Süddeutsche Zeitung

Kroetz liest:Blut, Bier & Beifall

Franz Xaver Kroetz schenkt sich zum 60. Geburtstag eine umjubelte Dichterlesung im Literaturhaus.

Christian Mayer

Der Dichter will geliebt werden, er sehnt sich nach Anerkennung. Franz Xaver Kroetz ist da keine Ausnahme, aber er will auf gar keinen Fall ausgestellt werden. Und ins Deppenfernsehen will er erst recht nicht, das hat er seinem Verleger vom Rotbuch-Verlag klar gemacht. Dass er am Sonntag 60 Jahre alt wird, dass er sich von seiner jungen Frau getrennt und ein Buch mit alten Kurzgeschichten veröffentlicht hat, würde ihn als Kandidaten für sämtliche Quasselsendungen qualifizieren - wenn er nicht regelmäßig seine Hasstiraden auf die Glotze ablassen würde.

Im Münchner Literaturhaus, bei der Lesung aus "Blut & Bier", fühlt sich der Dichter dagegen sehr wohl. Schon der warme Begrüßungsapplaus zeigt: Dies wird ein Heimspiel für Kroetz, der gerade ein erstaunliches Comeback als Dramatiker erlebt. Er verbeugt sich, setzt sich in die erste Reihe und hört vergnügt zu, was drei junge Schauspielerinnen vom Residenztheater aus seinen "ungewaschenen Stories" machen: kleine Dramen, abgrundtief komische Theatermonologe.

Trixie Doderer, Lisa Wagner und Sophie von Kessel lesen mit Leidenschaft; wütend, sarkastisch, manchmal zärtlich geben sie den Schriftsteller, der abwechselnd als versoffenes altes Wrack erscheint oder junger Weltverbesserer erscheint. Kroetz hat diese Geschichten vor 13 Jahren während einer Reise nach Thailand geschrieben, "eine unbeschwerte Zeit" mit seiner Frau Marie-Theres und den Töchtern, wie er sagt - auch jetzt muss er oft lächeln über seine tollen Urlaubseinfälle.

Räuspern und knurren

Dann springt er mit einem Riesensatz auf die Bühne, dass man um seine Kreuzbänder besorgt sein muss. Kroetz strotzt vor Energie, seine Haare stehen ungekämmt zur Seite, die Hornbrille, die Falten und der Schnurrbart verstärken seinen Charakterkopf. Diese makabre Story will er selbst vortragen: "Dead Lover" handelt von einem verkommenen Schriftsteller, der beim Rasenmähen im Pasinger Reiheneckhaus einen Herzinfarkt erleidet und auf dem Totenbett von einer hysterischen Journalistin verfolgt wird.

Kroetz räuspert sich, hustet und knurrt ein "Bah" ins Mikrofon. Die Geschichte, die er vorträgt, handelt vom Sterben eines Autors, was Kroetz sehr anschaulich vorführt, indem er röchelt und die Zunge herausstreckt, um die Gesichtsstarre des Sterbenden zum Ausdruck zu bringen. Noch absurder wird es, als Kroetz in die Rolle der hanseatischen Ex-Geliebten schlüpft, die im Angesicht des wehrlosen Schriftstellers eine sehr schrille Leichenrede hält. Die schon betragteren Zuhörerinnen gackern jetzt merkwürdig enthemmt, als der tote Dichter noch einmal einen kleinen Ständer bekommt, von geilen Fotzen und einer Cover-Story in den Magazinen träumt - und endgültig den Abgang macht.

Franz Xaver Kroetz genießt den begeisterten Beifall. Er umarmt seine Schauspielerinnen, wedelt mit dem Blumenstrauß und erduldet die Komplimente seines Verlegers. Kroetz solle doch bitteschön noch ein wenig plaudern, über den Zusammenhang zwischen Dichtung und Wahrheit, aber da stellt er sich stur. Warum das Buch, das nach wenigen Tagen schon in der zweiten Auflage erscheint, so glänzend besprochen wurde? "So viele Leute können doch nicht wissen wollen, warum sich meine Frau von mir scheiden lässt", lässt er sich entlocken.

Bukowski? kann ich auch

Wie ihm denn das Lob eines Kritikers der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gefällt, der in dem schmalen Band ein "Leuchtfeuer in der deutschen Nebellandschaft" erkennt?" "Könnt' noch besser sein." Warum er sich nach Jahren der Emigration auf Teneriffa wieder offen über seine Rückkehr ans Theater rede? "Offen red' ich überhaupt nicht mit Journalisten. So blöd bin ich schon lange nicht mehr." Warum er die Geschichten geschrieben habe, die erst kein renommierter Verlag drucken wollte? "Ich hab' im Urlaub Bukowski gelesen und dachte: Kann ich auch."

Eigentlich sollten jetzt die Zuhörer ein paar Fragen stellen. Aber keiner traut sich, Literaturhaus-Chef Reinhard Wittmann spaziert vergeblich mit dem Mikrofon durch den Saal. Kroetz hat seine Fans eingeschüchtert. "Jetzt sagt's was!", fordert der Dichter. Eine Dame fängt an, energisch zu klatschen, was eine Kettenreaktion auslöst, und so wird Kroetz genötigt, noch eine wunderbare Geschichte über einen durstigen Dichter zu lesen.

Kroetz genießt die Zuneigung, während im Foyer Freibier einer Münchner Brauerei ausgeschenkt wird und das Art Ensemble of Passau Jazz spielt. Eine Stunde lang bleibt er auf der Bühne sitzen und signiert Bücher, Zeitungsartikel, Fotos; er imitiert den Theatermacher Fritz Kortner, er ist charmant. Vielleicht macht es ja doch Spaß, wenn man 60 wird, eine zehnbändige Werkausgabe aufweisen kann und einige Schlachten überlebt hat.

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Quelle:
SZ vom 24.2.2006
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