Süddeutsche Zeitung

Bundewehr-Uni:Mit Computern allein ist es nicht getan

Humanwissenschaftlerin Manuela Pietraß hält den Digitalpakt für verbesserungswürdig

- Die Auszahlung von insgesamt fünf Milliarden Euro aus dem Digitalpakt Schule verzögert sich. Alle 16 Bundesländer haben sich gegen die Änderung des Grundgesetzes ausgesprochen, die der Bundestag bereits beschlossen hatte. Eine schnelle Lösung für den Digitalpakt bleibt laut Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) dennoch Ziel. Die Änderung des Grundgesetzes sei jedoch der falsche Weg. Die Länder wollen individuell über Bildungspolitik entscheiden. Manuela Pietraß ist Professorin an der Fakultät für Humanwissenschaften der Universität der Bundeswehr in Neubiberg im Fach Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Medienbildung. Sie hält die Entscheidung der Ministerpräsidenten für nachvollziehbar. Außerdem ist es laut Pietraß mit der technischen Ausstattung nicht getan.

SZ: Frau Pietraß, die Ministerpräsidentenkonferenz hat sich gegen die Grundgesetzänderung entschieden, die es gebraucht hätte, damit sich der Bund am Digitalausbau der Schulen beteiligen kann. Was halten Sie davon?

Manuela Pietraß: Ich halte es grundsätzlich für richtig, mit Änderungen am Grundgesetz vorsichtig zu sein. Deshalb ist die Entscheidung der Ministerpräsidenten für mich gut nachvollziehbar. Dennoch sollte jetzt mit Nachdruck nach einer anderen Lösung gesucht werden. Die Ausstattung der Schulen mit PCs, Laptops oder Tablets ist natürlich sehr wichtig.

Gerade im Hinblick auf die spätere Berufswelt der Kinder meinen viele, es sollte nach dem Grundsatz "je digitaler desto besser" gelehrt werden. Sehen Sie das auch so?

Jein. Wie gesagt, ist die Ausstattung der Schulen mit neuester Technik wichtig. Aber einen kompletten Umstieg auf digitale Medien nur um des Fortschritts Willen halte ich für falsch. Es sollte ein gesundes Lernen mit digitalen und analogen Medien nebeneinander stattfinden. Manche Dinge, wie gemeinsame Aktivitäten oder Ausflüge, lassen sich nicht ersetzen. Das gilt auch für Darstellungen im Unterricht. Ein Beispiel: der Nachbau eines Skeletts im Biologieunterricht. Ich halte es für sinnvoll vor dem Einsatz jeder Medientechnik, ihren Mehrwert genau zu hinterfragen. Digitale und nicht-digitale Medien erlauben unterschiedliche Möglichkeiten des Lernens und der Erkenntnisgewinnung.

Das heißt, Sie sehen die Lehrkräfte in der Pflicht, genau abzuwägen, wann sie digitale Medien verwenden?

Lehrer sollten sich die Frage stellen, was im konkreten Fall der Einsatz digitaler Medien verändern würde. Dafür ist natürlich eine Weiterbildung der Lehrkräfte nötig, die auf zukünftige fachdidaktische Anforderungen vorbereitet. Es ist eben - wie gesagt - nicht allein mit der technischen Ausstattung getan. Schüler sollen nicht nur hinsichtlich der neuen, modernen Ausstattung profitieren, sondern vor allem hinsichtlich der Bildung.

Ab welcher Jahrgangs- und Altersstufe halten Sie die Digitalisierung der Schule für wichtig?

Auch hier kommt es auf den Zweck an. Ein Grundschulkind sollte meiner Meinung nach noch nicht am Tablet oder PC sitzen und viele verschiedene Bild- oder Textquellen parallel öffnen und bearbeiten - wie es in späteren Jahrgangsstufen durchaus sinnvoll und auch bequemer für Schüler und Lehrkräfte sein kann, als mit verschiedenen Printquellen zu arbeiten. Das Grundschulkind muss erst lernen eine Perspektive zu verstehen. Was ich für sehr erstrebenswert halte, ist der zusätzliche Einsatz von gut aufbereiteter Lernsoftware - und zwar in jedem Alter. Da ist gerade noch vieles in der Entwicklung. Das wird ein wichtiger Bereich werden. Dadurch werden ganz neue didaktische Darstellungsformen im Unterricht möglich.

In welchen Bereichen halten Sie den Einsatz digitaler Medien im Unterricht also für sinnvoll?

Zum einen überall da, wo bisherige Medienanwendungen verbessert werden können. Vieles wird dadurch komfortabler. Wissen wird durch die neuen Möglichkeiten prinzipiell überall verfügbar. Es kann gespeichert und überall mit hingenommen werden. Auch Bild und Film kann immer und überall transportiert werden. Zum anderen bieten digitale Medien gänzlich neue Anwendungen. Sie können beispielsweise Kommunikationsabläufe darstellen und speichern. Das ist besonders für das Erstellen von Lernportfolios wichtig. Und es werden sicher noch viele neue Möglichkeit hinzukommen. Wir sollten alle Medien je nach Lernziel einsetzen. Sie alle haben ihre eigenen Stärken, um einen Gegenstand didaktisch darzulegen. Der Digitalausbau der Schulen ist wichtig und unabdingbar, aber er sollte nicht so verstanden werden, dass nur noch digitale Medien zum Lernen geeignet seien.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4255605
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 17.12.2018
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.