Süddeutsche Zeitung

Menschenhandel und Zwangsheirat:Verschleppt, verkuppelt, verfolgt

Sie wurde nach Afghanistan gelockt, doch dort wartete nicht ihre Oma, sondern ein fremder Mann. Und plötzlich war sie verheiratet. Die Beratungsstelle Jadwiga hilft Frauen, die von ihren Familien zwangsverheiratet oder von Menschenhändlern verschleppt werden.

Von Florian Fuchs

Es war nicht in Kabul, sondern in einem der kleinen Dörfer außerhalb der afghanischen Hauptstadt. Und es war nicht der angekündigte Besuch bei der Oma, sondern beim künftigen Ehemann - ohne, dass die junge Frau davon etwas geahnt hätte. Die Eltern in Deutschland hatten ihr erzählt, dass sie mal die Heimat kennenlernen sollte, aber dann war sie dort plötzlich alleine in einem Raum voller Männer. Sie hatte Angst, sie traute sich nicht zu widersprechen, also sagte sie "ja". Und plötzlich war sie verheiratet.

Zurück in Deutschland wandte sich die junge Frau dann an die Helferinnen der Beratungsstelle Jadwiga: Sie will den Mann nicht, sie will nicht, dass er nach Deutschland kommt. Aber sie will auch nicht mit ihrer Familie brechen. "Dafür", sagt Monika Cissek-Evans, "gibt es eigentlich keine Lösung."

Es ist oft die schmerzlichste Erkenntnis, die den Opfern von den Beraterinnen vermittelt werden muss: Dass sie sich lösen müssen von ihren Verwandten, häufig auch von ihren Freunden. Dass sie die Stadt verlassen und einen Schnitt machen müssen. "Es ist, als würde man jemanden unvermittelt nach China setzen", sagt Cissek-Evans. Oft nur dann, nach einem solch radikalen Bruch, können die Expertinnen von Jadwiga den Opfern von Zwangsheirat helfen - und die Frauen unterstützen, ein selbstbestimmtes Leben zu beginnen.

Insgesamt 128 Frauen aus 33 verschiedenen Herkunftsländern hat Jadwiga in Bayern im Jahr 2011 betreut. Zu den Hilfesuchenden zählen nicht nur Frauen, die zwangsverheiratet werden sollen oder bereits unter Druck vermählt wurden. Jadwiga hilft auch Opfern von Zwangsprostitution und Zwangsarbeit. "Es geht hier um Sklaverei und Menschenhandel", sagt Geschäftsführerin Juliane von Krause. Für Krause geht es aber ständig auch darum, genug Geld aufzutreiben, um überhaupt helfen zu können. Die öffentliche Unterstützung für das ökumenische Hilfsprojekt reicht nicht aus, um die Opfer zu versorgen, die auch von der Polizei an die Beratungsstelle vermittelt werden.

Die Frauen, die sich an Jadwiga wenden, sind betrogen und verkauft und durch Erpressung, Drohungen oder Vergewaltigungen gefügig gemacht worden. Vor allem aber sind sie ihren Tätern ausgeliefert, von ihnen abhängig, orientierungslos und daher hilflos. Die Internationale Arbeitsorganisation beziffert die jährlichen Profite durch Menschenhandel auf 24 Milliarden Euro. Es ist ein Geschäft, mit dem auch in München Geld gemacht wird.

In der Geschäftsstelle von Jadwiga in der Schwanthalerstraße arbeiten drei Frauen, um den Opfern zu helfen. Sie sprechen zwölf Sprachen, vor allem osteuropäische, denn von dort kommen die meisten verschleppten Frauen nach München. "Bei Zwangsprostitution und Zwangsarbeit haben wir aber auch immer mehr Fälle aus Afrika", sagt Krause. Früher wurden Frauen vor allem aus südostasiatischen Ländern wie Thailand nach Deutschland verschleppt. Nach dem Fall der Mauer konzentrierte sich der Menschenhandel mehr und mehr auf osteuropäische Länder.

Ende 1999 nahm Jadwiga in München als erste Beratungsstelle für die Opfer von Zwangsprostitution und Zwangsarbeit in Bayern die Arbeit auf. Später kam die Betreuung der Opfer von Zwangsheirat hinzu, heute unterhält die Hilfsstelle auch Büros in Hof und in Nürnberg.

