Süddeutsche Zeitung

Fleischindustrie:Von Arbeitern, die sich wie Sklaven fühlen

Yulia Lokshina hat eine Dokumentation über Leiharbeiter an Schlachthöfen gedreht, die meist aus Osteuropa kommen. Die Recherchen der HFF-Absolventin beginnen, als ein Mann in einer Maschine stirbt.

Von Elisa Schwarz

Stanislav starb bei den Schweinen. Er stand in einer riesigen Schlachthalle und bediente die Maschine, die den Schweinekopf vom Rumpf trennt. Und dann verhakte sich sein Kittel. Oder sein Handschuh. Oder ein Riemen. Das Band zog ihn mit. Später wird der Staatsanwalt sagen, dass man so etwas erst einmal mitbekommen muss, wenn ein Mensch in einer Maschine verschwindet. Bei all dem Lärm.

"Über Stanislav hab ich in einer Lokalzeitung gelesen", sagt Yulia Lokshina. Sie sitzt auf einem Metallstuhl am Rande des Foyers im Nordbad, eine zierliche Frau mit wilden, kurzen Haaren, die sie ein bisschen rebellisch aussehen lassen. Ins Schwimmbad geht sie oft, wenn sie nachdenken muss, über eine Szene, eine Idee, über Menschen wie Stanislav. Hier hat sie über ihren Dokumentarfilm nachgedacht, "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit", ihre Diplomarbeit an der Hochschule für Fernsehen und Film. Ein Film über osteuropäische Leiharbeiter, die über Subunternehmen für ein paar Monate nach Deutschland geschickt werden, und dann die Arbeit machen, die kein Deutscher machen will. Schichtdienst in Schlachthallen irgendwo in Niedersachsen. Eisige Kälte, drei Grad, Höllenlärm, wer am Band nicht mithält, wird mit Lohnkürzungen bestraft, so erzählen es die Menschen, die Yulia Lokshina, 33, für ihren Film getroffen hat.

Der Unfall von Stanislav war ein selbstverschuldeter Unfall, teilte das Unternehmen damals mit. Mehr nicht. Wie es zu dem Unfall kam, wer die Verantwortung trägt, blieb offen. "Ich glaube, dass dort Leute arbeiten, die keine eigene Sprache haben, also keine Sprache, um sich zu organisieren", sagt Lokshina. Als sie die kurze Meldung über Stanislav las, über den Tod eines polnischen Arbeiters in einer Fleischfabrik, dachte sie: Das ist viel größer.

Sie fuhr nach Sachsen-Anhalt zu der Schlachthalle, in der Stanislav starb, und auch zu anderen Niederlassungen des Fleischbetriebs. Auf dem Dach der Fabrik drehte sich ein lachendes Schwein, Kameras überwachten den hohen Zaun. Auf dem Firmengelände konnte sie nicht filmen. Meistens sind Rundgänge über das Firmengelände sowieso nicht möglich, aus Hygienegründen. Also wartete Yulia Lokshina auf die Arbeiter, die durch das Eingangstor kamen. Was passiert sei mit Stanislav, fragte sie die Männer. Schulterzucken, müde Gesichter. Einer sagte, sie solle sich keine Mühe machen, weil hier niemand mit ihr reden werde. Wer will schon seinen Job verlieren für irgendeinen Studentenfilm.

Das war das Schwierigste an der Recherche, sagt Yulia Lokshina. Das Vertrauen aufzubauen. Lokshina wurde in Moskau geboren, sie spricht russisch und ein bisschen polnisch, zu wenig, um sich unterhalten zu können, aber genug, um eine kleinste Gemeinsamkeit zu haben. Über eine Beratungsstelle, die sich für faire Werksverträge für Leiharbeiter einsetzt, konnte sie schließlich mit Arbeitern eines großen Schlachtbetriebs sprechen. Sie setzte sich in die Beratungsstelle und wartete. Erste misstrauische Begegnungen. Presse, Kamera - wozu? Lokshina sagt, dass sie die Angst gespürt hat, die Angst der Arbeiter, als Skandalstars benutzt zu werden, als lebende Klischees; arme Migranten, die ihr Leben nicht im Griff haben. Sie ließ die Kamera erst mal aus, nahm sich Zeit, ging mit auf kleine Grillfeste, hörte zu. Dann wurde sie von einem litauischen Ehepaar zu einem Filmabend im Campingwagen eingeladen, in dem nur ein paar Stühle standen, ein Bett, mehr nicht.

Es sind Einzelschicksale, die Yulia Lokshina mit einer großen Ruhe in ihrem Film porträtiert. Ein Pole, der sagt, wenn er Frühschicht hat um vier Uhr, ist er schon um ein Uhr in der Fabrik. Geht nicht anders, weil keine Nachtbusse fahren. Dann wartet er in der Umkleidekabine bis zum Schichtbeginn. Die Stunden bezahlt ihm natürlich keiner. Oder das litauische Ehepaar im Campingwagen - eigentlich hätten sie hier doch alles. Aber den Lärm könne man sich nicht vorstellen, den Lärm und den ständigen Druck, noch schneller zu arbeiten, obwohl das Band voll ist, obwohl die Neuen noch nicht mitkommen, Fehler machen, überfordert sind. Wie Sklaven fühlten sie sich manchmal.

