Süddeutsche Zeitung

Friseur-Salon Bash-Club:Reine Kopfsache

Robert Weinzierl und Ralph Kästle führen den Friseursalon Bash-Club: Hier fiel Dieter Bohlens Matte, hier wird Bastian Schweinsteiger aufgestylt.

Philipp Crone

Es sieht zwar nicht aus wie "der härteste Job" - auch wenn so Ralph Kästle seinen Beruf beschreibt, den des Friseurs. Der 40-jährige Glatzkopf mit der goldumrandeten Sonnenbrille und der bulligen Figur führt zusammen mit Robert Weinzierl den "Bash-Club".

Kollege Weinzierl ist gerade im Einsatz, seinen "Knochenjob" macht er im Parterre des Geschäfts an der Sendlinger Straße mit überschlagenen Beinen, manchmal legt er die Schere weg, greift zu seinem iPhone4 oder er ratscht mit den beiden Begleitern des Kunden, die auf einer Fensterbank hocken und auf einen Bildschirm schauen. Es ist eher ein langes Abhängen hier als ein kurzes Abschneiden, mehr Treffen als Termin.

Die Anforderungen an einen guten Friseur lauten laut Kästle: austrainierte Physis - die Körperhaltung ist etwa so ungesund wie die eines Kameramanns, dazu psychologische Grundkenntnisse und vor allem Durchsetzungsvermögen. "Man könnte", diese Formulierung "gibt es bei uns nicht", sagen sie, und: "Wir orientieren uns nicht an den Gästen." Vielleicht sind sie erfolgreich, weil sie nach dieser Devise handeln. Vielleicht, weil der Kunde hier auch eine Show geliefert bekommt, die Dieter Bohlen, Lothar Matthäus, Bastian Schweinsteiger oder viele andere aktuelle Münchner Fußballprofis bereits kennen.

Kästle geht im Obergeschoss an der marokkanischen Wartelounge vorbei, am DJ-Pult, an der Lichtanlage, am mit weißen Steinchen ausgelegten Toilettenbereich zum Raum mit den drei Plätzen für die Kopfwäsche. Der Gast wird hier vor dem Schnitt horizontal gebettet und am Kopf gepflegt, auf Stühlen, die denen eines Zahnarztes ähneln. "Zahnarzt ist der zweite Beruf, der so fordernd ist wie Friseur", sagt Kästle. Man sitzt krumm rum, hört den Kunden zu und berührt sie permanent am Kopf.

Styling-Tipps für die Kumpels

So war das auch beim Wild Edi in Ramerdorf vor 32 Jahren. Ralph Kästle war damals acht Jahre alt - und der Friseur Wild bot ihm einen Whiskey und eine Zigarre an. "Der hat mir in den jungen Jahren das Gefühl vermittelt, ein Stück weit erwachsen zu sein. Auch wenn er mir beides natürlich dann doch nicht gegeben hat." Er war beeindruckt, von Mann und Beruf. Das erste, was er dann frisierte, war sein Mofa, "um schneller zu den Mädels zu kommen".

Später, als er den Wehrdienst verweigert hatte, weil er sich seine lange Surfer-Mähne nicht abschneiden wollte, war seine Frisur mit das wichtigste in seinem Leben. Kästle gab den Kumpels Stylingtipps und beschloss mit 17, Friseur zu werden. Er lernte in einem damals in München sehr angesagten Laden, dem von Neil Aubrey. Hier hatte er als erste Kundin Gianna Nannini auf dem Stuhl. "Die hat mich gefragt: ,Bist du schwul?', und ich sage: Nein, ich bin der einzige Hetero hier im Laden." Die Frage habe ihn so genervt, dass er der Sängerin anschließend deutlich fester als nötig die Haare gewaschen hat. Sein nächster Kunde war Michael Käfer, sie blieben in Kontakt. Terence Trent D'Arby, Prince oder Janet Jackson waren zu Gast, "die kannte Aubrey alle aus London, wo er vorher gearbeitet hat".

Kästle lernte, während die Kollegen Udo Walz und Gerhard Meir seinen Beruf in Deutschland langsam gesellschaftsfähig machten. Robert Weinzierl, schmale Figur und Frisur, ist mit seinem Kunden fertig und setzt sich zu Kästle in die marokkanischen Kissen - weiche Polster, seichte Musik. "Und, Bertl?", fragt Kästle, und Bertl pfeift. Es ist eine Kostprobe der Zweimann-Show, bei der sich die beiden gegenseitig ansticheln.

