Süddeutsche Zeitung

Sanierung:Der Exodus der Bücher

Nach 37 Jahren schließt die Stadtbibliothek vorerst ihre Pforten im Gasteig. Nicht nur Leserinnen und Leser nehmen Abschied von der Zentrale. Ein Besuch am letzten Öffnungstag.

Von Katja Gerland

"Ganz viele Geschichten", sagt Bibliothekarin Margit Chodora, verbinde sie mit der Stadtbibliothek Am Gasteig. Wie sie als junge Frau den Bau des Kulturzentrums bestaunte und dort schon bald zu arbeiten begann. Wie sie an einem Sonntag um das Ende der Nullerjahre herum in aller Frühe eine Buchlieferung aus Malta empfing und über Jahrzehnte hinweg immer wieder den Bibliotheksbestand umsortierte. An diesem Samstagnachmittag kommt eine weitere Geschichte hinzu. Nämlich die, wie Chodora ein letztes Mal durch die gefüllten Gänge der Bibliothek streift, die Treppen hoch bis zu den Leseplätzen, und wieder runter, in den Musikbereich. Wie die 64-Jährige zum letzten Mal herumirrenden Menschen den Weg zum richtigen Buch zeigt, und sich dann, um 16 Uhr, endgültig von den Besuchern verabschiedet.

Es ist der letzte Öffnungstag der Stadtbibliothek, die nach 37 Jahren vorerst ihre Pforten im Gasteig schließt. Die Bibliothekszentrale muss in den kommenden Jahren der Generalsanierung des Kulturzentrums weichen. Und während an diesem Samstagnachmittag bis auf die knallgelben Plakate mit der Aufschrift "Wir ziehen aus" nur wenig auf den bevorstehenden Umzug hindeutet, ist er hinter den Kulissen schon voll im Gange.

Mehr als 800 000 Medien aus dem Magazinbestand sind bereits in das Interimsmagazin in Oberschleißheim gezogen. Von Montag an werden Schritt für Schritt auch die rund 360 000 Medien aus den Räumen der Bibliothek in mobile Regale geräumt, mit Planen umwickelt, und an drei verschiedene Standorte gebracht. Jeweils etwa 60 000 Medien wandern dann an die zwei vorübergehenden Publikumsstandorte der Stadtbibliothek, das Motorama auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Gasteigs und die Sendlinger Halle E. Dort stehen sie für Besucherinnen und Besucher weiterhin wie gehabt zur Verfügung - im Motorama vom 26. November an, die Halle E öffnet bereits ab dem 8. Oktober. Die restlichen 240 000 Medien aus dem Freihandbestand lagern in Zukunft gemeinsam mit dem Magazin der Stadtbibliothek in Oberschleißheim. Von dort aus finden sie nur ihren Weg nach Sendling oder Haidhausen, wenn sie zur Ausleihe bestellt werden.

"Eine komplexe Angelegenheit", sagt Carolin Becker, Leiterin der Stadtbibliothek Am Gasteig. Schließlich müsse man die Medien schon jetzt nach ihren zukünftigen Standorten ordnen, um während des Umzugs in den nächsten zwei Monaten nicht durcheinander zu kommen. Deshalb haften bunte Zettel an ihnen - weiß für Halle E, gelb für Motorama und blau für Oberschleißheim.

Zettel geklebt, sagt Chodora, habe sie in letzter Zeit schon viele. Auf ihrem Streifzug durch die Bibliothek ist die 64-Jährige in ihrem Lieblingsbereich, der Rechtsliteratur, angekommen. Beim Buchstaben F macht sie Halt und lehnt sich an eines der dunkelroten Regale, die die Bibliothek seit Jahrzehnten prägen. "Es ist schon ein bisschen traurig", sagt sie, "ich war zu fast jeder Tag- und Nachtzeit in diesem Haus."

Gleichermaßen neugierig sei sie aber auf das, was nun kommen wird. Ihr letztes Jahr als Bibliothekarin verbringt Chodora zum Großteil im Motorama, die neue Stadtbibliothek Am Gasteig werde sie dann als Rentnerin erleben. Und auch, wenn dann nur noch wenig von der markanten Einrichtung, den roten Regalen und dem blauen Teppichboden übrig sein wird, hofft Chodora, dass zumindest ihr Verständnis von der Stadtbibliothek wieder mit in den neuen Gasteig einzieht: "Für mich ist es ein Ort, der jeden einlädt."

Die Pläne für die Interimsstandorte lassen erahnen, dass die Stadtbibliothek auch in Zukunft ein Ort für alle bleiben wird. In der Halle E wird der Großteil der Musikmedien angeboten und es wird ein Sprachcafé geben; dort ist der Schwerpunkt die Kultur. In den Regalen des Motorama wird hingegen eine breite Auswahl für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene stehen. Aber natürlich, das betont Becker, sei in beiden Standorten "nichts in Stein gemeißelt." Man werde beobachten, wie die Besucher auf das Angebot reagieren und dann bei Bedarf auch austauschen, erweitern und umräumen. "Es ist im Prinzip ein einziges Labor für den neuen Gasteig", sagt Becker.

Als dort am Samstagnachmittag das nahende Ende der Öffnungszeit über die Sprechanlage tönt, wollen viele Besucher noch nicht so wirklich gehen. Manche eilen weiter von Regal zu Regal, um die letzten Bücher in die roten Bibliothekskörbe zu packen, andere machen auf den Leseplätzen noch keine Anstalten, ihre Lektüre zuzuklappen. Auch Guntram Dötterl bleibt auf der Treppe hinab zum Eingangsbereich stehen und blickt nach oben auf die roten Backsteinwände. Sonst finde man ihn eher in den Münchner Fachbibliotheken. Aber "zum Abschiednehmen", sagt der 58-Jährige, sei er an diesem Tag noch einmal in die Stadtbibliothek gekommen. Schließlich sei es für ihn schon immer ein Erlebnis gewesen, das riesige Gebäude an der Rosenheimer Straße zu besuchen.

So langsam strömen auch die letzten Menschen an Dötterl vorbei und mischen sich im Eingangsbereich unter die Mitarbeiter. Und als sich Bibliotheksdirektor Arne Ackermann für die Treue der Besucherinnen und Besucher bedankt, klemmen sie sich alle die Bücher unter den Arm, stellen ihre Körbe auf den Boden, und applaudieren für die vergangenen 37 Jahre.

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SZ vom 02.08.2021
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