Süddeutsche Zeitung

John Kerry:"Ich schäme mich für mein Land"

Am Vorabend der Siko spricht der ehemalige US-Außenminister über Klimaschutz

In der Musik gibt es Dur und Moll. Ersteres gilt als fröhlich, hoffnungsvoll, zweiteres als melancholisch und düster. Dieser Abend beginnt mit einem tiefen Moll. Auf der Bühne sitzt der ehemalige US-Außenminister John Kerry. Er ist der erste Gast an diesem Donnerstag im Prinzregententheater. Der Moderator, SZ-Außenpolitikchef Stefan Kornelius, will von ihm wissen, was er - bezogen auf die Klimapolitik - von der Situation in seinem Land hält. Kerry schweigt, hält das Mikro, hebt dann die freie Hand - und schweigt. Als solle sein Schweigen bereits alles sagen, was zu sagen sei. Das Publikum lacht. Schließlich setzt Kerry doch an und sagt: "Ich schäme mich für mein eigenes Land." Auf den Rängen ist es wieder ruhig. Er sei tief enttäuscht von dem Präsidenten, der aus dem Klimaabkommen von Paris ausgestiegen ist und den Bürgern vermittle, Klimaschutz sei eine Last, sagt Kerry.

Der Abend im Prinzregententheater ist Teil des Vorprogramms der Münchner Sicherheitskonferenz. "Klimasicherheit: Ein Akkord in Dur oder Moll?", heißt die Veranstaltung, die Diskussion und Konzert zugleich ist - in der ersten Stunde wird geredet, in der zweiten spielt das Münchner Kammerorchester. Dass Kerry spricht, war erst kurz vor der Veranstaltung bekannt geworden, trotzdem scheint er auf das deutsche Publikum vorbereitet - er spricht über Autos. "Niemand will, dass ihr euren Lifestyle aufgebt", sagt er. Statt eines herkömmlichen Autos könne man auch E-Auto fahren. Der neue E-Porsche beschleunige von null auf hundert in nur wenigen Sekunden. "Braucht ihr wirklich mehr als das?", fragt Kerry und erntet zustimmendes Lachen.

Manchmal ändern Musikstücke mittendrin ihre Tonart. Und das macht auch Kerry an diesem Abend. Nachdem US-Präsident Donald Trump sich aus dem Klimaabkommen von Paris zurückgezogen habe, hätten Tausende Bürgermeister und viele US-Bundesstaaten, die zusammen eine Mehrheit der US-Bürger vertreten, sich bereit erklärt, die Standards einzuhalten. "Donald Trump ist allein", sagt Kerry.

Die Verantwortlichen der diesjährigen Sicherheitskonferenz haben "die sicherheitspolitischen Auswirkungen des Klimawandels" als einen der wichtigsten Schwerpunkte auf die Agenda gesetzt. Das dürfte angesichts des breiten öffentlichen Interesses keine Überraschung mehr sein - dabei gehören einige der erwarteten Außenminister Regierungen an, die dem Klimawandel wenig Beachtung schenken oder ihn sogar verleugnen.

Umso bezeichnender, dass an diesem Abend im Prinzregententheater kein Zauderer spricht, sondern vor allem jene, die sich bereits um das Thema verdient gemacht haben. Wie John Kerry, der führend in den Verhandlungen um das Pariser Klimaabkommen war. Die nächsten Gäste sind Jennifer Morgan, die seit 2016 Geschäftsführerin von Greenpeace International ist, und Starviolinistin Julia Fischer. Was tut Fischer für den Klimaschutz? Sie habe im Januar ihre erste klimaneutrale Tournee gemacht, "nur im Zug". Ihr Lebensstil mit dem ständigen Fliegen sei ziemlich klimaschädlich, sagt sie auf Nachfrage und fordert, die Politik müsse mehr Rahmenbedingungen setzen.

Von den Gesprächen des Abends bleibt das Ambivalente, wie nach so vielen Debatten über das Klima: Das hoffnungsvolle "Wir können noch handeln". Und das melancholische: "Wir sind schon mittendrin". Nicht immer ist in der klassischen Musik klar zu erkennen, in welcher Tonart das gerade gehörte Stück nun war - so auch bei der Debatte: Dur oder Moll? Wer das wissen möchte, muss sich den letzten Ton anhören. Der gibt vor, in welcher Tonart das Stück geschrieben ist. An diesem Abend war es Beethovens Violinkonzert in D-Dur.

Vereint im Ziel

John Kerry hat sich für seinen München-Besuch offenbar so einiges in seinen Terminkalender geschrieben: Zusätzlich zu der Abendveranstaltung im Prinzregententheater ist er am Donnerstag auch bei "Apocalyse now? Climate and Security" dabei - eine Podiumsdiskussion im Bayerischen Hof. Dort trifft der frühere US-Außenminister auf den ehemaligen UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. Die beiden Männer strahlen, als sie sich begegnen, begrüßen sich mit Handschlag und fester Umarmung. Alte Freunde aus der Zeit, als sie das Weltgeschehen noch lenken konnten.

Dass sie an diesem Tag gemeinsam auf dem Podium sitzen, hat viel damit zu tun, dass inzwischen Donald Trump im Weißen Haus wohnt. "In Amerika wird ein Krieg gegen die Wissenschaft geführt", sagt Kerry. Und der Präsident behaupte, der Klimawandel sei ein Witz der Chinesen.

Vor allem viele junge Menschen sind gekommen, um Kerry und Ban Ki-moon zu sehen - und Jennifer Morgan, die Leiterin von Greenpeace International. Die jungen Klimaaktivisten hätten die Debatte verändert, sagt Morgan. Dafür sei sie unglaublich dankbar. Aber es sei falsch, die Verantwortung der Politik auf sie zu übertragen. Auch Ban Ki-moon liegt das Thema am Herzen. Er habe in seiner Amtszeit und auch danach immer nur mit den etablierten Gruppen gesprochen, den Politikern, den Meinungsführern. "Jetzt", sagt er, "habe ich realisiert, dass es viel wichtiger ist, die Kinder zu bilden." In jedem Land der Welt sollte die Bedeutung der Umwelt und die Folgen des Klimawandels ab der Grundschule mit auf dem Stundenplan stehen. Denn "politische Führer kommen und gehen", sagt Ban Ki-moon. Es sei die junge Generation, die die Welt in die Zukunft führen werde. Ricarda Richter

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SZ vom 15.02.2020
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