Süddeutsche Zeitung

Alltag mit Prothesen:Auf künstlichen Gliedern durch die Welt

Als sie ins Krankenhaus kam, deutete nichts darauf hin, dass Daniela Maier dort ihre Beine verlieren sollte. Es dauerte, bis sie auf ihren Prothesen laufen konnte. Ihr nächstes Ziel: eine richtige Bergtour.

Von Valérie Nowak

Es ist der 18. Januar 2013. Dieser Tag vor sechseinhalb Jahren ist für Daniela Maier ein Einschnitt, der Beginn eines neuen, anderen Lebens. Die Dreißigjährige liegt im Klinikum rechts der Isar, als Ärzte ihre beiden Unterschenkel amputieren müssen. Dabei deutete bei ihrer Einlieferung ins Krankenhaus nichts darauf hin, dass Daniela Maier dort ihre Beine verlieren sollte. Eigentlich kommt sie mit einer Venenentzündung ins Krankenhaus, die ihre Ärzte mit dem Medikament Heparin, einem Blutverdünner, behandeln.

Die Mediziner wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Daniela Maiers Körper allergisch auf Heparin reagiert. Von diesem Moment an beginnt ein sogenannter fulminanter Krankheitsverlauf: Maiers Körper beginnt, sich selbst zu bekämpfen: Ihre Organe versagen, sie leidet an einer Blutvergiftung, dann stirbt auch noch ihr eigenes Gewebe ab. Es kommt noch schlimmer: Sie infiziert sich auch noch mit dem Krankenhauskeim, die Münchnerin liegt ganze drei Monate auf der Intensivstation. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand, ob Daniela Maier das alles überleben wird.

Um das Leben der jungen Münchnerin zu retten, müssen die Ärzte im Klinikum rechts der Isar ihre beiden Unterschenkel am 18. Januar 2013 amputieren. Dieser Tag hat Daniela Maiers Leben, wie sie es bis dahin kannte, verändert. "Ich bin als gesunder junger Mensch ins Krankenhaus gekommen, gehe aber mit einer hundertprozentigen Schwerbehinderung aus diesem Krankenhaus wieder raus - oder werde rausgerollt, gehen konnte ich damals selber noch nicht," erzählt sie. Dieser Tag hat ihr eine neue Perspektive auf das Leben gezeigt. "Anstatt Silvester irgendwo auf dem Empire State Building zu stehen, lag ich auf der Intensivstation. Aber ich habe mir fest vorgenommen, dass ich das nachholen werde", blickt die heute 36-Jährige zurück.

In dieser langen Zeit im Krankenhaus ist Daniela Maier von Ärzten, Pflegekräften und Psychologen umgeben, aber ihr fehlt ein Vorbild. Jemand, der ebenfalls seine Beine verloren hat, jemand, der das gleiche durchgemacht hat: "Die wollten mir alle eintrichtern, dass ich wieder laufen lernen und ein relativ normales Leben führen kann. Aber irgendwie ist das nicht richtig angekommen - die hatten ja zwei gesunde Beine", kritisiert sie.

Laut dem Deutschen Ärzteblatt werden in Deutschland jährlich bei rund 60 000 Menschen Amputationen vorgenommen. Bei der Anmeldung in der Fachklinik Osterhofen, einer Spezialklinik für Amputierte in Bayern, sieht Daniela Maier das erste Mal andere Menschen, die auch amputiert sind. Eine andere junge Frau, der genau wie Daniela beide Unterschenkel fehlen, läuft auf Prothesen an ihr vorbei, ohne sich auf einen Rollator oder Krücken stützen zu müssen. "Das war für mich ein Riesenansporn: Da dachte ich mir, wenn sie das geschafft hat, dann schaffe ich das auch", erzählt Daniela Maier. Erst jetzt kann die Münchnerin Erfahrungen austauschen und Fragen stellen, vor denen sie vorher Hemmschwellen hatte.

