Süddeutsche Zeitung

Mit dem Rad an den Gardasee:München - Torbole: 19 Stunden

Sebastian Ascher fährt gern an den Gardasee. Anders als die meisten Münchner fährt er mit dem Rad - nonstop.

Interview von Melanie Staudinger, Torbole

Wer mit dem Auto von München nach Torbole ans Nordufer des Gardasees fährt, braucht gut vier Stunden - vorausgesetzt, die Straßen sind frei. Man kann die Strecke allerdings auch in 19 Stunden bewältigen. Dann nämlich, wenn man das Auto daheim lässt und stattdessen das Rennrad nimmt. Nicht zu schaffen? Sebastian Ascher aus München beweist das Gegenteil und erzählt über eine Tour, die landschaftlich ansprechend, aber ziemlich kräftezehrend ist.

SZ: In 19 Stunden mit dem Rad von München über den Brenner zum Gardasee: Schaffen Sie das wirklich?

Sebastian Ascher: Klar, erst in diesem Jahr bin ich wieder mit ein paar Freunden gefahren, mittlerweile schon zum fünften Mal. Allerdings bin ich auch schon nach Venedig geradelt. Das sind noch einmal 100 Kilometer und ein paar Höhenmeter mehr. Mit dem Rennrad ist man in 26 Stunden da. Das ist deutlich anstrengender.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee? Mit dem Auto wäre die Reise gemütlicher . . .

Mit vier Freunden habe ich immer beim 24-Stunden-Rennen im Olympiapark mitgemacht. Dass man nur im Kreis fährt, war uns aber zu stupide. Dann haben wir überlegt, welches coole Ziel wir in 24 Stunden erreichen könnten. So kamen wir auf den Gardasee. Zuerst wollten wir mit den Mountainbikes fahren. Aber das wäre Quatsch gewesen, weil die Radwege gut ausgebaut sind. Deshalb haben wir uns Rennräder ausgeliehen. Die waren der Wahnsinn, so viel laufruhiger und filigraner als Mountainbikes. Und man kommt deutlich schneller vorwärts.

Wie lange haben Sie trainiert, bevor Sie die Strecke zum ersten Mal gefahren sind?

Ach, so dramatisch ist das nicht.

Ein Anfänger würde scheitern . . .

Auch wir mussten beim ersten Versuch schon mal in Bozen aufgeben, weil es ein derartig heftiges Gewitter gab, dass an ein Weiterfahren nicht mehr zu denken war. Zum Glück, denn die Reserven waren auch erschöpft. Aber im Ernst: Man braucht schon eine gute Grundkondition, die Muskeln sollten ans Radfahren gewöhnt sein. Viel ist bei so einer Fahrt jedoch Kopfsache: Man muss sich einfach sagen, dass man es schaffen wird. Wenn während so einer Tour die Sinnfrage hoch kommt, ist es schnell vorbei.

Was nehmen Sie alles mit auf Ihre Gardasee-Tour?

So wenig wie möglich. Alles, was ich mitnehme, passt in einen kleinen Rucksack. Wichtig sind warme Kleidung und Regensachen, auch im Sommer. Am Achensee kann es nachts ganz schön kalt sein. Eine Hose zum Wechseln hat sich auch bewährt. Wenn man so lange im Sattel sitzt, ist man tatsächlich froh um ein anderes Polster und andere Nähte. Ich nehme mir am liebsten herzhafte Nahrung mit: ein Nutella- oder Käsebrot etwa, Nüsse, Äpfel und Bananen. Diese klebrigen Sport-Gels sind nicht so meins. Nicht zu vergessen ist ein gutes Licht und genügend Akkus. Flickzeug und Werkzeug sind obligatorisch.

Und wann starten Sie?

Ich fahre meist Donnerstag um Mitternacht los. Dann kommt man im Hellen an, was psychologisch viel hilfreicher ist, als wenn man in die Nacht reinfährt. Wenn man gut unterwegs ist, erreicht man in der Früh den Brenner. Da hat man dann schon 185 Kilometer und 2000 Höhenmeter geschafft. Wer aber denkt, dass es dann nur noch bergab und damit einfach geht, der irrt. Bei guter Wetterlage hat man nämlich fast bis Rovereto Gegenwind, der einen richtig abbremst. Das ist schon frustrierend und vor allem anstrengend. Und der Weg von Bozen nach Torbole zieht sich. Trotzdem ist es jedesmal ein tolles Event. Es kommt einem vor wie drei Tage, so viele Eindrücke erlebt man auf der Strecke.

Und wenn Sie ankommen, ruhen Sie sich tagelang aus?

Ich bin schon müde, aber vor allem wegen des wenigen Schlafes. Man fährt auf so einer Tour nicht Vollgas, das würde man nicht durchhalten. Immer nur die Füße fallen lassen. Meistens gehen wir schön essen und bleiben übers Wochenende am Gardasee mit der Familie. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass wir am gleichen Tag mit dem Zug oder dem VW-Bus wieder zurück nach München gefahren sind - je nachdem, wie viel Zeit wir hatten.

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Quelle:
SZ vom 10.08.2015/ebri
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