Yulia Lokshina schaut in das Foyer des Nordbads. Der Bademeister schlappt gerade vorbei. Dumpfe Stimmen dringen aus der Tür zur Badehalle. Wenn Lokshina von den Arbeitern in der Schlachthalle erzählt, ist es so, als wäre das hier eine andere, eine wahnsinnig banale Welt.

Ein einziges Mal war sie selbst in so einem Fleischbetrieb, erzählt Lokshina. Ohne Kamera, das war die Bedingung. Sie weiß noch, wie grell es in den Hallen war, grell und laut. Die Schweine werden kurz vor der Schlachtung mit grünem Licht bestrahlt, aus Boxen dröhnt Panflötenmusik, damit die Tiere nicht durchdrehen. Bevor Yulia Lokshina zurück in ihr Auto stieg, zog sie sich um. Half nichts. Tagelang hatte sie den Geruch der Schweine in der Nase.

"Natürlich fragt man sich, wie die Arbeiter das ertragen." Sie sagt das ohne pathetische Tragik, ohne politische oder gesellschaftliche Anklage. Zeigen, was ist, darum geht es ihr, um die Perspektive von denen, die unsichtbar in der Gesellschaft sind. "Man braucht eine Struktur, in der man kämpfen kann, und diese Struktur haben Leiharbeiter nicht." Häufig sprechen sie wenig Deutsch, haben Schwierigkeiten, ihre Verträge zu verstehen, und wie soll man auch eine Struktur aufbauen, wenn man nur ein paar Monate gebraucht wird, also gar keine Perspektive hat. Wenn die Kraft fehlt, sich zu solidarisieren oder man einfach mal ausschlafen will, statt Schilder für eine Demonstration zu basteln. "Wenn's einem schlecht geht, denkt man nicht an das Kollektiv", sagt Lokshina, "da denkt man an sich."

Als Yulia Lokshina zwölf Jahre alt war, fragte ihre Mutter, ob sie Lust hätte umzuziehen, nach Deutschland, weg aus dem chaotischen Moskau der Neunzigerjahre. Sie sagte ja, wie man das halt sagt als Kind. Die beiden zogen nach Hannover, das so klein war im Vergleich zu Moskau, der Millionenstadt. In der Schule spielte Lokshina viel Theater, Shakespeare, las Bücher, aber Film interessierte sie nicht. Erst als sie später Kulturwirtschaft in Passau studierte, wollte sie Filme drehen, und zwar solche, die auch mit Erwartungen brechen.

Es gibt einen zweiten Handlungsstrang in ihrem Film, der verdeutlicht, was sie damit meint. Eine Art Kommentar. Während ihrer Recherche habe sie immer wieder an Brecht denken müssen, an sein Werk "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe", das schon 1931 die Ausbeutung der Arbeiter thematisiert. "Ich wollte parallel zu der Geschichte über die Leiharbeiter erzählen, wie wir heute eigentlich über solche Verhältnisse nachdenken", sagt Lokshina. Sie fragte bei einer Schultheatergruppe an einem Münchner Gymnasium an, ob ein Lehrer bereit wäre, das Brecht-Stück einzuüben und mit der Klasse über Leiharbeit in Deutschland zu diskutieren. "Es ging mir gar nicht so sehr um die große Aufführung am Ende, sondern um den Prozess. Wie denken Schüler über Kapitalismus nach?"

Im Film wird deutlich, wie schwer ihnen das fällt, als 17-jährige Teenager - Klassenkampf, Kapitalismus, Worte schwer wie Blei. Ein Schüler sagt, dass es schon ganz gut sei, über solche Missstände zu berichten. Dass es dann vielleicht Protest gibt, geben muss, weil das ja keiner aushalten kann. Ein anderer sagt, ein Dokumentarfilm könne nie die Wirklichkeit abbilden. 17 Stunden Arbeit in einer Halle, so was kann man nicht erklären, so was muss man erleben. Lokshina hat die Diskussionen mit der Kamera begleitet, still, unkommentiert. Am Anfang sei das eine ständige Reibung gewesen mit ihren Erwartungen, sagt sie. "Weil keiner aufgesprungen ist, keiner sagte: Voll krass, wir müssen jetzt was machen, let's go, wir posten eine Kampagne auf Facebook oder so."

Es sind die leiseren Momente, die am Ende bleiben. Schweigen, nachdenkliche Gesichter, auch die Überforderung, selbstständig zu denken, und nicht in Leistungspunkten. Es sei diese Gegenüberstellung der Perspektiven gewesen, die sie ihrem Film geben wollte, sagt Lokshina. Dafür wurde sie mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet. Ein feinfühliger, leiser Film, lobte die Jury.

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SZ vom 04.02.2020/vewo
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