Es war ein langer Weg, bis die Münchnerin auf ihren Prothesen laufen, mit einem umgebauten Auto fahren, wieder normal zur Arbeit gehen oder um die Welt reisen konnte. "Man muss bereit sein, Schmerzen zu ertragen, Blut, Schweiß und Tränen gehören auf jeden Fall beim Rehaprozess dazu", berichtet sie. Die ersten Schritte mit dem Rollator vom Krankenbett zur Tür waren ein wichtiger Moment. "Das war ein Wahnsinnsgefühl, nach so vielen Monaten wieder aus eigener Kraft gehen zu können", sagt sie, und in ihrer Stimme klingt immer noch die Erleichterung dieses Moments mit.

Ihr Physiotherapeut animiert sie immer wieder, ohne Krücken auf ihren Prothesen zu laufen. "Ich hatte einfach Angst davor, zu fallen", erzählt Maier. "In einer Physio-Stunde hat er meine Hand genommen und die Krücken weggestellt." Und dann tanzte ihr Physiotherapeut mit ihr einen langsamen Tanz, nach und nach ließ er ihre Hände los. "Dann hat er gesagt: Jetzt stehst du schon frei, jetzt kannst du auch laufen", blickt Daniela auf diesen Moment zurück.

"Die ist tough drauf, die nimmt das Leben so, wie es ist", beschreibt ihr Orthopädietechniker Franz Rechbauer die Münchnerin. Rechbauer ist ein ständiger Begleiter von ihr, denn als Orthopädietechniker kümmert er sich um alles, was mit ihren Prothesen zu tun hat. Auf beiden Seiten die Unterschenkel zu verlieren, sei eine besondere Herausforderung, meint der Techniker. "Daniela hat sich schnell mit der Situation abgefunden wie sie ist, das ist eine gewaltige Veränderung im Lebensablauf", berichtet er.

Auf ihrem Blog schreibt sie, wie es ist, mit Prothesen nach Thailand zu reisen

Diesen langen Weg vom Krankenhaus zurück in ihren Alltag beschreibt Daniela Maier heute auf ihrem Blog "Perspektivenwechseln - von Anwendern für Anwender". Ihre Seite ist ein Ratgeber für andere Betroffene und Angehörige, die lernen müssen, mit der neuen Situation umzugehen. "Bei jungen Leuten gibt es relativ wenige Quellen oder Personen, mit denen man sich identifizieren und austauschen kann", sagt Daniela Maier, "das ist ein großes Feld an Themen, das plötzlich auf mich zugekommen ist." Ob Laufen, Schwimmen oder Autofahren mit Handgas, all das musste Daniela Maier auf Prothesen noch einmal neu lernen.

"Wenn man das Glück hat, sich nach so einem schweren Schicksalsschlag zu regenerieren, dann sollte man, wenn man Kraft dazu hat, das wieder ein Stück zurückgeben", sagt Daniela Maier. Ihr Vorbild ist Amy Purdy, Model und paralympische Snowboarderin, die mit 19 Jahren ihre beiden Unterschenkel verloren hat und sich 20 Jahre später für Menschen mit Prothesen engagiert. Amy Purdy gründete einen Verein, der sich um Betroffene kümmert, die wieder snowboarden wollen.

Auch Daniela Maier möchte etwas zurückgeben, deswegen ist sie Teil von "Peers im Krankenhaus". Jetzt ist sie es, die Menschen, die selbst vor einer Amputation stehen, berät - Daniela Maier hat, wie ihr Blog titelt, wortwörtlich die Perspektive gewechselt. "Ich hatte die Möglichkeit damals nicht, vor meiner OP diese Fragen einem Betroffenen stellen zu können, aber das hätte mir einfach so viel Ängste und Sorgen genommen", erzählt sie.

Auf ihrem Blog schreibt sie, wie es ist, mit Prothesen nach Thailand zu reisen, warum Panzertape in ihrem Handgepäck nicht fehlen darf oder warum sie das Wort "behindert" im Alltag stört. Ihr nächstes Ziel ist es, aus eigener Kraft auf eine richtige Bergtour zu gehen. Einen Traum hat sie sich schon erfüllt: Im April 2018, eineinhalb Jahre später als geplant, reiste sie nach New York und stand ganz oben auf dem Empire State Building - auf ihren Prothesen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4617643
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 27.09.2019/amm
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.