Süddeutsche Zeitung

LMU-Präsident Bernd Huber:Der Sonnenkönig

Der Senat erklärt sich für machtlos, die Professoren sind teils empört, aber untätig. Am Fall Schavan zeigt sich: An der Ludwig-Maximilians-Universität kann Präsident Bernd Huber schalten und walten, wie er will.

Es muss ein guter Auftritt von Annette Schavan gewesen sein, vergangene Woche, ihr erstes Mal im Hochschulrat. Sie war inhaltlich auf der Höhe und stellte ein paar Fragen, bei denen die Leitung der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) passen musste; man versprach nachzuarbeiten. So erzählen es Mitglieder des Rats, dem die ehemalige Bundesbildungsministerin seit einem Monat angehört. Und die öffentliche Debatte darüber, ob Schavan nach dem Entzug ihres Doktortitels tragbar ist für das oberste Gremium der LMU? Nein, die habe keine Rolle gespielt, berichten Mitglieder. Schavan habe nichts dazu gesagt, nachgefragt habe auch keiner.

So ungefähr muss LMU-Präsident Bernd Huber sich das vorgestellt haben. Er wusste, dass die von ihm eingefädelte Berufung Schavans einen Aufschrei auslösen würde, innerhalb wie außerhalb der Uni. Seine Taktik für diese Zeit: mauern und aussitzen. Zu heiklen Fragen, etwa wie die LMU den Vorwurf bewertet, dass Schavan in ihrer Doktorarbeit abgeschrieben haben soll, oder was passiert, wenn sie mit ihrer Klage gegen den Entzug des Titels vor Gericht scheitert, sagt er einfach nichts. Und hofft, dass der Sturm ohne größere Folgen vorüberzieht. Bis jetzt geht der Plan auf.

Der Vorgang lehrt viel über die Verfasstheit dieser mit dem Gütesiegel Exzellenz-Uni versehenen LMU. Über einen Senat, der sich für machtlos erklärt, über eine teils empörte, aber untätige Professorenschaft und über einen Präsidenten, der deshalb schalten und walten kann, wie er will.

"Präsidiale Leitung" statt "checks und balances"

Martin Hose ist seit 16 Jahren Professor für griechische Philologie an der LMU und seit sieben Jahren Vorsitzender des Senats, eines gewählten Gremiums, das die Uni in ihrer Breite abbilden soll und das die Hälfte der Hochschulratsmitglieder stellt, die andere Hälfte sind vom Präsidenten ausgesuchte Externe wie Schavan. Hose also ist ein einflussreicher Mann in der LMU, sollte man denken. Er selbst stellt das etwas anders dar. Der Senat habe seit einer Änderung des bayerischen Hochschulgesetzes im Jahr 2006 nur noch eine "symbolische Funktion".

Damals wurde die Rolle der Präsidenten deutlich gestärkt. Ein "System von checks und balances" sei durch eine "präsidiale Leitung" ersetzt worden, die "weitgehend alleine entscheidet". So zitiert der Informatik-Professor François Bry in seinem Blog aus einem Gespräch mit Hose. Hose bestätigt die Äußerung und verweist auf einen kleinen Aufsatz, den er 2009 geschrieben habe. "In meinem Bundesland Bayern etwa sieht das Gesetz ein Leitungsmodell vor, das Elemente des Geschäftsmodells des FC Bayern München mit Prinzipien der katholischen Kirche verbindet", heißt es dort. Und warum ist er überhaupt noch Senatschef, angesichts dieses Machtgefüges in der Uni? Hose antwortet, er habe sich zum 1. Oktober noch einmal wählen lassen, weil seine Fakultät ihn darum gebeten habe.

Hose ist ein freundlicher Mann, und er ist einer, der sich kritischen Fragen stellt, anders als einige seiner Senatskollegen. Aber es wirkt, als sei er auch einer, von dem Präsident Huber nicht allzu viel Gegenwind zu erwarten hat. Zwar betont Hose, der Senat sei "keine Konsensmaschine". Aber Schavans Berufung erweckt den entgegengesetzten Eindruck.

Universität ohne Opposition

Denn ganz so einflusslos ist der Senat gar nicht. Bei den externen Posten im Hochschulrat zum Beispiel muss er den Vorschlägen des Präsidiums zustimmen. Einige Senatsmitglieder haben - jeweils für sich - mit der Personalie Schavan gehadert, wie sie im Nachhinein zugeben. Sie fürchteten einerseits einen Schaden für die akademische Reputation der LMU und wollten andererseits gern, dass die Uni von hochschulpolitischem Wissen profitiert. Eine spannende Frage, über die man in der entscheidenden Sitzung hätte diskutieren und streiten können.

