Süddeutsche Zeitung

Loriot "Text+Kritik":Die Lust, Ordnung scheitern zu lassen

Der Humor von Loriot hat den Wandel der Gesellschaft begleitet.

Von Antje Weber

Vom Satz "Früher war mehr Lametta" bis zum ironischen "Ach was?!" - viele Formulierungen Loriots sind im Laufe der Jahrzehnte als Redewendungen in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Der Historiker Christoph Stölzl meinte sogar einmal, wer die - insbesondere westdeutsche - Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg beschreiben wolle, müsse sich nur Loriots gesammelten Werken zuwenden: "Das sind wir, in Glanz und Elend".

Wie Loriots Humor nach anfänglichen Widerständen in der bundesdeutschen Geschichte immer erfolgreicher wurde, beschreibt wiederum der Historiker Christoph Classen in seinem Beitrag "Lachen nach dem Luftschutzkeller" im Sammelband Text+Kritik. Er sieht die Bedeutung Loriots unter anderem eng mit der Modernisierung verzahnt: Die Massenmedien wurden immer wichtiger, das Fernsehen setzte sich durch - und mit ihnen Loriot, der gleichzeitig die vermeintlichen Segnungen der Moderne, von der Werbung bis zum Konsumrausch, immer wieder bespöttelte. Dass er der Prüderie und Bigotterie der Adenauer-Zeit einen Spiegel vorhielt, so Classen, machte ihn dabei noch in den Sechzigern und Siebzigern bei Politikern und Klerikern unbeliebt - man lese nur das böse Gedicht "Advent" von 1969 nach, in dem die Försterin den Förster am Nikolausabend umbringt und sauber zerteilt. Einflüsse britischen Humors im Stile der Monty Pythons sind hier unübersehbar.

Unvergesslich

Loriot kennen alle; auch jüngere Generationen lachen über Jodeldiplom, Steinlaus oder Mutter Hoppenstedt. Kaum glauben mag man da, dass in diesem Jahr bereits der zehnte Todestag Loriots bevorsteht; am 22. August 2011 starb Vicco von Bülow alias Loriot im Alter von 87 Jahren in seiner Wahlheimat Ammerland am Starnberger See. Aus diesem Anlass hat jüngst eine Ausgabe der Zeitschrift "Text + Kritik" den Fokus auf die wissenschaftliche Erforschung seines Werks gelegt. Die Herausgeberinnen Anna Bers und Claudia Hillebrandt waren überrascht davon, wie wenig bisher über "Stoßrichtung, Verfahren und Hintergründe seines Humors" geschrieben worden ist. Dies wollen die zahlreichen Beiträge des Bandes über Loriots TV-Sketche, Spielfilme oder Opern ändern.

Auch wenn Loriot sich von Partei- und Tagespolitik fernhielt und eher die privaten Idyllen als trügerisch entlarvte: Politisch verstand er sein Werk, so Classen, in einem anderen Sinne - indem er etwa an unterschiedlichsten Beispielen die "grassierende Kommunikationsunfähigkeit" aufspießte. Das passte gut zu einer Nachkriegszeit, in der die Menschen die faschistische Vergangenheit und auch die Konflikte der Gegenwart verdrängen wollten. Das übermächtige Streben nach Sicherheit bot Loriot eine ideale Angriffsfläche - lustvoll inszenierte er das Scheitern aller Ordnungsversuche. Und so spiegelt sich in seinem Werk laut Classen "die Janusköpfigkeit der bundesdeutschen Nachkriegszeit zwischen konservativer Beharrung und dynamischer Öffnung". War früher wirklich mehr Lametta?

Loriot, Text+Kritik, Heft 230, April 2021, 96 Seiten, 24 Euro

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Quelle:
SZ vom 12.05.2021
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