Süddeutsche Zeitung

Asylbewerber:Da mussten alle weinen - auch der Mitarbeiter vom Bundesamt für Migration

Lange haben Union und SPD über den Familiennachzug gestritten. Zu der begrenzten Zahl von Flüchtlingen, die von der Regelung profitieren, könnten Rawan Mustafa und ihre Familie gehören.

Von Christina Hertel

Mit 15 Jahren ist sie nach Deutschland gereist - ohne Mutter, ohne Vater und ohne ihre drei kleinen Geschwister. Nur ihr Bruder und ihre beiden Onkel begleiteten sie. "Ich halte es nicht mehr aus, von meiner Familie getrennt zu sein", sagte Rawan Mustafa zu dem Mann, der darüber entschied, ob sie in Deutschland bleiben darf. "Ich brauche eine Anerkennung, damit ich meine Eltern und meine Geschwister holen kann." Da mussten alle weinen - Rawan, der Übersetzer und auch der Mitarbeiter vom Bundesamt für Migration.

Inzwischen ist Rawan Mustafa 18, eine zierliche Frau mit braunem Kopftuch. Sie trägt ein kariertes Hemd, einen olivfarbenen Parka und Fellstiefel wie viele Mädchen. Mit ihrer Familie war sie zunächst von Syrien nach Jordanien geflüchtet, in ein Lager aus Containern und Zelten, wo 80 000 Menschen lebten und früher nur Geröll und Staub waren.

Heute ist sie als Flüchtling anerkannt und darf vorerst drei Jahre in Deutschland bleiben. Mit 200 anderen Menschen lebt sie in einer Flüchtlingsunterkunft in Garching. Von einem großen Teil ihrer Familie ist die junge Frau immer noch getrennt. Mutter und Vater bekamen die Erlaubnis, nach Deutschland zu kommen. Aber nicht ihre drei Geschwister, 10, 12 und 13 Jahre alt. Die Eltern hätten, um zu ihrer einen Tochter zu gelangen, ihre drei anderen Kinder zurücklassen müssen. Die Mutter blieb, der Vater brach alleine auf.

Wenn er damals gewusst hätte, was er heute weiß, hätte er sich nicht auf den Weg gemacht, sagt Ahmad Mustafa. Er kam im August 2017 nach Deutschland und erhielt, anders als seine Tochter, nur noch subsidiären, also eingeschränkten, Schutz für ein Jahr. Ob und wann er seine Frau und seine Kinder nach Deutschland nachholen kann, ist ungewiss. Familiennachzug ist für Flüchtlinge wie ihn ausgesetzt, seit fast zwei Jahren schon.

"Es war ein großes Risiko"

Er hätte das alles wissen können, bevor er sich nach Deutschland aufmachte, sagt Nicola Gerhardt, die Vorsitzende des Asylhelferkreises in Garching, eine Juristin, die sich auskennt mit den Bestimmungen im Flüchtlingsrecht. Sie hat der Familie einen Anwalt vermittelt, Rawan und ihre beiden Onkel gewarnt. Ihr Vater kam trotzdem. "Es war ein großes Risiko", sagt Gerhardt. "Sie haben halt so sehr gehofft", sagt Veronika Enter. Sie kümmert sich ehrenamtlich um die Familie, füllt Anträge aus und geht mit ihnen zu den Behörden.

Die Familie Mustafa gehört zu jenen Menschen, über die CDU, CSU und SPD während ihrer Koalitionsverhandlungen heftig stritten. Lange wurden sich die drei Parteien nicht einig, ob Bürgerkriegsflüchtlinge wie Ahmad Mustafa mit subsidiärem Schutz ihre Familie nach Deutschland holen dürfen. Eine Zeit lang sah es so aus, als würde eine neue Regierung an dieser Frage scheitern. Dann einigten sich die Parteien auf folgende Regelung: Von August an sollen pro Monat 1000 Ehepartner, minderjährige Kinder und Eltern von minderjährigen Flüchtlingen kommen dürfen. Ahmad Mustafas Frau und seine drei Kinder könnten irgendwann ein Teil dieses Kontingents sein. Wie lange es dauert, bis sie in Garching ankommen, ist ungewiss.

