Süddeutsche Zeitung

Mitten in Oberhaching:Es geht um die Wurst

Ein Politiker ohne Bratwurst ist vor allem im Wahlkampf undenkbar, denn das schwer zu essende, fetttriefende Teil ist ein Symbol für Bürgernähe

Kolumne von Iris Hilberth

Wie viele Bratwürste ein Kandidat durchschnittlich im Wahlkampf essen muss, ist nicht bekannt. Aber es dürften jede Menge sein. Nicht nur, weil die meisten Politiker beklagen, in den Wochen vor der Abstimmung jedes Mal ein paar Pfunde zuzulegen. Die Bratwurst gilt auch als Symbol von Bürgernähe, als bodenständiges Hilfsmittel beim Buhlen um die Wählergunst. Genauso wie Gummistiefel, Luftballons und Bauarbeiterhelme. Wer das nicht glaubt, sollte mal alte Fotos durchschauen. Es gibt keinen Mandatsträger, von dem nicht mindestens eine Aufnahme mit Bratwurst in der Hand oder noch auf dem Grill existiert. Richtig glücklich sehen viele dabei nicht aus. Der Journalist Constantin Alexander hat einst Fotos von Politikern mit Bratwürsten gesammelt und dann festgestellt: Bratwürste sind unmöglich würdevoll zu essen.

Der Mann hatte sich mit seinem Blog "People biting into Bratwurst" quasi zum Experten für Bratwurstesser entwickelt und wusste: Die Kandidaten müssen sich da durchbeißen, auch wenn das Fett spritzt, der Senf tropft und die Wurst verdammt heiß ist. CDU-Mann Armin Laschet sah man kürzlich mit aufgekrempelten Ärmeln an einem Bratwurststand im sächsischen Torgau stehen, während der ehemalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder die Currywurst in der VW-Kantine zu retten versuchte. Und im Landkreis München? Ja auch hier ist ein Wahlkampf ohne Wurst denkbar aber sinnlos.

Dass schon zukünftige Wähler auf die unvermeidliche Zweckbeziehung von Politik und Wurst eingeschworen werden, zeigen diese Woche gleich zwei Veranstaltungen: In Unterhaching lockt man die Jugend mit dem Motto "Grill den Politiker". Natürlich verspricht man den jungen Leute nicht nur heiße Diskussionen mit den Kandidaten, sondern auch "Frisches vom Grill". Ohne Bratwurst wird man nicht auskommen. Und in der Nachbargemeinde Oberhaching, in der im Jugendzentrum gerade eine U18-Wahl über die Bühne geht, ist die Symbiose von Fleischprodukt und Kandidat nun perfektioniert worden. Hier heißt es auf dem Plakat: "Wähl dir deine Bratwurst."

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Quelle:
SZ vom 16.09.2021
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