Süddeutsche Zeitung

Künstlerische Interventionen:Blick hinter die Mauer

Franz Wanner provoziert mit Aktionen und Performances. Inzwischen gibt es ein Buch mit seiner aufklärerischen Kunst

Von Sabine Reithmaier

Manches liest sich ungeheuer absurd. Die Korrespondenz etwa, die der Künstler Franz Wanner mit der Polizei führte, nachdem er 2016 beim Fotografieren der Mauer von Neuperlach von einer Objektschutzstreife festgehalten worden war. Oder die Antworten der Denkmalschutzbehörden, die er während seiner Recherche zu den Zwangsarbeiterlagern in der Nähe des Ludwig-Bölkow-Campus, dem Forschungs- und Technologiestandort in Ottobrunn, einforderte. Nachzulesen sind die Geschichten im kürzlich erschienenen Katalog "Foes at the Edge of the Frame". In ihm sind Wanners künstlerische Interventionen während der vergangenen fünf Jahre dokumentiert.

Die Gesellschaftskritik dieses Künstlers hat es in sich. Er ist ein genauer Beobachter, egal ob es um die Machenschaften der Rüstungsindustrie, die Asylpolitik der EU oder um Geheimdienste geht. Er analysiert hellsichtig, mischt Erfundenes mit recherchierten Fakten, stellt fiktive Gespräche neben von ihm geführte Interviews und schafft es durch diese ungewöhnliche Montagetechnik, bislang nicht hinterfragte, dafür fest zementierte Vorstellungen ins Wanken zu bringen. Der Name Franz Wanner ist ein Pseudonym des 1975 in Bad Tölz geborenen Künstlers. Ihn beschäftige die Frage, so formuliert es Stephanie Weber, Herausgeberin des Katalogs und Kuratorin für Gegenwartskunst am Lenbachhaus, "wie viel offensichtlich Düsteres wir uns heute kollektiv bemühen zu übersehen". Nicht weil wir durch Vergangenes traumatisiert wären, sondern aus erlerntem Pragmatismus.

Wanner selbst lehnt es ab, seine Arbeit als investigativ zu bezeichnen. Er benötigt keine geheimen Unterlagen, sondern arbeitet meist mit offenen Quellen, sichtbar für diejenigen, die hinschauen wollen. Und ganz nebenbei und eher unabsichtlich deckt er vieles auf. In den Installationen "Battle Management Drawings" und in "From Camp to Campus", beide waren 2018 im Kunstbau des Lenbachbaus zu sehen, beschäftigt er sich unter anderem mit dem bereits erwähnten Ludwig-Bölkow-Campus. Der Campus basiere, so Wanner, auf der ehemaligen, nie fertiggestellten Luftfahrtforschungsanstalt der Nazis, für deren Bau (1940 - 1945) zwei Zwangsarbeiterlager eingerichtet wurden. Die Fundamente und Kellerräume des Lagers liegen in Sichtweite des heutigen Campus, wo Studierende der Bundeswehrhochschule zu "Kampfpiloten" (Wanner) ausgebildet werden. Die Geschichte des Orts aber, teilt die Bayerische Staatsregierung 2016 mit, sei nicht Inhalt der Forschungs- und Lehrtätigkeit auf dem Campus.

Neben die Fotos, die dokumentieren, wie ein Bagger die Reste des Lagers wegschaufelt, zitiert Wanner die Mitteilung der Staatsregierung, in der Ottobrunn zu einem Standort für das Raumfahrtprogramm Bavaria One ausgerufen wird.

Seit dieser Verkündung im Jahr 2018 erhält der Künstler auf seine Fragen an das Landesamt für Denkmalpflege oder die Untere Denkmalschutzbehörde auch keine Antwort mehr. 2017, so lässt es sich im Text "Bereinigung II" nachlesen, räumten die Behörden zumindest noch ein, dass für die betroffenen Flächen derzeit die "begründete Vermutung" bestehe, dass es sich um Bodendenkmäler handle.

Die Außenseiten des Katalogs ziert ein ganz besonderer Münchner Stadtplan. Die Ziffern bezeichnen geheimdienstliche Einrichtungen, auf der Innenseite finden sich deren Adressen, Tarnbezeichnungen und Funktionen. Für seine Performance "Die Befragung" recherchierte Wanner 2018 die Außenposten des deutschen Geheimdienstes, um dessen Befragungswesen unter die Lupe zu nehmen. Unterstützt wurde er von Erich Schmidt-Eenboom, dem Leiter des Forschungsinstituts für Friedenspolitik. Der Publizist, der sich seit Jahren durch die Unterlagen von Geheimdiensten arbeitet, fand im Großraum München eine immense Zahl an Tarnadressen.

Unvergessen die Empörung, als durch diese Recherche im Februar 2018 aufflog, dass der Bundesnachrichtendienst (BND) jahrelang mit einer Funkanlage auf dem Nordturm der Frauenkirche ausländische Diplomaten und Agenten beschattet hatte. Trotz des Spektakels entschied sich Wanner damals, für seine Inszenierung nicht die Frauenkirche zu wählen, sondern die "Hauptstelle für Befragungswesen", laut Angaben des BND seit Juni 2014 aufgelöst. Dort wurden Asylsuchende, nach bestimmten Herkunftsländern ausgewählt, vom BND vernommen. Waren sie kooperationswillig, wurde ihnen nach dem Prinzip Aufenthalt gegen Informationen eine Bleibegenehmigung in Aussicht gestellt. Wanners Inszenierung in den Münchner Kammerspielen simulierte eine Übung während einer Agentenausbildung, die Besucher - pro zehnminütiger Aufführung jeweils zwei Personen - fanden sich in der Rolle von BND-Lehrlingen wieder. Im Katalog ist das Skript der Performance abgedruckt, die Grenzüberschreitungen geheimdienstlicher Arbeit lassen sich darin genausogut erkennen wie die menschenverachtende Sprache.

Was übrigens die eingangs erwähnte 80 Meter lange und vier Meter hohe Mauer von Neuperlach betrifft, die sich die Bewohner einer Reihenhauszeile erklagt hatten, um vor dem Lärm einer damals noch leer stehenden Flüchtlingsunterkunft geschützt zu sein: Wanner hat aus seinen Befragungen der Nachbarn und Politiker den szenischen Text "Beschränkung I" gefertigt, während "Beschränkung II" von seiner Begegnung mit der Polizei berichtet. Als er die Mauer mit Objektschutzstreife fotografierte, forderten ihn die Polizisten auf, die Aufnahmen zu löschen. "Da die beiden Objektschützer sich in das öffentliche Interesse meiner Aufnahme zu integrieren weigerten und ich diese nicht beabsichtigte zu löschen, ... riefen sie Verstärkung." Erst nach einer Stunde und weiteren vier Beamten war klar, das gegen Wanner nichts vorlag "und ich meinen Beruf weiter ausüben dürfe".

Franz Wanner: Foes at the Edge of the Frame, 112 Seiten, erschienen im Distanz Verlag Berlin im Mai 2020

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Quelle:
SZ vom 12.09.2020
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