Wenn die Frauen sich an Jadwiga wenden, helfen die Beraterinnen zunächst mit dem Nötigsten. Aus Afrika nach München verschleppte Frauen, die in Bordellen oder Hinterzimmern mit Schlägen zur Prostitution gezwungen und befreit wurden oder fliehen konnten, haben meist gar nichts. "Da braucht es auch ganz einfach erst einmal eine Zahnbürste", sagt Krause. Dann werden Arzttermine vereinbart oder Psychotherapien, später auch Sprachkurse und Weiterbildungen. Oder die Helferinnen arrangieren eine möglichst sichere Rückkehr in die Heimat. Um Schutz vor den Tätern zu gewähren, besorgen sie den Frauen sichere Wohnungen, die geheim gehalten werden.

Wenn nach der Flucht aus dem Bordell nichts bleibt

Für die Opfer von Zwangsheirat hat die Mutterorganisation von Jadwiga, "Stop dem Frauenhandel", mit der Initiative Scheherazade kürzlich ein neues Wohnprojekt ins Leben gerufen: In einer Stadt in Bayern gibt es dort nun mehrere Wohnmöglichkeiten für Frauen, die vor ihren Familien geflohen sind, weil sie verheiratet werden sollten. Rund um die Uhr steht dort eine Sozialpädagogin als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Bis es die Frauen dorthin schaffen, muss das Team von Jadwiga aber oft erst einmal als eine Art Fluchthelfer aktiv werden. "Die Mädchen sollen möglichst wenig Spuren hinterlassen", sagt Krause. So müssen sie beispielsweise unbedingt darauf achten, ihren Pass von zu Hause mitzunehmen, ihre Geburtsurkunde sowie Versicherungskarten und Scheckkarten.

Nicht immer aber ist der Bruch mit der Familie oder die Flucht das beste Mittel. "Wenn es möglich ist, versuchen wir natürlich zu vermitteln", sagt Cissek-Evans. Manche Eltern haben beim Thema Zwangsheirat dann doch ein Einsehen, oder es gibt andere Verwandte, die den Frauen helfen. Doch oft brauchen die Opfer Jahre, um ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Cissek-Evans weiß von einer Frau, die vor ihrer Familie aus Frankfurt floh. Noch immer, nach zehn Jahren, traut sie sich nicht zurück in die Stadt. "Sie hat Angst, auf der Straße zufällig einem Verwandten zu begegnen." Vor Zeugenaussagen in Gerichtsprozessen können Opfer von Zwangsprostitution oft wochenlang nicht schlafen, auch hier werden sie von Jadwiga unterstützt. Die Mitarbeiterinnen beraten auch Frauen in Abschiebehaft, die etwa wegen fehlender Pässe im Gefängnis sitzen - aber gar nichts dafür können, weil sie zuvor nach Deutschland verschleppt wurden.

Ein nervenaufreibender Teil der täglichen Arbeit sind die Begleitungen bei Behördengängen für die in Not geratenen Frauen. Werden Frauen aus Nicht-EU-Ländern nach München verschleppt, stehen ihnen als Asylbewerberinnen weder Therapien, noch Sprachkurse oder andere, notwendige Hilfen zu. Ein Bleiberecht in Deutschland für Opfer von Frauenhandel ist eine Forderung, die Helfer schon seit Jahren vergeblich formulieren.

Genau wie den Wunsch nach einem Zeugnisverweigerungsrecht für die Helfer. "Es ist manchmal schwierig, Frauen zu unterstützen, ohne sich selbst zu gefährden", sagt Cissek-Evans. Erst vor kurzem begleitete sie wieder ein Opfer bei Zeugenaussagen vor Gericht. Der Anwalt des Angeklagten bestand in der Verhandlung darauf, dass sie ihren Namen nennt. "Jetzt kennen ihn auch die Täter", sagt Cissek-Evans.

Manchmal haben die Mitarbeiterinnen von Jadwiga aber aus einem ganz anderen Grund schlaflose Nächte: Dann wissen sie wieder einmal nicht, wie die Finanzierung weitergehen soll. Neben der öffentlichen Unterstützung braucht die Beratungsstelle pro Jahr 50.000 Euro an Spenden, um die Arbeit überhaupt leisten zu können. "Wir kämpfen ständig an zwei Fronten", sagt Krause, "einerseits die verstörten Opfer betreuen, andererseits müssen wir Geld auftreiben." Eigentlich bräuchte Jadwiga auch mehr Mitarbeiter: Die Zahl der Opfer, die sich an die Beratungsstelle wenden, steigt pro Jahr um etwa 15 Fälle.

Jadwiga München, Schwanthalerstraße 79, www.jadwiga-online.de, Telefon: 089-38 53 44 55

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SZ vom 25.01.2013/sonn
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