Süddeutsche Zeitung

Brunnthal:Die Kunst des Konsums

Die Galerie Kersten zeigt Werke von Pop-Art-Größen wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Keith Haring

Von Udo Watter, Brunnthal

Mitunter beschleicht einen das Gefühl, es sei die dringlichste Aufgabe des modernen Menschen zu konsumieren. Das Erwerben von Markenprodukten bewirkt vermeintlich einen Distinktionsgewinn, Lifestyle ersetzt Lebenskunst, und mancher Hipster glaubt gar, Einkaufen sei ein Akt der Kreativität. Aber bei allem skeptischen Blick auf die Welt der Waren und des Konsums ist sie doch ein wesentlicher Teil unserer Alltagskultur. Massenmedien und Werbung bestimmen unser Dasein mit, prägen unsere Träume und formen unser ästhetisches Empfinden. Wer sich dem mit intellektueller Distanz verschließt, der ignoriert eine Seite der Welt, die etwa mit informeller Kunst oder abstraktem Expressionismus nicht ganz befriedigend dargestellt werden kann.

In der Brunnthaler Galerie Kersten wird derzeit eine Kunstrichtung gewürdigt, die sich - vor allem in ihrer US-amerikanischen Variante - vom abstrakten Expressionismus absetzte, die eine neue Form vom Realismus schuf, die Alltagskultur und triviale Gegenstände einband, die von Beginn an knallig, bunt, ironisch und verspielt war: Pop-Art. Gezeigt werden in der Werkschau Arbeiten von US-amerikanischen Größen wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Robert Indiana oder Tom Wesselmann, aber auch jüngere englische und deutsche Pop-Art-Künstler - ein Panoptikum von den Sechzigern bis heute anhand ausgewählter Grafiken und Objekte. "Pop-Art war schnell, bunt, billig, und für viele zugänglich", erklärt Holger Weinstock von der Galerie Kersten. "Ich wollte aber nicht nur die amerikanischen Meister zeigen, sondern auch europäische Pop-Art-Künstler." Dazu zählen etwa der Brite Julian Opie oder der Deutsche Werner Berges, der in seinen Bildern, die oft Frauen zeigen, viel mit Konturen, Punkten und Farbflächen arbeitet, und so mit Wahrnehmungen spielt und Tiefenwirkung erzielt. Weitere deutsche Künstler sind Jörg Döring oder Ulrik Happy Dannenberg, von denen bunte Eyecatcher im ersten Stock in der Nachbarschaft von Keith Haring ("Growing Series") oder Andy Warhol ("Fiesta pig") hängen. Dannenbergs Wandobjekt aus den Comicfiguren Popeye und Olivia etwa ist so schwungvoll wie formsicher. Döring, der ein Virtuose der in der Pop-Art oft angewandten Techniken des Siebdruckes oder der Collage ist, trägt gerne dickfarbig auf und bringt Sprüche wie "Sugar Babies. So good and so many" oder "Do you like art?" in seinen comicbunten Arbeiten unter. Auf andere Art spannend und weniger knallig sind ältere deutsche Künstler wie Lambert Maria Wintersberger oder Konrad Klapheck, ein Klassiker der Nachkriegs-Avantgarde, der Alltaggegenstände gerne verfremdete, etwa Schreibmaschinen oder, - wie in Brunnthal - Nähmaschinen.

Die Palette der großen amerikanischen Pop-Artisten ist auch zu sehen. Etliche Arbeiten von Andy Warhol, Robert Indiana oder auch ein erstaunlicher Roy Lichtenstein wie "Hommage à Max Ernst". Ein Tapeten-Objekt des britischen Künstlers Allen Jones, das 1968 bei der Documenta in Kassel ausgestellt war und eine leicht bekleidete Frau zeigt, deren Oberweite sogar Kult-Trash-Regisseur Russ Meyer beeindruckt hätte, ist ebenfalls ein Hingucker. Überhaupt spielen erotische Motive häufiger eine Rolle - meist ironisiert oder bonbonfarben entschärft. Von Tom Wesselmann gibt es etwa ein Bild mit dem Titel "Landscape (Penis)". Mel Ramos zeigt gerne "Commercial Pin Ups", wo nackte Frauen auf einer Zigarre posieren oder vor einer Coca-Cola-Flasche. Das hat dem Kalifornier immer wieder Kritik eingetragen, auch von feministischer Seite, obgleich diesen Arbeiten eine parodierende Seite innewohnt, die sich über triviale Werbe-Glamourgestik lustig macht.

Generell machen viele der in Brunnthal gezeigten Werke Spaß wie die eingeschweißten Süßigkeiten von Dannenberg. Dass hinter all der bunten Farbigkeit und heiteren Ironie auch Tiefe und mitunter bitterer, sozialkritischer Ernst standen, zeigt ein Werk von Keith Haring. Sein rosa Dreieck - in den KZs der Nazis das Zeichen für homosexuelle Inhaftierte, später Symbol der amerikanischen Schwulenszene - und drumherum die typischen Haring-Figuren als Affen, die nichts hören oder sehen wollen: auch eine Anspielung auf die Ignoranz gegenüber der Aids-Problematik in den Achtzigern. Haring selbst starb 1990 an den Folgen der Immunschwäche.

Faszinierend sind zudem die Tütenbilder des 1962 in Frankfurt geborenen Künstlers "Thitz". Seine "Bag Art" zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass er Tüten auf Leinwände klebt, sondern sind detailreich, erzielen besondere Tiefenwirkung und atmen wie in "Paris" eine atmosphärisch illuminierte Farbigkeit. Die Henkel der Tüten hängen oft noch über den Rand oder sind im Werk verarbeitet, was die Bilder zusätzlich plastisch macht. "Kaufen und sie dann gleich an den Henkeln wegtragen kann man sie aber nicht", sagt Weinstock und schmunzelt. Schade, das wäre wirklich ein besonders kreativer Akt des Einkaufens.

Die Ausstellung "Pop-Art" in der Galerie Kersten, Brunnthal, Otterloher Straße 6, dauert bis 8. April.

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Quelle:
SZ vom 10.03.2017
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