Süddeutsche Zeitung

Erste Hilfe:Ohne Angst das Richtige tun

Der Arzt Dennis Ballwieser rät gerade in Corona-Zeiten dazu, die Erste-Hilfe-Kenntnisse aufzufrischen. Das Rote Kreuz in Deisenhofen zeigt, wie man sich vor einer Infektion schützt und trotzdem Menschen helfen kann.

Interview von Magdalena Scheck, Oberhaching

Seit mehr als 25 Jahren engagiert sich Dennis Ballwieser beim Bayerischen Roten Kreuz in Deisenhofen. Gemeinsam mit weiteren ehrenamtlichen Helfern und den Oberhachinger Hausärzten begleitet der Arzt seit 13 Jahren das Projekt "Leben retten in Oberhaching" und organisiert Trainingsabende, die den Teilnehmern Erste-Hilfe- und Wiederbelebungsmaßnahmen näherbringen sollen. Am Donnerstag findet der zweite virtuelle Trainingsabend des Jahres statt. Wie der Kurs abläuft und worauf es bei der Ersten Hilfe in Zeiten der Pandemie ankommt, erklärt Ballwieser im Interview.

SZ: Was ist ein virtueller Trainingsabend? Wie läuft das ab?

Dennis Ballwieser: In der Zeit, in der wir uns normalerweise im Rotkreuzhaus treffen würden, werden sich zwei Ehrenamtliche der Bereitschaft vor die Video-Kamera setzen und ein bisschen Theorie erzählen, die praktische Übung vormachen und dann für Fragen zur Verfügung stehen. Das hilft, Ängste zu nehmen, um einfach das Richtige zu tun. Wir können vermitteln, wie man erkennt, dass Hilfe benötigt wird und wie man Hilfe holt.

Das fängt damit an, dass wir herausstellen, dass es immer und überall die Möglichkeit gibt, mit der 112 den Notruf abzusetzen. Davor muss man keine Scheu haben, das kann jeder. Wie man darüber hinaus Erste Hilfe einleitet und was man tun kann, wenn jemand nicht mehr am Leben zu sein scheint, nicht mehr atmet, nur daliegt und offensichtlich Hilfe braucht und wie man mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung beginnt, das lernen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in den Videokonferenzen.

Wie hat sich die Erste Hilfe-Leistung in Corona-Zeiten verändert? Bietet die Pandemie eine weitere Hemmschwelle, für Menschen, die sich sowieso schon scheuen, Erste Hilfe zu leisten?

Natürlich können wir den Menschen die Angst vor einer Corona-Infektion nur schwer nehmen. Es gibt aber relativ simple Tipps vom Roten Kreuz, wie man sich während der Pandemie in einer Notfallsituation verhalten sollte. Wann immer man in eine Situation kommt, in der ein Mensch Hilfe braucht, kann man den Abstand wahren und die 112 wählen. An den Trainingsabenden geht es um das Szenario, dass jemand am Boden liegt und keine Lebenszeichen mehr zeigt.

Da muss ich normalerweise die Mund-zu-Mund-Beatmung und die Herzdruckmassage ausführen. Da rät das Rote Kreuz aktuell dazu, auf die Mund-zu-Mund-Beatmung zu verzichten und nur die Herzdruckmassage durchzuführen. Die meisten Zwischenfälle, in denen man eine Herzdruckmassage braucht, haben nicht so sehr mit der Lunge zu tun, sondern mehr mit dem Herzen. Deswegen kann es reichen, die Herzdruckmassage so lange zu machen, bis der Rettungsdienst kommt, um ein Leben zu retten.

Aufgrund der Pandemie sind im Moment natürlich auch weniger Menschen im öffentlichen Raum unterwegs und die Wahrscheinlichkeit, dass ich einer mir völlig unbekannten Person helfen muss, ist deutlich geringer. Wo ich in der aktuellen Situation typischerweise Hilfe leisten muss, ist im privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz. Da kenne ich die Menschen und kann das Ansteckungsrisiko einschätzen.

Wie effektiv ist der Online-Kurs? Kann er den Präsenz-Kurs ersetzen, obwohl die Praktische Übung fehlt?

Das Sinnvollste bei den Erste-Hilfe-Kursen ist immer die Praxis. Trotzdem glauben wir, dass jedes Sich-Beschäftigen mit der Frage: "Was mache ich, wenn ich eine Notfallsituation komme?" Ängste nimmt und dazu führt, dass mehr Menschen Hilfe rufen und dann richtig Hilfe leisten. Wenn ich professionelle Hilfe rufe, dann kann mir die Person vom Notruf einfach über das Telefon sagen, was ich machen soll. Dann kann ich Hilfe leisten, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie leisten kann. Den Menschen diese Scheu nehmen, das können wir auch bei den digitalen Veranstaltungen.

Wem würden Sie empfehlen, am virtuellen Trainingsabend teilzunehmen?

Grundsätzlich empfehle ich das jedem, weil ich weiß, dass fast alle seit dem Führerschein normalerweise keinen solchen Kurs mehr gemacht haben. Besonders empfehle ich es Menschen, die Angehörige, Freundinnen, Freunde oder Nachbarn mit Grunderkrankungen haben und die deshalb ein ungutes Gefühl haben und sich denken: "Was würde ich eigentlich machen, wenn?" Für diese ist das genau die richtige Veranstaltung. In so kurzer Zeit, in so einfachen und verständlichen Worten, mit so wenig Aufwand, kann ich sonst nichts für mein Erste-Hilfe-Wissen tun.

Anmelden kann man sich für den kostenlosen Online-Kurs am Donnerstag, 22. April, von 19 bis etwa 21 Uhr, ausschließlich per E-Mail an die Adresse defi@brk-deisenhofen.de

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Quelle:
SZ vom 19.04.2021
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