Süddeutsche Zeitung

Nikolaus und Corona:Heiliger Mann im Homeoffice

Darf der Nikolaus in diesem Jahr ohne Attest oder Quarantäne seine Gabentournee überhaupt antreten? Der Krampus wäre in jedem Fall schon ein Hausstand mehr als erlaubt.

Glosse von Wolfgang Görl

Ist beim letzten Corona-Treffen der Kanzlerin mit den Länderchefinnen und -chefs eigentlich zur Sprache gekommen, wie die Dinge am 6. Dezember laufen sollen? An diesem Tag nämlich spaziert ein Mann von Haus zu Haus, der, wenn es dumm läuft, sich als Superspreader erweisen könnte. Ja, von Sankt Nikolaus ist die Rede, dem ehrenwerten Heiligen, der wegen seines fortgeschrittenen Alters und seiner vielen Kontakte zweifellos zur Risikogruppe zählt.

Bange Fragen tun sich auf: Darf der alte Herr überhaupt seine Gabentournee antreten und wenn ja: Gilt sein Rauschebart als ausreichender Mund-Nasen-Schutz oder muss er eine Maske aufsetzen? Und ist der Nikolaus, der bekanntlich aus Myra in der Türkei stammt, an der Grenze getestet oder zumindest in Quarantäne gesteckt worden? All diese Fragen sind ungeklärt, weshalb am Nikolaustag Vorsicht geboten ist. Sollte ein Mann im roten Mantel vor der Tür stehen und behaupten, er käme "von drauß vom Walde", dann ist es das Mindeste, einen aktuellen Covid-19-Test einzufordern. Ohne diesen braucht er gar nicht erst anzufangen, den Kindern die Leviten zu lesen.

Noch komplizierter ist die Lage, wenn der Krampus mit von der Partie ist. Als Bischof von Myra lebt der Nikolaus gewiss nicht in häuslicher Gemeinschaft mit diesem finsteren Gesellen, der wohl eher der Unterwelt oder dem Querdenker-Milieu entstammt. So pädagogisch wertvoll der gemeinsame Auftritt von Nikolaus und Krampus vor missratenen Töchtern und Söhnen Münchens auch sein mag: In diesem Fall kommen mehr als zwei Hausstände zusammen, weshalb unverzüglich die Polizei zu rufen ist.

Möglicherweise aber müssen die Münchner gar nicht fürchten, dass der Nikolaus seine Aerosole in der Stadt verbreitet und den Inzidenzwert in österreichische Höhen treibt. Einiges spricht dafür, dass der heilige Mann längst im Homeoffice arbeitet und seine Hausbesuche als Videokonferenz zelebriert. Es lohnt sich also, am 6. Dezember den Computer anzuschalten und darauf zu warten, was der Nikolaus an den Kindern herumzumeckern hat und ob die Datenschutzregeln eingehalten werden.

Außerdem ist es interessant zu sehen, wie das Wohnzimmer des heiligen Mannes ausschaut. Angeblich hat er eine Weihnachtstapete, eine umfangreiche Bischofsmützensammlung, und an der Wand hängen Bilder sämtlicher bayerischer Ministerpräsidenten bis auf Kurt Eisner sowie der Pirelli-Kalender. Sollte auf dem Monitor aber ein orangegrauhaariger Mann auftauchen und behaupten, er habe die Wahl gewonnen und sei überhaupt der Größte, dann ist man im falschen Kanal gelandet.

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SZ vom 23.11.2020/vewo
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