Süddeutsche Zeitung

Leben an der Isar:"Man muss am Fluss nicht unbedingt grillen"

Weniger Müll, weniger unkontrollierte Feierei: Sylva Orlamünde, Leiterin des Wasserwirtschaftsamts München, fordert mehr Rücksicht von den Isar-Besuchern.

Interview von Jürgen Wolfram

Für die meisten Münchner belegt sie einen Spitzenplatz unter den Attraktionen ihrer Stadt, und auch von Amts wegen ist die Isar ein "Gewässer erster Ordnung". Wann immer es um die Entwicklung des Flusses geht, ist das staatliche Wasserwirtschaftsamt München zuständig oder hat zumindest ein Wort mitzureden. An der Spitze der Behörde mit ihren 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern steht seit 2011 Sylva Orlamünde. Die gelernte Bauingenieurin mit sächsischen Wurzeln kam 1989 nach München. Beschäftigt war sie hier unter anderem im Landesamt für Umwelt und elf Jahre lang im bayerischen Umweltministerium.

Als ihr staatlicher Arbeitgeber sie anfangs vor die Wahl stellte, im Straßenbau oder in der Wasserwirtschaft anzufangen, zögerte Orlamünde nicht lange: Die zweite Variante sagte ihr mehr zu. An der Gestaltung der Isar in den vergangenen Jahren mitgewirkt zu haben, macht sie stolz: "Da hat das Wasserwirtschaftsamt ein Zeichen gesetzt und bewiesen, dass Wasserbauingenieure nicht nur Flüsse begradigen können, wie früher oft geschehen."

SZ: Die innerstädtischen Isarufer in München gleichen an schönen Tagen einer Partyzone. Die Stadtverwaltung wird der Müll-Lawine kaum noch Herr, und die ersten Anwohner ziehen weg, weil sie den Grill-Rauch nicht mehr ertragen. Erstickt die viel gepriesene Renaturierung an ihrem eigenen Erfolg?

Sylva Orlamünde: Mit einem Riesenansturm wie in diesem Sommer hatte niemand gerechnet, da bleibt Kritik an den Zuständen nicht aus. Alles wäre kein Problem, wenn Regeln eingehalten würden. Doch leider schlagen manche Leute über die Stränge und missbrauchen die Ufer als Müllhalde. Bei einem Ausflug in die Berge ist es selbstverständlich, seine Abfälle wieder mit nach Hause zu nehmen, nach dem Feiern an der Isar offenbar nicht. Man sollte in Zukunft vielleicht mehr kontrollieren und Überzeugungsarbeit leisten. Am besten fängt man bei den Kindern an, den Nutzern von morgen also. Meiner Meinung nach muss man an der Isar nicht unbedingt grillen. Eine Brotzeit mitbringen, sich ans Ufer setzen und die Natur genießen - das tut's doch.

Andererseits ist es erfreulich, dass die Leute ihre Isar wiederentdecken. Wo sonst kann man schon mitten in der Großstadt in einem Fluss baden? Und obendrein mit der U-Bahn vorfahren? Zu viele Verbote wären also fehl am Platze. Im Übrigen ist kaum zu erwarten, dass jeder Sommer so schön wird. Von daher dürfte der Ansturm auch wieder abflauen.

Neuerdings wird in städtischen Gremien intensiv darüber nachgedacht, das gastronomische Angebot an den Isarufern auszubauen. Eine gute Idee?

Auf diese Weise kämen noch mehr Menschen an die Isar. Die brauchen auch Plätze ohne Konsumzwang. Den einen oder anderen Standort könnte man vielleicht trotzdem für einen zusätzlichen Gastronomiebetrieb nutzen, nur: Eine Schickimicki-Meile mit Mondpreisen gilt es zu vermeiden. Und wenn solide Toilettenanlagen geschaffen würden, wären viele Münchner sicher dankbar. Denn die Dixi-Klos, die von Betrunkenen manchmal sogar umgeworfen werden, sind auf die Dauer keine Lösung. Klar sein muss in jedem Fall: Das Hochwasserbett ist tabu, dort darf absolut nichts Stationäres gebaut werden.

In diesem Supersommer haben Hunderte in der Isar gebadet. Das war früher mal verboten. Wie steht es um die Wasserqualität?

Seit alle Kläranlagen, die ihr Abwasser in die Isar einleiten, mit UV-Anlagen zur Hygienisierung ausgestattet sind, hat sich die Badegewässerqualität wesentlich verbessert. Das belegt auch eine aktuelle Untersuchung des Landesamtes für Umwelt. Überschreitungen der Grenzwerte hat es im untersuchten Bereich bei keiner Messung gegeben. Ein Flussbad bleibt dennoch problematisch, weil sich die Wasserqualität in einem Fluss, etwa nach Regen im Einzugsgebiet, rasch verändern kann, anders als zum Beispiel bei Seen. Trinkwasserqualität ist schon gar nicht zu erwarten.

