Süddeutsche Zeitung

Hörenswert:Exzess der Bedeutung

Beeindruckender Metal-Punk aus Oberbayern: "Die Dorks" bringen ihr siebtes Album heraus

Von Egbert Tholl, München / Marktl am Inn

Es ist schon erstaunlich, wohin einen humanistische Erziehung so treiben kann. Der eine Schulabgänger wird Terrorist, der andere Ministerpräsident. Tatsächlich besuchten sowohl Andreas Baader als auch Franz Josef Strauß das Maximiliansgymnasium in München, zu unterschiedlichen Zeiten und auch unterschiedlich lang. Die Heterogenität der Folgen der hier gelehrten humanistischen Ideale konnte man einige Jahre später dann selbst erleben, an sich selbst und beim Betrachten der Mitschülerinnen und Mitschüler. Vielleicht waren wir auch einfach ein lustiger, individualistischer Jahrgang; jedenfalls gab es in der Vergangenheit wiederholt Gelegenheit, in dieser Zeitung über Menschen zu schreiben, die am selben Ort und zur selben Zeit Abitur machten wie der, der über sie schreibt. Manche wurde Dichter, andere fingen an zu malen, einer erfand ein Kontrabasssaxofon, einer einen Flugzeugmotor und einige machen Musik. Wie der Pät.

Der Pät machte das damals schon, als wir alle noch an der Schule waren. Vage ist noch eine Erinnerung irgendwo im Kopf an ein sehr lautes Konzert an einem sehr kleinen Ort, aber vielleicht war das damals gar nicht der Pät, sondern der Markus, wahrscheinlich waren es aber beide zusammen. Nun ist der Pät längst Rechtsanwalt, Musik macht er aber immer noch, er hat nun sogar ein neues Band-Zuhause gefunden. Dieses heißt Die Dorks und ist beheimatet in Marktl am Inn, wo eben nicht nur Papst Benedikt XVI. herstammt, sondern auch eine eher unverzärtelte Combo, die seit inzwischen 15 Jahren Musik macht und nun mit ihrem siebten Album "Die Maschine von morgen" in einschlägigen Genre-Magazinen als Sensation gefeiert wird.

Wenn man mal ganz kurz die humanistische Bildung beiseite lässt, kann man unverblümt sagen: Das Zeug ist geil! Das liegt zunächst an der Sängerin des Quartetts, Lizal Dork. Sie singt hymnisch und zornig, theatralisch und äußerst direkt, wie es grad sein muss. Die Dorks haben Freude an gesellschaftlicher Analyse - "Du interessiert dich für brotlose Kunst? Dann bis du nur ein wertloses Subjekt" -, regen sich über den "Exzess der Nichtigkeit" auf, sind subkutan äußerst intellektuell und musikalisch ziemlich umwerfend. Pät, der hier Gitarre spielt, kündigte einem die Scheibe als "Metal-Punk" an, da war man gewappnet. Tatsächlich aber kriegt man alle möglichen Spielarten härterer Musik um die Ohren gehauen, erstaunlich subtil, verspielt, einfallsreich. Nie plump. Und ja, dann doch humanistisch. Idealistisch.

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Quelle:
SZ vom 10.04.2021
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