Süddeutsche Zeitung

München:Flügel aus Glas

Mehr als tausend Röntgen-Thoraxaufnahmen dienen dem Münchner Video- und Fotokünstler Christoph Brech als Vorlagen für die neuen Chor- und Oratorienfenster der Giesinger Heilig-Kreuz-Kirche. Im kommenden Herbst wird man sie sehen können

Das Kreuz. Das gibt es nur an dieser einen Stelle im Körper", sagt Christoph Brech und fährt mit dem Zeigefinger die Linien nach, vom Brustbein dorthin, wo seine Schlüsselbeine nach den Seiten zu den Schultern abzweigen. Vor ihm auf dem Computerschirm ist das Röntgenbild eines Brustkorbs zu sehen. Die dichteren Strukturen des Skeletts wie Rippen und Wirbel hat der Röntgenstrahl als zarte, helle Bögen erfasst. Die durchlässigen Lungen hingegen haben die Form eines schwarzen Flügelpaares. "Man macht sich keine Gedanken, wie unterschiedlich sie sind", sagt Brech mit Staunen in der Stimme. Er klickt auf eine weitere Datei, mehr als tausend Thoraxaufnahmen ruhen namenlos auf der Festplatte seines Rechners. Kommenden Herbst wird man sie sehen können als anmutiges sphärisches Raster in den Chor- und Oratorienfenstern der Heilig-Kreuz-Kirche am Giesinger Berg.

Seit 25 Jahren arbeitet der Münchner Video- und Fotokünstler, der in diesem Jahr im Centre Pompidou Metz und in der Staatsgalerie Stuttgart ausstellt, immer wieder mit Thoraxaufnahmen. Er sammelt sie. Und anders als etwa Thomas Manns "Zauberberg"-Patient Hans Castorp ("Er sah in sein eigenes Grab") scheint Brech nicht von einem existenziellen Grauen erfasst beim Anblick der "Lichtanatomie". Eher beobachtet man bei ihm ein Angerührtsein von der inneren Schönheit und Wehrlosigkeit des Menschen. Doch kann er auch, wie der Zauberberg-Hofrat Behrens, mit dem Enthusiasmus eines Wissenschaftlers dozieren: "Das könnte die Lunge eines Querflötisten oder Bläsers sein, die sind wahnsinnig trainiert." Brechs Vater war Mediziner. "Ich bin also damit aufgewachsen", erzählt der 55-Jährige. Eines Tages bekam er von einem pensionierten Giesinger Kollegen seines Vaters einen ganzen Keller alter Diagnostikbilder, die zur Basis seines Thorax-Archivs wurden. So entstanden schon Mitte der Neunzigerjahre an der Akademie der Bildenden Künste in München, wo Christoph Brech beim Theologen und Professor für Christliche Kunst, Franz Bernhard Weißhaar, studierte, Thorax-Bilder, Grafiken, gedruckt mit der Asche aus 200 Jahre altem Ahorn. "Die sahen total gotisch aus", sagt Brech.

Als er vom Erzbischöflichen Ordinariat gebeten wird, eine Idee zu entwickeln für die fünf Chor- und zwei Oratorienfenster von Heilig Kreuz, scheint sich für Brech, der in vielen seiner Arbeiten Zeit und Vergänglichkeit reflektiert, der Kreis zu schließen. Ein Gedanke, der über Jahre gearbeitet hat, kann nun zu seinem logischen Ende finden. Der gekreuzigte Christus am Hochaltar der Kirche, dessen Rippen beinahe naturalistisch aus der Brust drücken, erinnert ihn an die Röntgenbilder in seinem Keller. Und sieht nicht auch das Kreuzrippengewölbe des neogotischen Gotteshauses aus wie das Inwendige eines Brustkorbs? Thorax- und Kreuz-Motiv, ließe sich das nicht weiterführen in der Bildsprache der Fenster? Der Kreuzestod, der in der Regel durch Ersticken eintrat. Das Leben, das Gott seiner Schöpfung eingehaucht hat. Die Vorstellung, dass der Atem der Sitz der Seele ist.

