Süddeutsche Zeitung

Moosach:Aufschwung im Norden

Am Mittwoch könnten Teile des Viertels mit einem Stadtratsbeschluss offiziell zum Sanierungsgebiet werden. Mit der Modernisierung von Wohnsiedlungen und Infrastruktur ist ein Schub für die lokale Wirtschaft zu erwarten

Von Anita Naujokat, Moosach

Im Münchner Norden könnte sich wie in Milbertshofen und Hasenbergl ein weiteres Füllhorn auftun: Nach Jahren der Untersuchung befasst sich das Plenum des Stadtrats am Mittwoch, 27. Januar, damit, Teile von Moosach förmlich als Sanierungsgebiet festzulegen. Die Stadt steckt 7,1 Millionen Euro in den nächsten vier Jahren in erste Maßnahmen und Vorbereitungen zur Modernisierung veralteter Wohnsiedlungen und Frei- und Grünflächen sowie Wege. 2,6 Millionen Euro werden aus dem Städtebauförderprogramm "Sozialer Zusammenhalt", Nachfolger der "Sozialen Stadt", von Bund, Ländern und Kommunen finanziert, 97 000 Euro aus anderen, 4,5 Millionen Euro trägt die Stadt.

Bewohner können sich damit auf eine Verbesserung der Lebenssituation und ihres Umfelds freuen. Verbessert und damit stabilisiert werden ganze Viertel, der öffentliche Raum, Infrastruktur ebenso wie Bildung, Stadtteilkultur, Sport, Mobilität, Gesundheit, Freizeit. Zudem sollen die lokale Ökonomie angekurbelt, die Sicherheit im Quartier erhöht und das Image verbessert werden. Angelegt ist das Projekt, immer abhängig von den periodischen Stadtratsbeschlüssen, auf 15 Jahre.

Das Untersuchungsgebiet umfasst eine Fläche von circa 275 Hektar mit rund 24 000 Einwohnern. Die Bahnlinie begrenzt es im Nordwesten, die Allacher Straße im Westen, der Westfriedhof im Süden, die Dachauer Straße, der Georg-Brauchle-Ring und die Hanauer Straße im Osten sowie die Ehrenbreitsteiner-, Trieb-, Bingener sowie Pelkovenstraße im Norden.

Für private Eigentümer kann so ein Sanierungsgebiet zu Einschränkungen führen, etwa können mehr Genehmigungen notwendig werden oder Ausgleichszahlungen wegen Wertsteigerungen anfallen. Die Stadt hat sich hingegen für ein "vereinfachtes Verfahren" entschieden, weil die Erhaltung und Verbesserung des Bestands im Vordergrund steht. Es seien keine Bebauungsplanverfahren absehbar, die zu erheblichen Baurechtsmehrungen führen würden, so dass es nach momentanem Kenntnisstand zu keinen Bodenwertsteigerungen im Sanierungsgebiet kommen werde, heißt es in der Vorlage von Stadtbaurätin Elisabeth Merk. Allerdings unterliegen Bauvorhaben, Nutzungsänderungen, befristete Miet- und Pachtverträge mit einer Laufzeit von mehr als einem Jahr verstärkten Kontrollen der Verwaltung, die auch Genehmigungen untersagen kann, wenn die Vorhaben der Sanierung entgegenstehen. Hingegen ist kein Sanierungsvermerk im Grundbuch erforderlich, da die Maßnahmen zu großen Teilen auf städtischen Flächen mit Wohnungen der städtischen Töchter GWG (Städtische Wohnungsgesellschaft mbH) und Stadtsparkasse erfolgen.

Der Begriff Soziale Stadt geistert schon seit einiger Zeit in Moosach herum, eigentlich schon seit 2015. Als bekannt war, dass der 2,75 Hektar große und mehr als 50 Jahre alte Amphionpark zwischen Wintrichring und Grundschule bis 2018 eben auch mithilfe dieser Förderprojekt-Mittel umgebaut wurde und dass das Kultur- und Bürgerhaus Pelkovenschlössl im alten Dorfkern einen zusätzlichen Kultursaal samt Azubi-Wohnungen erhält. Dem Sanierungsprojekt vorausgegangen waren umfangreiche Untersuchungen und Analysen, in die auch Prognosen einflossen.

Dringenden Handlungsbedarf sieht die Stadt in der überdurchschnittlichen Armutsdichte, einer Unterversorgung mit öffentlichen Grünflächen und weiteren soziodemografischen und städtebaulichen Herausforderungen. Die Stadtsanierung sei dabei ein wichtiges Instrument zur Bewahrung einer solidarischen und engagierten Stadtgesellschaft, mehr Generationengerechtigkeit, Klimaschutz und Integration.

Knapp 2000 Gebäude mit zirka 80 Prozent der Gesamtnutzfläche für Wohnen umfasst der Umgriff in Moosach. Fast 70 Prozent des Bestands ist weit vor 1978 errichtet worden, großteils in den 40er- bis 60er-Jahren, und damit vor Einführung der ersten Wärmeschutzverordnung, somit nicht an das Fernwärmenetz angeschlossen. Insofern steht die Wohnsiedlung der GWG westlich der Dachauer Straße mit rund 600 Wohnungen als eines der ersten Projekte im Fokus. Die Gebäude werden peu à peu abgerissen und neu errichtet. Allein dafür sind von 2022 an Kosten von 5,3 Millionen Euro eingeplant.

Befragungen in der Bevölkerung haben ergeben, dass bei den Moosachern eine große Zufriedenheit und auch Verbundenheit mit ihrem Wohnort besteht. Sie schätzten die subjektiv wahrgenommenen Gegensätze von Stadt und Dorf, lebendig und ruhig, innovativ und traditionell, zukunftsgewandt und geschichtsbewusst. Große Ängste und Befürchtungen herrschen aber auch: über Wohnungsnot, steigende Mietpreise, Verdrängung, die Verkehrsbelastung an den Hauptachsen. Vermisst wird vor allem eine hochwertige "urbane" Gastronomie.

Fast 20 Wünsche hatte der Bezirksausschuss an das Sanierungsprojekt, hinzu waren 150 anderweitige Einzelanregungen gekommen. Ein Wermutstropfen für die Lokalpolitiker: Die Olympia-Pressestadt ist nicht im Umgriff des Sanierungsgebiets enthalten.

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Quelle:
SZ vom 26.01.2021
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