Die Parteien stritten in Berlin auch deshalb so lange, weil unklar ist, wie viele Flüchtlinge zu erwarten sind, wenn Familiennachzug wieder erlaubt ist. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) warnt: "Das wäre wieder eine so massive Zuwanderung, dass die Integrationsfähigkeit Deutschlands total überfordert wäre." Die AfD spricht von mehreren Millionen, das Auswärtige Amt rechnet mit 100 000 bis 200 000 Menschen.

Doch belastbare Zahlen gibt es nicht. Im Landkreis München könnten sie womöglich eher klein ausfallen: Zwischen 2016 und 2018 sind insgesamt nur 47 Menschen im Zuge von Familiennachzug eingereist, teilt das Landratsamt mit. Weitere 30 Flüchtlinge haben einen Antrag gestellt, der momentan bearbeitet wird. Im Schnitt haben Flüchtlinge, deren Antrag bewilligt wurde, 2,4 Personen nach Deutschland gebracht. Zwar kann das Landratsamt nicht sagen, wie sich die Zahlen entwickeln, sollten subsidiär Geschützte wieder einen Anspruch auf Familiennachzug erhalten. Doch Helfer wissen nur von wenigen, die ihre Familie nachholen wollen.

"Das Thema Familiennachzug ist bei uns sehr klein", heißt es von verschiedenen Helfern und Integrationsbeauftragen in Kirchheim, Aschheim und Garching. Diakon Karl Stocker, der sich um Flüchtlinge in Putzbrunn kümmert, will sich vergewissern, blättert noch einmal in seinen Unterlagen. Doch auch er findet nur Einzelfälle, die überhaupt eine Familie in ihrem Heimatland haben. "Da bin ich jetzt selber ganz überrascht", sagt Stocker. Er habe gedacht, es gehe um mehr Menschen - angesichts dessen, wie präsent das Thema während der vergangenen Koalitionsverhandlungen war.

47 Flüchtlinge

sind insgesamt seit 2016 im Rahmen des Familiennachzugs in den Landkreis München nachgezogen. Weitere 30 Flüchtlinge haben einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt, der gerade bearbeitet wird. Pro bewilligten Antrag kamen laut Landratsamt im Schnitt 2,4 Flüchtlinge in den Landkreis.

Auch Franziska Kindsmüller, die den Helferkreis Unterhaching leitet, kennt nach eigenen Worten nur zwei oder drei Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz, die eine Familie in ihrem Heimatland haben. "Viele kamen bereits mit ihrer Familie oder sie sind alleinstehend." Außerdem seien die Hürden für einen Familiennachzug groß. "Man muss schon einen unheimlichen Durchblick im System haben."

Tatsächlich können Angehörige, auch wenn der Familiennachzug gebilligt wurde, nicht einfach in den nächsten Flieger steigen. Die Zusammenführung ist mit viel Aufwand und hohen Kosten verbunden. Innerhalb von drei Monaten nach ihrer Anerkennung müssen Flüchtlinge ihren Antrag auf Familiennachzug stellen. Danach müssen die Angehörigen, die nach Deutschland wollen, in dem Land, in dem sie sich gerade aufhalten, bei der deutschen Botschaft vorsprechen. Nicola Gerhardt vom Helferkreis Garching kennt Fälle, bei denen es mehr als ein Jahr dauerte, bis dieser Termin vereinbart war.

Außerdem müssen die Flüchtlinge Pässe, Visa und Flugtickets selbst bezahlen. "Das kann sich nicht jeder leisten", sagt die Unterhachinger Helferin Kindsmüller. "Da kommen schnell mehrere tausend Euro zusammen." Wie Rawan Mustafa den Flug für ihren Vater bezahlte? Sie formt mit ihren Fingern ein Viereck. Mit ihrer Kreditkarte soll das heißen. Sie wurde ihr und ihrem Bruder hier in Deutschland angedreht. Jetzt müssen beide ihre Schulden Monat für Monat zurückzahlen.

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Quelle:
SZ vom 24.02.2018
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