Die Heilig-Kreuz-Kirche, nicht nur wegen ihres 95 Meter hohen Kirchturms auch "Giesinger Dom" genannt, war in den Jahren 2012 bis 2015 im Innenraum ebenso aufwendig wie zurückhaltend saniert worden. Nach umfangreichen Voruntersuchungen gelang in Münchens letzter vollständig erhaltener neugotischer Kirche das, was Norbert Jocher, Leiter der Hauptabteilung Kunst im Ordinariat, "eine weitgehende Annäherung" an den ursprünglichen Raumeindruck nennt. Einzig bei den Spitzbogenfenstern, 29 an der Zahl, fehlte es an einer zufriedenstellenden Lösung. Bis auf die bunten Nonnenscheiben oben in den Spitzbögen tragen die Fensterscheiben derzeit lediglich einen leichten Pigmentfilter, der verhindern soll, dass Pfarrer Engelbert Dirnberger bei direkter Sonneneinstrahlung das Messbuch nicht lesen kann. Die ursprünglich bunten Glasgemäldefenster der 1886 geweihten Kirche waren im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört worden. Und die drei Chorfenster mit dem christologischen Zyklus des Kirchenmalers Wilhelm Geyer aus dem Jahr 1960 hatte man im Zuge der Restaurierung ausbauen lassen. Sie hatten nie mit der neugotischen Ausstattung und vor allem dem Choraltar harmoniert. Für die Zukunft nun wollte man Fenster haben, so Jocher, "die die übrige Ausstattung des Chors nicht überblenden". Christoph Brech habe mit seiner Gestaltungsidee allen Beteiligten eine "neue Welt eröffnet".

"Wie immer sind Christophs Ideen einfach genial, oder genial einfach", sagt Katja Zukic, eine von zwei Geschäftsführerinnen der Bayerischen Hofglasmalerei Gustav van Treeck, die schon einige Projekte mit dem Künstler verwirklicht hat. Doch so verblüffend schlüssig Brechs Konzept, so enorm komplex gestaltet sich die Umsetzung. Sehr viele Arbeitsschritte sind nötig, in der Glaswerkstatt an der Maxvorstädter Schwindstraße und nicht allein dort. Insgesamt werden in der Kirche 1092 Lungenmotive in 94 rechteckigen Feldern - je zwölf Motive pro Feld - und voraussichtlich vier Lungenmotive in 14 Nonnenköpfen dargestellt sein. "Da absolut nichts durcheinander kommen darf, ist die interne Dokumentation extrem wichtig", erklärt Katja Zukic, während Raphaela Knein, die andere Geschäftsführerin, gerade am Computer sitzt. Dorthin sendet Christoph Brech die Daten für die Fenster-Vorlagen. Alles ist nummeriert, die Lage jeder einzelnen Lunge ist vom Künstler festgelegt.

Zuvor musste Brech alle der gut tausend Röntgenbilder digitalisieren lassen. Dazu wurden die alten Radiologie-Aufnahmen auf einen Leuchttisch gelegt und mit einer Digitalkamera erfasst. Aktuell ist Christoph Brech immer noch dabei, einzelne dieser Röntgen-Dateien per Photoshop zu bearbeiten. Eine zuweilen ermüdende Arbeit, wie er einräumt. Er muss auf den Aufnahmen die Ls und die Rs ausradieren, mit denen für den Arzt die linke oder rechte Patientenseite markiert waren. Er muss Abstufungen und Kontraste angleichen, die Formate festlegen. Anfangs war es Brechs Idee gewesen, die schwarzen Lungenmotive vollflächig auf dunkle Blautöne aufzubringen. Nach Begutachtung in der Kirche entschied der Künstler jedoch, die Aufnahmen zu invertieren. Die Farben wurden also am Rechner umgekehrt. So entstand eine komplett andere Anmutung. Die Flügel werden nun dieses sphärische, milchige Weiß haben, denn Christoph Brech will weder den Altarraum noch die helle Kirche mit harten Kontrasten oder zu viel Farbe belärmen.

"Bevor wir die Produktion der Fenster starten konnten, war eine umfangreiche Musterphase notwendig", berichtet Katja Zukic. Sie und Brech haben viele Stunden zu verschiedenen Tageszeiten und Wetterlagen in Heilig Kreuz gesessen und das Licht beobachtet, um die passende Farbe für das Glas zu finden. Zudem war es der ausdrückliche Wunsch des Ordinariats gewesen, dass mundgeblasenes Glas verwendet wird. "Die Fenster sollten historisch anmuten, aber nicht gewollt historisch aussehen", sagt Zukic. Deshalb kam für die Schwabinger Traditionswerkstatt nur Neuantikglas in Frage, das traditionell gefertigt wird. Brech und das Team wählten hellblaue Gläser mit einem opaken, weißen Überfang, mit dem eine Lichtüberstrahlung im Altarbereich vermieden werden soll. Eine Herausforderung für die beauftragte Glashütte in Waldsassen. Das Ergebnis jedoch ist erstaunlich. Glasveredlerin Katharina Bliedung, die das Projekt bei van Treeck betreut, hält eine der hellblau-milchigen Scheiben gegen das große Werkstattfenster. Je nach Lichteinfall und Standort des Betrachters ändert das Glas fast unmerklich seine Farbe.

