jeweils drei- bis viertausend Radfahrer rollen auf allen der vier innerstädtischen Routen laut Andreas Schön vom ADFC am Samstagmittag in Richtung Theresienwiese, wo die Schlusskundgebung stattfinden soll - insgesamt sind es 16 Routen auf der Sternfahrt. Allein auf der Strecke aus dem Münchner Osten soll es bis zu einer halben Stunde gedauert haben, bis sämtliche Radler eine Kreuzung passiert hatten. "Die Stimmung war aber sehr gut", sagt der ADFC-Vorsitzende Schön, der selbst auf einer der kürzeren Routen in der Stadt unterwegs war, schließlich musste er die Radsternfahrt mit organisieren. Ein paar Leute hätten gehupt oder geschimpft. "Aber was soll man da machen", sagt Schön: "Die Automobilmesse ist kein Ort, um über die Mobilität der Zukunft zu sprechen."

Die Radsternfahrt ist ein Statement und ein Familienausflug. Auf der Landsberger Straße überholt gerade ein Radler innerhalb des Konvois, am Gepäckträger hängt ein Schild, darauf steht: "Ich bin ein Auto weniger." Das trifft sicherlich auch die Stimmung der Radler, es geht darum, zu zeigen, dass man nicht mit immer noch schwereren Limousinen durch die Stadt fahren muss. Viele Wege lassen sich auch zu Fuß oder mit dem Rad bewältigen. Rebecca Peters, ADFC-Bundesvizevorsitzende, sagt: "Heute, bei unserer großen Fahrraddemo, hat der Radverkehr mal richtig viel Platz. Im Alltag aber kämpfen sich Radfahrende durch Straßen, die nicht für sie gemacht sind. Das muss sich ändern! Autoverkehr muss abspecken."

Viele Demonstranten fahren selbst auch mit dem Auto, aber sie wünschen sich eben auch bessere Radverbindungen, breitere Gehwege und ein besseres öffentliches Verkehrsnetz. Das verstehen nicht alle Autofahrer, die kurz im Stau stehen, als die Radler an ihnen vorbeiziehen. Einer schreit: "Man sollte euch alle wegsperren!" Als Antwort bekommt der Mann auf dem Balkon in Laim eine freundliche Antwort der Radler: Sie klingeln.

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SZ vom 13.09.2021
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