Isar-Nutzer müssen Kompromisse eingehen

An der Isar treffen viele Nutzerinteressen aufeinander, wie die SZ-Serie ,Menschen am Fluss' gerade zeigt. Das reicht von der Stromerzeugung über die Fischerei bis zum Kanusport. Sind all diese Begehrlichkeiten noch unter einen Hut zu bringen, oder laufen die Verhältnisse aus dem Ruder, wie einige Naturschutzorganisationen beklagen?

Wenn alle Beteiligten bereit sind, Kompromisse einzugehen, kann der Interessenausgleich gelingen. Klar gibt es in Einzelfällen Probleme. Das Ringen mit den Kraftwerksbetreibern um Restwassermengen für den Fluss zum Beispiel ist nicht immer einfach. Wir als Behörde müssen dafür sorgen, dass Richtlinien eingehalten werden, die Stromerzeuger achten verständlicherweise auf die Rentabilität ihrer Anlagen. Immer mehr Bürger schauen ganz genau hin, was in Sachen Isar geplant und beschlossen wird. Das ist auch gut so, denn wir allein könnten gar nicht alle wichtigen Aspekte erkennen. Mancher wertvolle Baumbestand wurde schon durch die intensive Einbeziehung der Öffentlichkeit erhalten. Letztlich hatte auch der Isarplan viele Mütter und Väter; wahrscheinlich wäre er sonst nicht so gut gelungen.

Ein wichtiger Bestandteil des Isarplans war von Anfang an der Hochwasserschutz. Ist dieses Ziel erreicht worden?

So sicher wie heute war die Isar noch nie, wobei natürlich immer ein gewisses Restrisiko bleibt. Um dies zu erreichen, ist eine Menge geschehen, nur sieht man das nicht ohne weiteres. In Teilbereichen hat man Deiche erhöht und verstärkt, Uferbefestigungen entfernt und sogenannte schlafende Ufersicherungen eingebaut. Auf Höhe des Tierparks wurde sogar eine Erdbeton-Dichtwand eingezogen. Ihre Feuerprobe haben die Anlagen beim Augusthochwasser 2005 mit Bravour bestanden. Als Bemessungsgrundlage hat man einen Abfluss von 1100 Kubikmeter pro Sekunde gewählt. Das ist sehr viel. Wir sind mit der Arbeit aber noch nicht am Ende. Im Zusammenhang mit der EG-Wasserrahmenrichtlinie zur Überführung von Gewässern in einen guten Zustand sind noch einige Maßnahmen geplant, unter anderem muss noch an einigen Stellen die Durchlässigkeit für Fische hergestellt werden. Für manche andere sinnvolle Maßnahme ist an der innerstädtischen Isar leider wenig Platz.

Ferner sind Deichrückverlegungen an der mittleren Isar zwischen Oberföhring und Moosburg vorgesehen. Versteht sich, dass umfassende technische Untersuchungen vorausgehen. Schließlich soll niemand einen nassen Keller bekommen. In einzelnen Fällen kann es aber sein, dass ein Weg direkt am Ufer von der Isar zurückerobert wird und verlegt werden muss. Über solche Fragen wird leidenschaftlich diskutiert. Auch hier gilt: Ohne Kompromisse geht es nicht. Insgesamt sind wir an der Isar gut bedient; an der Donau sind die Probleme weitaus größer.

Dafür bereitet an der Isar das Geschiebe immer wieder Kopfzerbrechen.

Ein Problem, das entlang der Isar überall zu finden ist. Weil wegen des Sylvensteinspeichers zu wenig Kies im Flussbett bewegt wird, tieft sich der Fluss stellenweise bis zu zehn Zentimeter pro Jahr ein. Um diesen Prozess zu bremsen, mussten schon mehrere Sohlschwellen eingebaut werden, weitere sind geplant. Jeder Eingriff hat aber Auswirkungen auf die Unterlieger. Bei einer Besprechung demnächst werden wir die Ergebnisse der Sedimentstudie des Landesamtes für Umwelt und das weitere Vorgehen an der Isar diskutieren.

Welche Botschaft haben sie noch im Bezug zur Isar?

Zwei Botschaften. Zunächst die Bitte an die Isarliebhaber: Passt auf eure Isar auf und lasst Euch dieses Juwel nicht von einigen wenigen Unvernünftigen kaputt machen. Es wäre schade, wenn immer mehr Restriktionen für die Nutzung erlassen werden müssten. Und bitte lasst auch der Natur ihre Rückzugsräume!

Die nächste Botschaft betrifft mein Eingangsstatement: Ich möchte meine Berufskollegen in Schutz nehmen, die vor vielen Jahren die Isar kanalisiert haben. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren Energieerzeugung, der Schutz vor den verheerenden Fluten und die Sicherstellung der Schifffahrt und Flößerei eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Ökologie und Freizeitnutzung spielten damals keine Rolle. Also bitte nicht unsere Vorväter verdammen, ihr Pioniergeist war einst ausschlaggebend für die wirtschaftliche Entwicklung Münchens.

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Quelle:
SZ vom 14.09.2015
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