Katharina Bliedung ist es auch, die in der Werkstatt die weiteren Arbeitsschritte erläutert und demonstriert: Ein Siebdrucker hat die Röntgen-Dateien mit keramischer Schmelzfarbe in zwei Blautönen auf Transferpapier übertragen. Ganz vorsichtig zieht die Glasveredlerin nun diese Folien auf die Glasscheiben. Dann muss die Schmelzfarbe bei 620 Grad auf der Glasoberfläche eingebrannt werden. Bliedung legt die Scheiben dazu in einen Schmelzofen, der aussieht wie die Sonnenbank eines Solariums. Sie muss exakt arbeiten, kein Staubkorn darf die Oberflächen verschmutzen. Und erst neun Stunden später kann sie den Ofen wieder öffnen. Denn für das Glas aus Waldsassen wurde eine exakte Brennkurve errechnet. Besteht doch die Gefahr, dass es auch noch im Abkühlungsprozess springt. In späteren Arbeitsschritten werden die zartblauen Neoantikgläser auf transparente Trägerscheiben geklebt und in einen Messingrahmen eingefasst. So werden sie, vorgesetzt vor die bereits bestehende Schutzverglasung, in der Kirche eingebaut.

Es hat eine gewisse Anlaufzeit gebraucht, bis sich Christoph Brechs unorthodoxe Fenster-Komposition allen Beteiligten erschloss. "Mein erster Gedanke war Ablehnung und Distanzierung", sagt Monsignore Engelbert Dirnberger, Pfarrer im Giesinger Pfarrverband Heilig Kreuz. "Röntgenbilder in der nach der Renovierung so stimmig und harmonisch erscheinenden Kirche konnte ich mir nicht vorstellen. Zu viel Krankheitssymbolik, zu viel Medizintechnik." Doch allmählich sei ihm der Gedanke auch reizvoll erschienen. Würde der medizinische Aspekt nicht gerade zu den vielen Abbildungen in der Kirche passen, die von Leid und Tod erzählen, von menschlichen Grenzen? Der Pfarrer erwähnt die diversen Kreuze, den Kreuzweg, die Darstellung von Foltermethoden und Märtyrerlegenden auf den Seitenaltären. Mit der Zeit, so Dirnberger, hätten sich viele weitere Zugänge gefunden, die inzwischen genügend Stoff für eine ganze Predigtreihe ergeben.

Ähnlich ist es den Gemeindemitgliedern von Heilig Kreuz ergangen. "Manche sind in ihrer abwehrenden Haltung geblieben, andere haben sich angefreundet, wieder andere sind begeistert. Rede und Gegenrede werden diese Fenster hoffentlich möglichst lange begleiten. Denn auch das Leben ist nicht eindeutig. Sein Sinn muss immer wieder neu entdeckt, verhandelt und errungen werden", sagt der Pfarrer, der Heilig Kreuz regelmäßig für zeitgenössische Kunst öffnet. Denn das verhindert seiner Überzeugung nach, dass historische Kirchen zu musealen Orten des Vergangenen werden und den Kontakt zur Gegenwart verlieren. "Die Kunst ist wie das sprichwörtliche Salz in der Suppe oder, um im Bild unserer Fenster zu bleiben, wie ein tiefes Durchatmen."

Gefreut hat es Engelbert Dirnberger, dass einige Dutzend Gemeindemitglieder ihre eigenen Thoraxaufnahmen vorbeigebracht haben. Und wie Christoph Brech selbst wird auch der Pfarrer dem Kunstwerk sein Röntgenbild zur Verfügung stellen. Votivbildern gleich sollen sie in der Gemeinschaft der mehr als tausend Seelen ihren Platz im Chorfenster rechts vom Altar finden - dort, wohin sich der Kopf des Gekreuzigten neigt. Doch nur die Stifter selbst werden am Ende wissen, wo genau ihre gläsernen Lungenflügel wie lautlose Gebete im hellblauen Fenster schweben.

Nächste Folge: die Glastüren von Heilig Blut in Bogenhausen

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SZ vom 20.04.2019
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