Süddeutsche Zeitung

Hertzkammer:Hypnotisch

Das neue Album des Elektronik-Duos "Driftmachine"

Von Martin Pfnür

Die Betitelung elektronischer Musik gehört zu den eher undankbaren Aufgaben, denen man sich zu stellen hat, wenn man nicht gerade Scooter heißt und dem Gagaismus textlich freien Lauf lassen kann. Nicht selten ist da ein gewisser Unwille herauszulesen, die Abstraktion überhaupt in eine schriftliche Form zu gießen, und so changieren die Titel anspruchsvollerer Electronica oft irgendwo zwischen völliger Wurschtigkeit, konzeptuellem Überbau und bloßem Zahlenwerk.

Vor diesem Hintergrund darf man nun vor allem den ersten der vier Tracks, die Florian Zimmer und Andreas Gerth als Driftmachine auf ihrem neuen Album "Spume & Recollection" versammeln, als Statement für die Lust am Illustrativen verstehen. "Albatros Follows A Killer Whale" schickt einen hinaus aufs Meer und hinein in ein elfeinhalbminütiges Zusammenspiel der Modularsynthesizer. Oben in den höheren Frequenzbereichen lassen sie den Albatros gravitätisch kreisen, weiter unten gibt der Killerwal einen fluiden Rhythmus vor, und mit jedem Loop scheint sich die Kommunikation zwischen den beiden etwas enger zu einem hypnotischen Groove zu verschalten. Eben der ist denn auch das elementare Bindeglied des Albums, das mit einem Lehrstück in Sachen Synthie-Minimalismus, einer eleganten Dub-Nummer und einem geradezu kosmischen Finale die enorme Wendigkeit dieser Driftmachine unterstreicht.

Kein Wunder eigentlich. Sind Florian Zimmer und Andreas Gerth doch bereits seit den Neunzigern Teil jenes verflochtenen Kreises, der sich einst über die Satellitenprojekte der Acher-Brüder von The Notwist und das Underground-Label Hausmusik herausbildete. Während Zimmer in Bands wie Lali Puna oder Iso68 die Elektronik bediente und heute mit Saroos (zusammen mit Lali-Puna-Drummer Christoph Brandner und Notwist-Gitarrist Max Punktezahl) innovative Klangforschung betreibt, verpasste Andreas Gerth etwa dem Acher'schen Tied & Tickled Trio eine dubbige Note, und entwickelte mit dem ehemaligen Notwist-Frickler Martin Gretschmann ein soundgenerierendes Modularsystem für das Hörspiel "Unendliches Spiel" nach David Foster Wallace. Seit Mitte der Nullerjahre sind die beiden in Berlin zu Hause, verloren sich lange Zeit aus den Augen - und fanden 2014 per Zufallsbegegnung als Duo zusammen. Seither vergeht kaum ein Jahr ohne ein neues Driftmachine-Album. Dem Zufall sei's gedankt!

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Quelle:
SZ vom 24.03.2021
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