Süddeutsche Zeitung

Oberhaching:Wohnküche statt Ateliergemeinschaft

Die Künstlerin R. Fancher Brinkmann, die sonst in ihren Haarer Räumen große, pastose Ölbilder entwirft, malt jetzt zuhause in Oberhaching Kleinformatiges: zu Übungszwecken, spontan und minimalistisch. Ein Dauerzustand soll das aber nicht werden

Kreativ sein, was ihre Arbeitsweise angeht, müssen in Zeiten der Corona-Krise viele Menschen. Betroffen sind davon auch die, für die ohnehin die Kreativität qua Metier unabdingbar ist. Etwa die Künstlerin Ruth Fancher Brinkmann, die im Raum München bekannt ist durch großformatige, ungegenständliche, pastose Ölbilder mit kräftigen Farben. Sie arbeitet jetzt zu Hause in Oberhaching und zeichnet Kleinformate. Dafür hat sie sich bewusst entschieden. Sie könne zwar in ihre Räume in der Ateliergemeinschaft in der Hans Pinsel Straße 7 in Haar, aber sie wolle die Situation nutzen, um sich einer Gattung zu widmen, die sie in ihrer Liebe zum spontanen Arbeiten mit Farben auf großer Fläche gerne vernachlässige.

Kleine Formate in der Größe eines A4-Blattes seien eine gute Übung, sagt die am Illinois Institute of Technology ausgebildete Architektin, dessen Campus der berühmte Ludwig Mies van der Rohe entworfen und realisiert hat. Sie hat viele Jahre in verschiedenen deutschen Architekturbüros gearbeitet, widmet sich seit 1995 aber nur noch der Malerei. "Zum Glück habe ich einen großen Tisch in meiner Wohnküche, woran ich jetzt arbeite. Ich male daheim natürlich nicht mit Ölfarbe, sondern mit Aquarellfarben oder Guache sowie mit Ölkreide, Kohle und Tusche. Zu Übungszwecken", betont sie, weil es viel mehr Spaß mache, auf großen Flächen im Format von 80 x 80 bis 150 x 300 Zentimetern zu malen. Ob groß oder klein, sie setzt sich hin und überlegt, bis sie eine "Farbzusammensetzung im Kopf" hat. Dann beginnt sie zu malen: "Im Prinzip brauche ich nur anzufangen, dann kommen die Ideen", sagt Brinkmann. Manchmal sähe man am Ende die Ausgangsfarben - das sind die Primärfarben Rot, Gelb, Blau oder Weiß - noch, aber das müsse nicht so sein. Sie könne bei der Arbeit mit Ölfarbe am nächsten Tag in die noch feuchte Malschicht neue Farben reinarbeiten, um weitere Farbnuancen zu erhalten. Allerdings gehe das mit den anderen Materialien nicht, da sei das Papier nach drei Schichten zu weich.

Ab und an werde aus den kleinen Arbeiten eine Idee für ein großes Bild, sagt sie. Aber es sei sehr schwierig, die Farbwerte von Ölkreide oder Aquarell in Öl wiederzugeben. Sie zeigt die Zeichnung eines Hauses in Tusche und zwei Kompositionen aus breiten Pinselstrichen, eine in Aquarell, die andere in Ölkreide. Auf beiden erkennt man die Grundfarbe Rot, auf beiden stoßen die Farbflächen senkrecht aneinander. Das hat nicht die strenge Geometrie und Farbgebung der Bauhaus-Maler, aber doch das Konstruktive einer Architektin. "Ich lasse der Spontanität immer freien Lauf. Das ist das Wichtigste beim Malen", betont sie.

Sie zeichnet also auch gegenständlich oder "Ein-Linien-Bilder", bei denen sie an einem Punkt beginnt und den Stift dann nicht mehr absetzt, bis das Bild fertig ist; eine minimalistische Technik, mit der ein Pariser Illustrator unter dem Namen "DFT" Werbezeichnungen für Weltfirmen wie etwa Apple, Facebook oder Adidas erstellt. "Am wichtigsten ist, immer zu wissen, wann man aufhört, sonst kann man Bilder auch zu Tode malen", betont Brinkmann. Die Arbeit in ihrer Wohnküche erfüllt sie trotz gewisser Einschränkungen. Durch sechs Fenster kommt das Licht herein und sie blickt auf den spätromanischen Turm der kleinen Stephanskirche von Oberhaching. Außerdem kann sie alle Malmaterialien am Abend auf dem Tisch liegen lassen: "Jeden Tag den Malplatz wieder einrichten zu müssen, wäre zu mühselig", betont die 63-jährige, die aus den USA stammt und seit 1981 in Deutschland lebt.

Ihre zwei Kinder sind inzwischen erwachsen, so ist sie noch gelassen, spürt aber aktuell, dass Aufträge ausbleiben. Die Kosten für Miete und Malmaterial laufen weiter. Da die Theater gesperrt sind, kommen jetzt auch ihre Stammkunden von auswärts nicht, die sie vor einem Opernbesuch immer im Atelier besuchen. Auch sei in Köln eine Ausstellung am 8. März eröffnet worden, aber die Galerie habe schließen müssen. So werde dort jetzt kein Bild verkauft. Sie sei aber glücklich, dass sie an dem Wochenende nach der Vernissage noch mit einem der letzten Flüge nach München zurückkommen konnte.

Nun entwerfe sie auch andere Arbeiten wie Torsi, also Körper ohne Kopf, aus einem Ton, der an der Luft trockne. Die Arbeit im Haarer Atelier fehle ihr, gibt sie zu. Ihre Ateliertür stehe normalerweise immer offen, und sie liebe diese kleinen Gespräche mit den anderen Künstlern über Kunstwerke, die gerade in Arbeit sind. Ob sie Ende Juni den üblichen Tag der offenen Tür in ihrem Atelier veranstalten könne, wisse sie noch nicht. Aber sie hofft, dass die "Bernrieder Kunstausstellung" vom 2. bis zum 16. August stattfinden kann, da sie dort auch ausstelle. Bis dahin bleibt die Hoffnung, über das Internet Werke verkaufen zu können. Das könnten durchaus auch kleine Arbeiten sein, sagt Fancher Brinkmann zwinkernd.

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SZ vom 08.04.2020
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