Süddeutsche Zeitung

Kirchheim:Die Zauberformel lautet 2030

In der Bürgerversammlung wollen sich die Kirchheimer und Heimstettener nicht lange mit der Vergangenheit aufhalten. Der Blick ist nach vorne gerichtet, wenn endlich die neue Ortsmitte Gestalt annimmt

Von Martin Mühlfenzl, Kirchheim

Wenn es in einer Gemeinde gut läuft, dürfen sich die Bürger schon mal selbst beklatschen. Und in der nahezu voll besetzten Aula des Gymnasiums nehmen die Kirchheimer am Donnerstagabend diese Gelegenheit auch wahr, als ihnen Karl-Heinz Schilling, Leiter der Polizeiinspektion Haar, bei der Bürgerversammlung vom Pult aus im übertragenen Sinn auf die Schultern klopft: "Die Kirchheimer sind braver als der bayerische Durchschnitt." Soll heißen: Hier in der selbst ernannten Vorzeigegemeinde, die sich ja das Motto "Bayerisch, modern, anders" gegeben hat, gibt es weniger Straftaten, die Bürger passen aufeinander auf. Kurzum: es läuft.

Mit Kriminalitätsstatistiken oder gar der Vergangenheit wollten sich bei der Bürgerversammlung aber weder Schilling noch die Bürger oder Rathauschef Maximilian Böltl (CSU) aufhalten. In der Gemeinde dreht sich ohnehin alles um die Zukunft, vor allem die nähere Zukunft, die auch einen Namen hat: "Kirchheim 2030". In der "Familiengemeinde", wie sich die Kommune selbst bezeichnet, ist alles auf dieses Megaprojekt ausgerichtet, das die beiden Ortsteile Kirchheim und Heimstetten miteinander verbinden soll - schließlich geht es um nicht weniger als eine neue Mitte, die Arbeiten und Wohnen in Einklang bringen soll. In der ein neues Rathaus entstehen wird, das Gymnasium neu gebaut wird, die Volkshochschule eine neue Heimat finden wird, ein Bürgersaal entsteht. Und wo ganz nebenbei 2024 die Landesgartenschau stattfinden wird.

Im Jahr 2017 haben die Kircheimer mit mehr als 70 Prozent in einem Bürgerentscheid für das Projekt Kirchheim 2030 gestimmt. Und Bürgermeister Böltl wusste bei der Versammlung immer wieder auf diesen Umstand hinzuweisen. Zum Beispiel dann, als eine Bürgerin anmerkte, sie habe ja schon vor drei Jahren einen Antrag gestellt, das sogenannte Wäldchen am Gymnasium müsse erhalten werden. Dass dies nun doch zum Teil den neuen Planungen zum Opfer fällt, sei zwar bedauerlich, sagte Böltl, und ja, das neue Gymnasium verbrauche tatsächlich viel Fläche. Aber im Gegenzug werde etwa an der A 99 großflächig in einem mehr als 150 000 Quadratmeter großen Grünzug aufgeforstet. Zudem entstehe in der neuen Ortsmitte ein Park, der für alle Bürger als Naherholungsgebiet zur Verfügung stehen wird, so der Rathauschef.

In Rekordtempo eilte Böltl in seiner Präsentation von Erfolgsgeschichte zu Erfolgsgeschichte: etwa der bevorstehenden Eröffnung des Hauses für Kinder im Januar, dem Ankauf der alten Post, in der ein Obst- und Gemüseladen und der "Kunst-Raum" untergekommen ist. Dem Aufbau von Lärmschutzwänden an der A 99, der 2021 beginnen soll, der Errichtung von preisgünstigem Wohnraum im Rahmen von 2030 und Verbesserungen beim öffentlichen Personennahverkehr mit der Linie 262, die von 16. Dezember an von Pliening aus kommend Kirchheim mit Feldkirchen und der Messestadt verbinden wird. In Stoiberscher Manier konnte Böltl verkünden: "Dann steigen sie quasi in die Messestadt Ost ein."

Wenig Gefallen an Böltls Ausführungen fand Rüdiger Zwarg. Der Gemeinderat der Grünen nutzte die Bürgerversammlung für eine Gegenrede. Er beklagte, in der Gemeinde werde zu wenig gebaut, es gebe zu wenig Betreuungsplätze und im Gemeinderat würden Auskünfte über nicht öffentlich gefasste Beschlüsse immer erst am Ende der Sitzungen bekanntgegeben, wenn kein Bürger mehr anwesend sei. Böltl nahm die Kritik stoisch zur Kenntnis.

Dass die Kirchheimer die Zahl 30 in ihrer Zukunftsvision ernstnehmen, wurde auch bei einem Antrag deutlich. Ein Bürger forderte, in der Gemeinde wieder vom flächendeckend geltenden Tempo 30 auf Tempo 50 zurückzukehren. Dieses Ansinnen lehnte die Mehrheit der Anwesenden ab. Im Gegenzug stimmten diese mehrheitlich dafür, dass der Bürgermeister auch im kommenden Jahr für seine Präsentation nur eine halbe Stunde zur Verfügung haben soll. An diesem Punkt haben es die Kirchheimer gerne eher schnell.

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Quelle:
SZ vom 23.11.2019
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