Süddeutsche Zeitung

Pullach:Tausend Unterschriften für die Haselmaus

Im Isartal wächst der Widerstand gegen die Erweiterung des Chemiewerks von United Initiators

Von Michael Morosow, Pullach

Die Kontroversen um die Umbau- und Erweiterungspläne des Chemie-Konzerns United Initiators in Pullach nehmen an Schärfe zu, gleichzeitig wächst der Widerstand im Isartal, insbesondere in den an das Betriebsgelände angrenzenden Wohnvierteln. Der Sprecher der "Bürgerinitiative zum Schutz der Haselmaus", Christian Boeck, hat nach eigenen Angaben bereits mehr als Tausend Unterschriften gegen das Vorhaben des Unternehmens gesammelt, aus Pullach, Grünwald und Baierbrunn und selbst aus Wolfratshausen. "Erst gestern sind 6o weitere Unterschriften eingegangen", sagte Boeck am Donnerstag.

Die Bürgerinnen und Bürger würden sowohl von der Konzernführung als auch von Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) getäuscht, belogen und ausgetrickst, behauptet Boeck. Seine Darstellungen seien in vielen Punkten falsch, er male ein Schreckgespenst an die Wand und verunsichere dadurch die Bevölkerung, kontern Tausendfreund und United-Initiators-Werkleiter Kai Eckloff. Beide waren zuletzt ausführlich auf eine ganze Reihe von Vorhaltungen eingegangen, die Boeck öffentlich erhoben hatte. In vielen Punkten hätten ihn die Antworten nicht überzeugt, erklärt der Sprecher der Bürgerinitiative, der aufgrund "vieler Ungereimtheiten" nun erst recht am Ball bleiben will, wie er sagt. Derzeit seien er und sein Mitstreiter Walter-Viktor Adolf aus seiner Nachbarschaft dabei, nach einem Verwaltungsrechtler zu suchen. Die nur wenige hundert Meter vom Chemie-Werk entfernt lebenden "Nachbarbürger" würden am Verfahren "natürlich nicht" beteiligt, sondern mit "Kindergarten-PR" abgespeist, klagt Adolf, der der Gemeindepolitik eine "geradezu maßlose Arroganz" vorwirft.

Derzeit würden die im Rahmen der frühzeitigen Beteiligung eingegangenen Stellungnahmen gesichtet und abgewogen, danach dem Gemeinderat vorgelegt, der möglicherweise in seiner Sitzung am 27. April darüber beraten werde, sagte Pullachs Bauamtsleiter Jürgen Weiß. Wie die Bürgermeisterin und Eckloff moniert auch er, dass einige auf der Unterschriftenliste dargestellten Sachverhalte falsch seien.

Bereits im Dezember hatte Werkleiter Eckloff in einem persönlichen Schreiben an Boeck mehreren seiner Aussagen heftig widersprochen. Etwa jener, dass ein Waldstück im Landschaftsschutzgebiet zu einem Industriegebiet umgewidmet werde. Fakt sei, dass es sich bei den Flächen um ein seit 1995 bereits ausgewiesenes Industriegebiet handele. Dass die Umbaupläne von United Initiators die Isarauen tangieren und gefährden würden, lässt die Bürgermeisterin nicht gelten. Das Werk liege 50 Meter oberhalb und circa 200 Meter westlich des Isarwerkkanals und der Isar, die Isarauen würden davon nicht berührt. Gegen diese Aussage erhebt Christian Boeck Einspruch: "Die Isarauen fangen nicht im Zentrum bei Kanal und Fluss an, es gehört auch der ganze Wald entlang der Isar dazu", sagt der Sprecher der Bürgerinitiative.

Nur als "Schreckgespenst" könne es gesehen werden, so Bürgermeisterin Tausendfreund, wenn Boeck behaupte, dass der Ausbau der Lagerkapazität nicht nur von derzeit 1000 Tonnen auf 1600 Tonnen geplant, sondern auch eine Erweiterung auf 3340 Tonnen möglich sei. Die Werkleitung habe mehrfach ausgeführt, dass zwischen genehmigter und realer Lagermenge zu unterscheiden sei, heißt es in einer Stellungnahme Tausendfreunds. Nach ihrer Darstellung ist auch der Artenschutz erfüllt. Die Haselmaus, Namensgeber der Bürgerinitiative, werde artgerecht vergrämt, ihr Lebensraum bleibe erhalten, wie auch der von den ebenfalls geschützten Fledermäusen und Zauneidechsen. Um diese Aussage zu widerlegen, sagt Boeck, könne man sich auf einen Bericht der Unteren Naturschutzbehörde stützen, die das Vergrämen von Haselmäusen kritisch sehe und für sinnlos halte. "Die werden weggebaggert und verlieren ihren Lebensraum", sagt Boeck.

Auch zum Thema An- und Ablieferverkehr bleibt der Sprecher der Bürgerinitiative bei seiner Meinung und widerspricht der Bürgermeisterin. Die hatte sich darauf festlegt, dass der Transport von Gefahrgütern ausschließlich über die Bundesstraße 11 Richtung Norden zum Mittleren Ring nach München erfolgt. Das sei ein Irrtum, schreibt Boeck. Viele Lkw fahren nach seiner Überzeugung nicht über die B 11 nach München, sondern, je nach Kundenstruktur, über Baierbrunn und Schäftlarn oder auch über Grünwald.

"Würden wir gegen Sicherheitsbelange verstoßen, wäre unsere Aufsichtsbehörde nach Paragraf 20 des Bundesimmissionsschutzgesetzes verpflichtet, die Einstellung unseres Betriebs anzuordnen", gab Werkleiter Eckloff in dem Antwortschreiben Boeck zu verstehen. Das Unternehmen biete jede Form der Kommunikation an, sagte Andreas Schneider von der Agentur Heller und Partner.

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SZ vom 19.02.2021
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