Man hätte Huber auch fragen können, ob es nicht andere fähige Kandidaten gebe. Doch all das blieb aus. Der Senat winkte den Vorschlag Schavan zusammen mit dem ebenfalls nominierten Physiker Hilbert von Löhneysen per Akklamation durch - wie eine Konsensmaschine. Und nun tut sich LMU-Präsident Huber leicht, auf die "einstimmige" Bestätigung Schavans zu verweisen. Inzwischen ist aus dem Senat zu hören, das bundesweite Echo sei "natürlich Mist". Man habe "das Ganze unterschätzt". Und auf die Frage, ob man Schavan noch einmal wählen würde, ist die ausweichende Antwort zu hören: Die Frage stelle sich ja nicht.

Ein Professor, der seit vielen Jahren an der LMU ist und der auch schon leitende Funktionen übernommen hat, sagt: Das Agieren des Senats zeige, wie abgehoben die Gremien in der LMU arbeiteten, "da funktionieren einige Sicherungen nicht". Aber es könnte doch jedes Institut einen Protest gegen Schavans Berufung formulieren, warum ist da nichts passiert bisher? Der Professor seufzt. Es gebe nun einmal "eine relativ große Anzahl von Kollegen, denen solche Fragen nicht so wichtig sind". In den Gremien seiner Fakultät seien übergeordnete Fragen nie diskutiert worden.

Es herrsche eine "enorme Konfliktscheu, Zumutungen der Uni-Leitungen werden einfach so geschluckt". Früher habe es Gruppen von Professoren gegeben, die für eine gemeinsame politische Idee einstanden, sei sie konservativ, liberal oder sonst wie gewesen. Vorbei. Trotz ihrer großen geisteswissenschaftlichen Tradition ist die LMU entpolitisiert und atomisiert - so, wie man es immer den Technischen Universitäten nachsagt, auf die stolze LMUler gerne hinabschauen. Obwohl verbeamtete Professoren so unabhängig sind wie kaum eine andere Berufsgruppe in Deutschland, schauen auch in der LMU viele nur auf ihre Karriere und ihren Lehrstuhl.

So lange sich der Widerstand gegen Schavan in öffentlichen Äußerungen Einzelner und Schimpfkanonaden unter dem Siegel der Anonymität erschöpft, kann Huber leicht behaupten, eine Mehrheit der LMU stehe hinter der Berufung. Er regiert eine Universität ohne Opposition - mit großem Selbstbewusstsein, erst recht nach den Erfolgen, die die Uni unter seiner Führung in der Exzellenzinitiative erreicht hat. Manche, die sein Wirken seit Langem beobachten, finden ihn auch zu selbstbewusst.

"Verstoß gegen den akademischen Comment"

Was Außenstehende von den Entscheidungen der LMU halten, das ist für Huber jedenfalls sekundär. Das zeigt sich etwa an seinem Agieren im Verein Uni Bayern, dem Zusammenschluss der Universitäten des Freistaats. Der hat an den neuen Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle (CSU) ein forsches Papier geschrieben, in dem er Milliardeninvestitionen anmahnte und davor warnte, die Unis könnten im Wettbewerb zurückfallen. Das Papier erschien auch im Namen der LMU. Huber aber sah sein Haus plötzlich in schlechtes Licht gerückt und distanzierte sich von der Veröffentlichung ("ein Schuss, der völlig nach hinten losging") und dem Verein ("hat das Thema unglücklich kommuniziert"). Es war ein Affront. Auf die Frage, ob die LMU nun Mitglied bleibe, antwortet Huber kühl: "Schauen wir einmal, wie die Sache sich entwickelt." Die LMU-Spitze, so nehmen es andere bei Uni Bayern wahr, halte ihre Uni für so groß und so gut, dass sie glaube, auch ohne die anderen zurechtzukommen.

Der Deutsche Hochschulverband, die Vertretung der Universitätslehrer, sieht in Schavans Berufung einen "Verstoß gegen den akademischen Comment" und einen "Affront gegenüber der Uni Düsseldorf", die Schavan den Titel aberkannt hatte. Huber lässt das an sich abtropfen. Den Verstoß sehe er nicht, und er habe von der Uni Düsseldorf keine Klagen gehört. Die Hochschule aus dem Rheinland erklärt auf Anfrage, man gebe keinen Kommentar zum Agieren der Kollegen aus München ab.

Mit Spannung wird nun auch in München erwartet, ob Schavan mit ihrer Klage durchkommt. Nur wenige halten das für realistisch. Eine Niederlage vor Gericht wäre für sie eine Demütigung und würde noch einmal die Debatte anheizen, ob eine "Plagiatorin" als Hochschulrätin tragbar ist. Bernd Huber und Martin Hose äußern sich dazu nicht. Aber es ist anzunehmen, dass sie auch dann an Schavan festhalten wollen. Von den bisherigen Erfahrungen dürfen sie sich ermutigt fühlen.

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Quelle:
SZ vom 31.10.2013/segi
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