Die beiden nennen es: sich "batteln" - ob auf der Computer-Konsole X-Box, bei der Zahl der Tattoos oder mit Sprüchen. Am besten geht das natürlich beim Thema Fußball. Kästle ist ein Blauer, Weinzierl ein Roter. Als Weinzierl einmal im Urlaub war vor einem Bayernspiel, hat Kästle den Roten die Haare geschnitten. "Er hat ihnen allen die Löffel so leicht ausgeschnitten." Und zwar so dezent, dass es nur einer gemerkt hat: Robert, der perplex vor dem Fernseher saß und seinen Partner wütend anrief.

Bis sie so weit waren wie heute, mit berühmten Kunden, die sich auf 600 Quadratmetern entspannen und frisieren lassen, dauerte es 15 Jahre. Die beiden fingen mit 23 Quadratmetern an, fast ohne Kunden. Ralph sah Robert - der hatte sich 1995 gerade selbständig gemacht - in dessen winzigen Salon, wie der mit einer Zigarette im Mund einem Kunden die Haare schnitt. "Da wusste ich, mit dem will ich zusammenarbeiten."

Die beiden wurden ein Team und gingen abends ins "Barfly", zur Akquise. Dort stellten sie sich in den Vorraum der Damentoilette und gaben den Frauen auf dem Weg zum Klo einen Spruch mit - haben sie darauf reagiert, wurden sie in den Salon eingeladen. Es funktionierte. Ralph war dank Michael Käfer zudem Stammgast im P1, und irgendwann fand auch der erste Fußballer zu den beiden. Es war der Amateurspieler Frank Gerster. Der zweite war Lothar Matthäus, dann kamen alle. Auch Dieter Bohlen - zwar kein Fußballer, aber durchaus ein Mann mit Kicker-Frisur.

Kurzhaarschnitte für die Kicker

"Könnten wir die Strähnchen ein bisschen kürzen?", imitiert Robert Weinzierl die Fistelstimme von Dieter Bohlen. Die Antwort: "Du willst doch modern sein, also kürzen wir richtig." Um 20 Zentimeter. Auch die Haare der Fußballer wurden kurz, als David Beckham Ende der neunziger Show und Sport vereinte. "Bis dahin war es doch meistens so, dass die Spieler aus kleinen Städten in die Modemetropole München kamen mit ihren männlich langen Haaren."

Bei den beiden Männern vom Bash-Club gab es für die Neulinge Modeberatung und Haarschnitt in einem. Nur. Warum kommen die Kicker gerade hierher? "Bei uns gibt es keine VIP-Kabine wie in anderen Salons, wir behandeln alle gleich", sagt Kästle. Vielleicht lieben die Spieler die Bash-Show? Vielleicht aber auch einfach die klaren Ansagen, die sie vom Sport her kennen. "Man würde einem Dr. Müller-Wohlfahrt auch nicht sagen, wie er einen zu behandeln hat. Und genauso ist es bei uns", sagt Kästle. "Wir geben eine Diagnose." Danach muss man sich richten. Und Weinzierl: "Wir brauchen drei Sekunden, um eine Person zu beurteilen und die richtige Frisur zu bestimmen." Wie viel an diesem Satz ist wohl Show, wie viel Ernst?

Kästle hält den Laden zusammen. Weinzierl ist derjenige, der sich um die Frisur-Kollektionen kümmert, der Künstler, der alle zwei Jahre eine neue Haarmode entwirft. Was kommt als nächstes? "Die Fußballer werden noch modischer, dabei klassisch und elegant", sagt Weinzierl.

Ständig schauen sich die beiden lauernd an, ständig nehmen sie sich auf den Arm. Kaum zu glauben, dass sie sogar zusammen in den Urlaub fahren. Gegenseitig schneiden sie sich allerdings kaum die Haare. "Wer Zeit hat, rasiert mir schnell drüber", sagt Kästle. An Weinzierls Schopf darf er nicht ran. "Der hat mir einmal Löcher geschnitten", sagt Weinzierl. "Sah trendig aus", sagt Kästle. Vielleicht ein Trend, auf jeden Fall aber eine Show.

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Quelle:
SZ vom 21.12.2010
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