Süddeutsche Zeitung

Kritik:Mitreißende Reise

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Lisa Batiashvili und Klaus Mäkelä begeistern bei den Münchner Philharmonikern.

Von Harald Eggebrecht, München

Was für ein Erlebnis intensivster Kommunikation zwischen dem 26 Jahre jungen finnischen Dirigenten Klaus Mäkela und den Münchner Philharmonikern! Was für ein Abenteuer, als die großartige Lisa Batiashvili Dmitri Schostakowitschs 1. Violinkonzert zur mitreißenden Reise aus grüblerischer Finsternis in eine Welt von wütender Wildheit gestaltete!

Dieser Abend in der Isarphilharmonie versetzte alle in einen Begeisterungsrausch mit dem unbedingten Gefühl, einer der ganz großen Dirigierbegabungen unserer Zeit begegnet zu sein. Mäkelä stellt nicht selbstgefällig wohlfeile Effekte des Lauten oder Leisen aus, die Gustav Mahlers 1. Symphonie durchaus kennt. Dieser junge Meister versteht es, das Orchester in all seiner Farbigkeit, in der Besonderheit der verschiedenen Instrumentalgruppen ebenso wie auch im gesamten Tutti nicht als attraktive Masse Klang erscheinen zu lassen, sondern als tiefgestaffelte Orchesterlandschaft bis ans letzte Pult zu erhellen. Das begann mit "Batteria", einem vor Vitalität strotzenden Stück des finnischen Komponisten Sauli Zinovjev, Jahrgang 1988. Mäkelä und die Philharmoniker boten es als perkussiv aufblitzendes, elastisch donnerndes, dann wieder geschmeidig sich ins Melancholische wendendes Virtuosenstück für großes Orchester. Der anwesende Komponist, Mäkelä und die Musiker wurden mit Bravi überschüttet. Erst recht Ovationen für Lisa Batiashvili, als sie mit Mäkelä und dem unter seiner geisteshellen Leitung in jedem Moment rhythmisch wie klanglich höchst wachsamen Orchester Schostakowitschs Konzert in allen Aspekten von tiefer Trauer und trostloser Bitternis bis in die krassen Zornesausbrüche und in das wüste Rasen (die ungeheure Solokadenz!) imponierend erfüllte.

Und dann Mahlers Erste: Klaus Mäkelä verlor bei aller Vielfalt seiner Körpersprache nie die Übersicht; er und seine Musiker, beseelt von symphonischem Geist, fesselten alle: vom magischen Symphonie-Anfang - "wie ein Naturlaut" - über das trügerisch bis sarkastisch sich ländlerselig gebende Scherzo weiter zur zarten Groteske des Kontrabasssolos (bravo!) des langsamen Satzes und dessen Traumverlorenheiten bis hin zum in allen Facetten aufs Feinste explodierenden Finale - es war ein phänomenales Ereignis. Wer dabei war, wird's nie vergessen.

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